Simmering Spurensuche in einer FPÖ-Hochburg, die Van der Bellen wählte

Ganz Wien stimmte mehrheitlich für Van der Bellen - selbst Simmering.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Der Wiener Arbeiterbezirk Simmering stimmte diesmal für den grünen Kandidaten. Seine Anhänger werten das als besonders großen Sieg. Aber ist er das?

Reportage von Paul Munzinger, Wien

Alexander Van der Bellen hat nicht mehr viel Puste gehabt am Abend seines Wahlsiegs. Nur wenige Minuten sprach der nächste Bundespräsident Österreichs vor seinen Anhängern, aber eines wollte er dann doch erwähnt haben: "Wir haben die Mehrheit in Simmering erreicht." Mehr musste er gar nicht sagen, um die Menschen jubeln zu lassen, noch ein bisschen lauter als sonst.

In Wiens elftem Bezirk hat sich vor einem Jahr Überraschendes zugetragen: Nach 70 Jahren verlor die SPÖ ihre Bezirksmehrheit an die FPÖ. Das "blaue Simmering" ist damals zum Sinnbild geworden für den Aufstieg der Rechtspopulisten. Simmering lieferte einen handfesten Beleg für die in ganz Europa verbreitete These, wonach die neurechten Parteien in die Lücken schlüpfen, die die in die Mitte rückenden Sozialdemokraten hinterlassen haben. Als neue Partei für Arbeiter, als Partei der Kümmerer und Sorgenversteher, als, so bezeichnet sich die FPÖ selbst, "soziale Heimatpartei".

Im Mai, beim ersten Versuch, einen österreichischen Bundespräsidenten zu wählen, hat eine hauchdünne Mehrheit von 50,3 Prozent der Simmeringer Norbert Hofer gewählt, als einziger Bezirk Wiens. Nun also hat eine kaum weniger knappe Mehrheit von 52,36 Prozent für Alexander van der Bellen gestimmt, so wie alle anderen Bezirke der Hauptstadt auch. Seine Anhänger feiern das als besonders großen Sieg. Aber ist er das wirklich?

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Auf der Simmeringer Hauptstraße reihen sich Dönerbuden an Ramschläden und Wettbüros. Der Glanz der Kaiserstadt ist hier weit weg, viele Menschen leben in Gemeindebauten, für deren Existenz sie die SPÖ jahrzehntelang mit satten Mehrheiten belohnt haben. Das ist vorbei. Simmering ist heute ein Stadtteil, wo der Verkäufer eines Discount-Marktes - alles ab einem Euro - berichtet, dass die Geschäfte bis zur Mitte jedes Monats gut laufen. Dann gehe es bergab, weil die Leute einfach kein Geld mehr übrig hätten.

Man trifft an diesem Montag nach der Wahl in Simmering nicht auf Erleichterung, nicht auf Wut, man trifft auf Gleichgültigkeit. Da ist die alte Dame, die im Café Albrecht ein frühes Mittagessen bestellt hat, Semmelknödel mit Rahmschwammerl. Der Van der Bellen gefalle ihr nicht, der Hofer schon besser, aber gewählt hat sie überhaupt nicht. Was die Politiker verdienten, was sie machten, sagt sie, das sei eine Katastrophe. Oder der Mann mit dem grauem Schnurrbart, der sich in der Kneipe gegenüber ein frühes Bier bestellt hat. Er schimpft auf die "Freunderlwirtschaft" in der Politik und findet, dass es nicht richtig ist, "wenn alle gegen einen sind", gegen Norbert Hofer. Ob er ihn gewählt hat, will er nicht verraten, aber letztlich sei es auch nicht so wichtig. "Es hätte sich unter Hofer nichts verändert", sagt er. "Und es wird sich unter Van der Bellen nichts verändern."

Van der Bellen ist vielen Grünen zu weit in die Mitte gerutscht

Patrick Zöchling will den Wahlsieg Van der Bellens auch nicht überbewerten, schon gar nicht als "grünen" Erfolg. Aber ein "Signal" sieht er schon: dass, wenn es hart auf hart komme, eine deutschnationale Partei wie die FPÖ auch in Simmering nicht die absolute Mehrheit erreiche. Zöchling, 30 Jahre alt, gelernter Sozialarbeiter, ehrenamtlicher Bewährungshelfer, ist Klubobmann der Grünen in Simmering. Und damit jemand, der ein solches Signal durchaus zu schätzen weiß. Zöchlings erster Blick, als er am Grünen-Parteibüro in einer Seitengasse der Simmeringer Hauptstraße ankommt, gilt der Fassade. Mit blauem Filzstift hat jemand mehrere "FPÖ"-Schriftzüge hinterlassen. Im Sommer schon haben die Grünen das Büro bezogen, das Parteilogo über der Tür hat Zöchling aber erst angebracht, als die Versicherung abgeschlossen war. Wütend wirkt er nicht über die Schmierereien, eher irritiert. "Ich würde doch auch nie 'Grüne' an das Parteibüro der FPÖ kritzeln."

Monatelang hat Zöchling Wahlkampf für Van der Bellen gemacht, Flyer verteilt, Leute auf der Straße angesprochen. Dabei sei er kein Van der Bellen-Jünger, er habe ihn eher unterstützt wie er auch einen gemäßigten ÖVP-Kandidaten gegen die FPÖ unterstützt hätte. Van der Bellen ist ihm wie vielen Linken zu weit in die Mitte gerutscht. Einen Vorteil hatte das immerhin für Zöchling: Im Wahlkampf für Van der Bellen sei er deutlich weniger beschimpft worden als wenn er für die Grünen unterwegs sei. Seine Partei hat im Vorjahr in Simmering 5,6 Prozent erreicht. Damit sind sie, noch vor der ÖVP, auf Platz drei.

Zöchling ist der Meinung, dass besonders die SPÖ die sozialen Themen in der Vergangenheit vernachlässigt habe und dafür nun vom Wähler abgestraft werde. Armut und mangelnder Zugang zu Bildung würden in Österreich von Generation zu Generation weitervererbt, gerade in Simmering treffe das viele Menschen. Für Zöchling ist es deshalb auch zu kurz gegriffen, von "Modernisierungsverlierern" zu sprechen. Das Problem reiche viel weiter in die Gesellschaft hinein. Und die FPÖ setze im Wahlkampf besonders geschickt auf Emotionen, anstatt die komplexen Zusammenhänge zu erklären.

Was in Simmering in den nächsten Jahren passiere, sei nun eine Art Probebetrieb für die FPÖ: Politik statt Wahlkampf. Und eines ihrer zentralen Wahlkampfversprechen habe sie schon einmal nicht eingehalten: Die FPÖ hatte angekündigt, Palmen auf der Simmeringer Hauptstraße aufzustellen. Davon ist noch nichts zu sehen.

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