Sigmar Gabriels Babypause Mittendrin statt nur daheim

"Im Wesentlichen" wollte er zu Hause bleiben und das Kind betreuen, doch ganz ohne Politik hält es Sigmar Gabriel eben doch nicht aus. Obwohl der SPD-Chef Babypause macht, meldet er sich fast täglich zu Wort. In seiner Partei ruft das ein geteiltes Echo hervor.

Von Susanne Höll, Berlin

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel regt sich immer mal wieder auf, dass die sozialdemokratische Stimme öffentlich nicht laut genug zu hören sei. Und hat sich in der Vergangenheit den einen oder anderen deswegen auch persönlich vorgeknöpft. Von ihm ist aus internen Runden der Satz überliefert, er könne doch beim besten Willen nicht alles allein machen.

Viele Genossen hatten sich gefragt, wie ihr umtriebiger Parteichef die "politikfreie" Zeit zuhause durchstehen würde. Nicht politikfrei natürlich.

(Foto: dapd)

In dieser politischen Sommerpause wird in Deutschland niemand sagen, dass die sozialdemokratische Stimme gefehlt hätte. Denn der Chef persönlich sprach - laut, wie es eben seine Art ist, und ziemlich oft. Gabriels Omnipräsenz in den vergangenen Wochen stößt in der Partei auf ein geteiltes Echo.

Die einen sagen, der Vorsitzende habe der SPD in den ruhigen Wochen mit den richtigen Themen die im Vorwahljahr notwendige Aufmerksamkeit verschafft. Andere wiederum klagen, Gabriel habe sich zu oft zu unterschiedlichen Themen geäußert, die Partei und die Bürger eher verwirrt. Auch deshalb, weil Gabriel in diesen Tagen eigentlich privatisieren, mithin von der politischen Bühne verschwinden wollte.

Im Frühjahr, nach der Geburt von Tochter Marie, hatte der Parteivorsitzende angekündigt, er nehme sich dieses Jahr von Juni bis Mitte September eine Babypause, weil die Mutter, Zahnärztin in Magdeburg, wieder in ihre Praxis müsse. In dieser Zeit wolle er "im Wesentlichen" daheim bleiben und das Kind betreuen. Wer Gabriel kennt, konnte sich schon damals ausrechnen, dass der Vorsitzende nicht beabsichtigt, von der Bildfläche zu verschwinden. Dass er aber fast täglich in Erscheinung treten würde - mit einer politischen Idee, einem Interview, in einer Zeitung oder im Kurznachrichtendienst Twitter, einem öffentlichen Auftritt daheim in Goslar oder wie am Montag im Willy-Brandt-Haus - hätten selbst die nicht erwartet, die seit Jahren mit ihm zusammenarbeiten.

Inzwischen mokieren sich nicht wenige in der SPD über die Allgegenwärtigkeit, manche regen sich auf und finden, auch in einer inoffiziellen Babypause - und um eine solche handelt es sich - kümmere man sich ums Kind und nicht den Job. Wohlmeinende sagen, ein Parteivorsitzender müsse eigentlich immer im Job sein, jedenfalls ein wenig. Und ein anderer bemerkt: "Ist doch gut, dass er redet. Ansonsten wäre es nämlich ziemlich still um die SPD."

Stimmt. Von den Vize-Vorsitzenden hört man in Sachen Bundespolitik seit geraumer Zeit kaum etwas. Und auch von Ex-Finanzminister Peer Steinbrück würden sich nicht wenige mehr öffentliches Engagement wünschen. Das aber wäre mit Blick auf die offene Kanzlerkandidaten-Entscheidung möglicherweise heikel. Meldet sich Steinbrück zu anderen Themen als Finanzen und Euro zu Wort, hieße es gleich wieder, er kämpfe nun wirklich um das Amt des Herausforderers.

Gabriel präsentiert erstaunliches Repertoire

Aber auch die Sozialdemokraten, die Gabriels Agieren begrüßen, finden, er solle nach seinen "Sommerfestspielen" ein wenig auf die Bremse treten. Tatsächlich war sein Repertoire in den vergangenen Wochen erstaunlich. Er nahm sich, neben manch anderem, die Banken, besser gesagt deren mangelnde Kontrolle vor. Sein jüngster Vorstoß, ein mittelfristiger Plan zur Lösung der Euro-Krise mit mehr Rechten für Brüssel mitsamt einem Volksentscheid dazu, sorgte für großen Wirbel, hauptsächlich, weil sich die Regierungsparteien ziemlich aufregten. Was Gabriel in der Sache genau anstrebt, ist bislang unklar. Namhafte SPD-Vertreter der unterschiedlichen Flügel fanden an der Idee Gefallen.

Für den Bundestagswahlkampf brauche man eine Alternative zum Kurs der CDU-Vorsitzenden und Kanzlerin Angela Merkel. "Sonst gehen wir bei dem Thema unter. Wir können doch im Bundestag nicht ständig mit der Regierung stimmen und gleichzeitig über sie schimpfen", beschreibt ein Sozialdemokrat das rote Europa-Dilemma. Ähnliches gilt auch für das Thema Bankenkontrolle, mit dem Gabriel eine schmerzhafte Wunde der Regierung traf. Damit habe er der SPD genutzt, befindet einer aus den Führungsreihen. Und fügt mahnend hinzu: "Wenn man ein Thema setzt, muss man es auch konsequent weiterführen."

Das ist, wie die Kritiker sagen, allerdings nicht Gabriels Stärke. Auch nicht kollegiale Disziplin und interne Kommunikation. Von der Banken-Initiative erfuhren Partei und Bundestagsfraktion aus der Zeitung, auch der Europa-Vorstoß war so nicht abgesprochen. Dem Bundestagswahlkampf sieht mancher mit Bangen entgegen. Ein Wahlkampf brauche einen Chor, keine Solisten. Dann dürfe man keinesfalls ohne Vorwarnung eine Idee nach der anderen in die Welt setzen. "Dann denken die Leute, ach der Siggi trompetet wieder, und hören nicht mehr zu."