SPD Sigmar Gabriel: Ich, mein größter Fan

Parteitag SPD-Bezirk Hannover Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) kommt am 12.09.2015 in Hildesheim (Niedersachsen) zum Parteitag vom SPD-Bezirk Hannover. Am Samstag ist der SPD-Bezirk Hannover in Hildesheim zu seinem ordentlichen Bezirksparteitag zusammen gekommen. Foto: Nigel Treblin/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Mal mault er, mal ist er nachdenklich und manchmal auch ratlos. Trotz der schlechten Lage der SPD kann sich ihr Vorsitzender immer wieder an sich selbst berauschen.

Von Nico Fried

Der Genosse hat seinem Parteivorsitzenden etwas mitgebracht: Er solle ihm Grüße von der Hannelore überbringen, sagt der ältere Herr bei einer Wahlkampfveranstaltung in Magdeburg. Sigmar Gabriel braucht einen Moment, bis er versteht, dass Hannelore Kohl gemeint ist, Richterin im Ruhestand und Vorsitzende der Bundesschiedskommission der SPD. Ihr wird gelegentlich erhöhte Aufmerksamkeit zuteil, wenn es um Parteiausschlussverfahren geht. "Danke", antwortet Gabriel prompt dem Genossen, "will sie mich rausschmeißen?" Gelächter im Saal. "Na ja", feixt der SPD-Chef, "man weiß ja nie."

Ein typischer Gabriel. Er mag es, sein Verhältnis zur Partei ein wenig distanziert zu kommentieren, irgendwo zwischen Selbstironie und Sarkasmus. Tatsächlich handelt es sich um eine spannungsreiche Beziehung. "Man weiß ja nie", sagen auch viele Sozialdemokraten immer mal wieder über ihren Vorsitzenden, weil er sie gerne mit unabgestimmten Vorschlägen überrascht. Ganz meinerseits, kann Gabriel seit dem letzten Parteitag antworten, wo er bei der Wiederwahl mit 74 Prozent ein unerwartet schlechtes Ergebnis bekam.

Gabriel lässt sich nichts anmerken, allenfalls erhöhte Rauflust

Nun stehen drei Landtagswahlen an. Die Umfragen prognostizieren der SPD in Baden-Württemberg ein sehr bescheidenes Abschneiden, in Sachsen-Anhalt könnte sie sogar auf Platz vier fallen, noch hinter die AfD. Lediglich in Rheinland-Pfalz besteht für die Sozialdemokraten ein Rest Hoffnung, dass Ministerpräsidentin Malu Dreyer ihr Amt gegen Julia Klöckner von der CDU verteidigt. Und wenn nicht? Dass Gabriel gestürzt wird, gilt als unwahrscheinlich, weil niemand seinen Job will. Aber was ist, wenn er die Lust verliert? Man weiß ja nie.

74 Prozent, das war bitter. Doch nach der Weihnachtspause hat Gabriel sich erst einmal nichts anmerken lassen. Allenfalls erhöhte Rauflust: Der Vizekanzler schrieb höchstpersönlich eine ausführliche Reaktion zu einem kritischen Artikel auf Spiegel Online. Nach dem Streit um TV-Debatten in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ätzte Gabriel wiederholt gegen den Intendanten des Südwestrundfunks, zuletzt während einer Pressekonferenz in Mainz, wo er ihm mangelnde Courage im Umgang mit der AfD vorhielt. Und in der vorletzten Sitzung der Bundestagsfraktion ergriff Gabriel im Streit um das Asylpaket II gleich dreimal das Wort, unter anderem um sich gegen anonyme Kritiker in den eigenen Reihen zu wehren.

Diese gesteigerte Neigung zum Streit ist nicht immer leicht zu deuten. Manchmal ist es Frust, dann drückt Gabriel mit seiner Maulerei nur aus, wie ihn der ganze politische Betrieb nervt, die eigene Partei, nicht zuletzt die Journalisten. Manchmal aber ist es schiere Lust am politischen Kampf. Gabriel ist gut in Debatten. Er provoziert gerne, auch um sich angreifbar zu machen. Das hilft ihm, in Fahrt zu kommen. Und er hat gute Erinnerungen an Krawall: Gabriel ist überzeugt davon, dass sein legendärer Disput mit ZDF-Moderatorin Marietta Slomka über den Mitgliederentscheid in der SPD 2013 manchen Genossen stolz gemacht und so den Weg in die große Koalition erleichtert hat.