Sherry Turkle Das Leben ist keine App

Sherry Turkle, 67, ist Psychologin und Soziologin.

(Foto: Joe Tabacca/Polaris/laif)

Im Zeitalter von Facebook bleibt kaum Raum für das Gespräch. So werden wir zu Autisten, warnt die US-Soziologin.

Interview von Alexandra Borchardt

SZ: Frau Turkle, Sie sagen, der ständige Blick auf Facebook und andere soziale Netzwerke mache uns asozial. Wie nutzen Sie Ihr Smartphone?

Sherry Turkle: Meine Regel ist - kein Handy in der Küche, im Esszimmer, im Auto. Ich plädiere für Smartphone-freie Zonen, für "heilige Orte".

Sind Sie auf Facebook?

Ja, ich mag die sozialen Netzwerke. Ich bin nicht anti Technologie, ich bin pro Gespräch.

Aber über Facebook kommuniziert man doch, verbindet sich mit Leuten, tauscht Ideen aus.

Die Menschen sind so hektisch dabei, sich mit so vielen zu verbinden, dass sie verlernen, sich zu unterhalten. Eine persönliche Unterhaltung findet in Echtzeit statt: Man kann nicht steuern, was passiert. Als Psychologin weiß ich, dass das Gespräch der Schlüssel zur Empathie ist - zwischen Eltern und Kindern, im Arbeitsumfeld, in der Liebe. Es schockiert mich, wie leicht Menschen das Gespräch durch Online-"Gespräche" ersetzen.

Wo liegt denn das Problem?

In den letzten 20 Jahren ist die Empathiefähigkeit von Studenten um 40 Prozent gesunken. Ich fürchte, dass wir in fünf bis sieben Jahren einen unglaublichen Anstieg an Autismus beobachten werden.

Vor 20 Jahren gab es keine Smartphones, das iPhone kam erst 2007.

Aber seit 20 Jahren gibt es E-Mail. Bei den Recherchen zu meinem Buch "Alone Together" sagten viele, es sei ihnen lieber, eine Text-Nachricht zu schreiben, als ein Gespräch zu führen. Der Wunsch perfekt zu sein, den Text erst nach Überarbeitung abzuschicken, statt nur zu reden, war sehr verbreitet. Auch auf Facebook stellt man sich so dar, wie man sein möchte - statt einfach zu zeigen, wie man ist.

Sherry Turkle, 67, ist Psychologin und Soziologin.

(Foto: Joe Tabacca/Polaris/laif)

Angst vor fehlender Perfektion?

Familien streiten sogar online. Eine Mutter sagte mir, ihr gefalle dass. Sie werde nicht unterbrochen, könne ihr Argument ungestört ausbreiten. Aber was man im Familienstreit rüberbringen will, ist doch: Du kannst alles sagen, ich halte das aus. Wir müssen aufhören, das Leben als App zu betrachten, als etwas, das ständig perfektioniert werden muss.

Viele Eltern kommen gegen die Smartphone-Begeisterung ihrer Kinder nicht an.

Die Eltern sind Teil des Problems. Manche sind so hin und weg vom Smartphone, dass sie keine Gespräche mehr zulassen. Ich sitze mit Familien am Esstisch - und die Mütter holen das Telefon hervor.

Die Frauen versuchen eben, Familie und Beruf gleichzeitig zu managen . . .

Ja, Mütter schieben Kinderwägen, aber statt mit dem Baby zu reden, fummeln sie am Telefon rum. Das Kind schießt beim Fußball ein Tor, und der Vater schaut in dem Moment aufs Handy. Ein Kind hat mir erzählt, dass die Mutter vom Ferienort abreisen wollte, weil die Wlan-Verbindung so schlecht war.

Das Smartphone der Eltern schadet dem Kind?

Ich beobachte, dass die Generation der heute 13- bis 16-Jährigen sagt, wenn ich eine Familie habe, werde ich meine Kinder anders erziehen als meine Eltern es tun, mit mehr persönlichen Gesprächen.

Aber früher wurden Kinder nebenbei groß.

Klar, wenn Ihre Mutter früher beim Abwaschen war, hatten Sie nicht ihre volle Aufmerksamkeit. Aber Sie wussten, Sie könnten sie stets bekommen. Die Kinder heute spüren, dass es anders ist, dass das Handy Macht über die eigenen Eltern hat.

Zur Person

Sherry Turkle lehrt am MIT in Boston. Bekannt wurde sie 2011 durch ihr Buch "Alone Together" ("Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern). 2015 erschien "Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age".

Was raten Sie?

Verbringen Sie lieber weniger Zeit mit dem Kind, aber lassen Sie das Telefon daheim, wenn Sie auf den Spielplatz gehen. Machen Sie mit den Kindern Spaziergänge in der Natur, schweigen sie gemeinsam. Setzen Sie Ihr Kind nicht in eine dieser Wippen, die eine Halterung für ein iPad hat. Wenn es immer vor einem Bildschirm sitzt, kann es keine Fantasie entwickeln. Kinder müssen lernen, Stille und Langeweile auszuhalten.

Langeweile ist erstrebenswert?

Die Fähigkeit, mit sich alleine zu sein und sich dabei gut zu fühlen, ist das Fundament für Beziehungen. Wenn man sich selbst verachtet, kann man nicht zu einem anderem gehen und zuhören. Man projiziert alle Bedürfnisse auf diesen Menschen.

Und die Arbeitswelt?

Ich kenne eine Firma, die Gesprächskultur schaffen wollte. Sie hatten überlegt, wie lang die Schlange in der Kantine und wie groß die Tische sein sollten, um Gespräche zu fördern. Dennoch gab es keine: Die Firma hatte verlangt, dass alle immer erreichbar sind. Wenn aber alle an der Mail hängen, werden sie sich nicht unterhalten. Firmen müssen den E-Mail-Gebrauch regeln. Wenn Mitarbeiter meinen, sie werden danach beurteilt, wie schnell sie sich elektronisch zurückmelden, können Sie alles vergessen.

Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich der Trend zur elektronischen Kommunikation heute noch umkehren lässt?

Ich bin nach dem Krieg aufgewachsen, man glaubte damals an die industrielle Ernährung. Meine Mutter hat mich mit Weißbrot und Dosen großgezogen. Wenn ich meine Tochter so ernährt hätte, wäre das Missbrauch gewesen. Diese Einsicht kam durch die Verbraucherschutzbewegung. Heute ernähren sich viele Amerikaner besser. Smartphones haben Suchtpotenzial: die Serotonin-Ausschüttungen, wenn man eine Sms bekommt. Aber man kann trainieren: eine Stunde von Angesicht zu Angesicht reden, ohne Telefon. Wir können das noch drehen.