Nach dem Bruch der Siegel an iranischen Atomanlagen steht ein Militärschlag gegen Teheran nach Auffassung des britischen Außenministers "nicht auf der Tagesordnung". Die USA und Europa fürchten, dass die Islamische Republik in Wirklichkeit nach der Atombombe greift.
Ungeachtet internationaler Proteste hat Iran am Dienstag die Siegel an der Atomanlage Natans entfernt und sein umstrittenes Atomforschungsprogramm zur Urananreicherung wieder aufgenommen.
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Die USA nannten die Einschaltung des UN-Sicherheitsrats "die letzte Option", sollte die Regierung in Teheran nicht zum Einlenken bereit sein. Der britische Außenminister Jack Straw sagte, er glaube nicht, dass eine Militäraktion irgendeines Staats gegen Iran auf der Tagesordnung stehe. Der Westen argwöhnt schon lange, dass die Islamische Republik in Wirklichkeit nach der Atombombe strebt.
Der stellvertretende Leiter der iranischen Atombehörde, Mohammed Saidi, versicherte vor Journalisten in Teheran, die Wiederaufnahme der "Forschung" bedeute noch nicht die Herstellung von Reaktorbrennstoff. Die Siegel waren von der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) vor 14 Monaten angebracht worden, als Iran sich zur Aussetzung sowohl der Forschung als auch der Urananreicherung als "vertrauensbildenden Maßnahmen" verpflichtet hatten.
Vertreter der Wiener Agentur waren in Natans, etwa 300 Kilometer südlich von Teheran, bei der Lösung der Siegel anwesend. Nach Darstellung von Saidi wurde die Forschung in mehreren Zentren wieder aufgenommen. Einzelheiten nannte er nicht.
In Wien wurde bisher nur die Lösung der Siegel in Natans bestätigt. Nach Erkenntnissen der IAEA will Iran in Natans durchaus Uran anreichern. Die iranische Führung habe die IAEA darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie die Zentrifugen in der Forschungsanlage wieder in Betrieb nehmen wolle, um "in geringem Umfang" Uran anzureichern, erklärte IAEA-Generaldirektor Mohammed el-Baradei.
Die USA verurteilten die Entfernung der Siegel scharf. Die iranische Führung zeige damit "ihre Missachtung der internationalen Besorgnis und der internationalen Diplomatie", sagte der US-Botschafter bei der IAEA, Gregory Schulte, in Wien.
Die USA fordern seit Jahren internationale Sanktionen gegen Teheran. Aus dem US-Präsidialamt hieß es, wenn die Regierung in Teheran mit der Anreicherung von Uran beginne, wäre dies eine ernsthafte Eskalation des Konflikts.
Die Regierung in London erteilte einer militärischen Option gegen die Islamische Republik eine Absage. Straw sagte, dies stehe für sein Land nicht zur Debatte. Vielmehr müsse der Streit auf diplomatischem Wege oder durch andere nicht-militärische Mittel gelöst werden. Frankreich warnte Iran vor einer militärischen Nutzung der Kernkraft.
Russland rief Iran zum Aussetzen seiner umstrittenen Atomforschung bis zu einer weiteren bilateralen Gesprächsrunde im Februar auf. Außenminister Sergej Lawrow sagte in Moskau, sein Land sei besorgt "über jüngste Informationen, dass Iran in nächster Zeit Arbeiten zur Urananreicherung trotz eines Moratoriums wieder aufnehmen will". Das chinesische Außenministerium forderte Teheran zur Zurückhaltung und Rückkehr zu den Verhandlungen mit der Europäischen Union auf.
Bereits am Montag hatten die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats den Iran zum Einlenken aufgefordert. Die Atommächte USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland hatten an Teheran appelliert, die Forschung zur Produktion von atomaren Brennstoffen aufzugeben.
Andernfalls könnte das Thema vor den Sicherheitsrat gebracht werden, der Sanktionen gegen den Iran verhängen könnte. Unter heftiger Kritik aus dem Ausland hatte Iran die Urankonversion in Isfahan am 8. August 2005 wieder aufgenommen.
Dabei wird Natururan in Uranhexafluorid umgewandelt, das Ausgangsprodukt für die Urananreicherung. Damals wurde zugunsten von weiteren Verhandlungen auf die Einschaltung des UN-Sicherheitsrats verzichtet, zumal Russland und China Vorbehalte gegen mögliche Sanktionen gezeigt hatten.
Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte massive Kritik: Mit dem Aufbrechen der Siegel habe die Regierung in Teheran "Linien überschritten, von denen sie wusste, dass sie nicht ohne Folgen bleiben werden". Noch in dieser Woche werde das EU-Trio - Deutschland, Großbritannien und Frankreich - darüber beraten, ob Verhandlungen mit Iran überhaupt eine weitere Grundlage hätten.
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(SZ vom 11.01.2006)
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