Vielfalt der Geschlechter Männliche Angst vor transsexuellen Frauen

Jedoch ist gerade dieser medizinische Eingriff eine schmerzhafte Erfahrung für viele Patienten. Zahlreiche intergeschlechtliche Menschen, die operiert wurden, sehen ihren Körper heute als verstümmelt an, fühlen sich fremd in ihrer Haut. Deswegen warten Mediziner mittlerweile so lange, bis sich ein intersexueller Mensch selbst für oder gegen eine OP entscheiden kann. "Der Wunsch der Eltern nach einem eindeutigen Geschlecht sollte gehört, aber nicht automatisch befolgt werden", sagt Hertha Richter-Appelt von der Uniklinik Hamburg.

Nur in medizinischen Ausnahmefällen werden Intersexuelle heute bereits im Kindesalter operiert. Zum Beispiel dann, wenn das Wasserlassen nicht problemlos möglich ist oder Krebsgefahr besteht. Doch solche eindeutigen Indikationen sind selten. Um Klarheit zu schaffen, veröffentlicht die Bundesärztekammer noch in diesem Jahr Leitlinien für Mediziner zum Thema Intersexualität. Darin werden Fragen zur psychologischen Behandlung, zu Operationsindikatoren und -methoden behandelt.

Vorurteil vier: Transsexualität ist - genau wie Homosexualität - eine sexuelle Neigung

"Du Transe" ist noch immer ein beliebtes Schimpfwort auf Schulhöfen. Dabei wissen viele nicht einmal, was Transsexualität eigentlich bedeutet. Vorurteile und Unwissen sind weit verbreitet, Begriffe werden verwechselt und falsch angewendet.

Transsexuelle Menschen werden mit einem eindeutig männlichen oder weiblichen Körper geboren, fühlen sich aber dem jeweils anderen Geschlecht zugehörig. Viele Transsexuelle sind überzeugt, im "falschen" Körper zu stecken. In Deutschland haben seit Anfang der neunziger Jahre mehr als 17 000 Menschen ihr Geschlecht offiziell nach dem Transsexuellengesetz angleichen lassen - weitaus mehr Betroffene aber haben diesen Schritt vermutlich noch nicht unternommen.

Viele entscheiden sich für eine Operation, um den Körper dem Erleben anzupassen und im Idealfall als Frau oder Mann leben zu können. "Wenn von einer Operation die Rede ist, geht es meist um die Angleichung des äußeren Genitals", sagt Hertha Richter-Appelt vom Institut für Sexualforschung der Uniklinik Hamburg. Bei den Eingriffen können Ärzte aus bestimmten Hautregionen einen Penis oder aus einem Penis eine Vagina formen. Nicht möglich ist die Angleichung der inneren Geschlechtsorgane wie zum Beispiel der Eierstöcke.

Die sexuelle Identität, im Alltag oft auch als Neigung oder Vorliebe bezeichnet, hat dagegen mit Transsexualität nicht viel zu tun. Dabei geht es um die Frage, ob sich jemand zu Frauen, Männern, beiden Geschlechtern oder zu niemandem sexuell hingezogen fühlt. Auch wenn die Begriffe ähnlich klingen: Transsexualität ist keine Frage der sexuellen Neigung, sondern der Geschlechtsidentität.

Vorurteil fünf: Männer müssen aufpassen, nicht auf Trans-Frauen hereinzufallen

SZ.de hat Zuschriften von Lesern und Leserinnen erhalten, die von Anfeindungen gegenüber Transsexuellen berichten. Nicht selten bekommen Trans-Frauen, die die Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau hinter sich haben, demnach zu hören, sie sollten aufhören, Männer auszutricksen. Ihnen wird unterstellt, sie würden Männer mit ihrem "falschen" Geschlecht betrügen. In den Zuschriften berichten Trans-Menschen, wie sehr sie sich einen Partner wünschen, aber immer wieder Ablehnung erfahren, wenn sie ihre Geschichte erzählen. "Es ist lediglich eine Kopfsache, die Tausende Transsexuelle zu Singles macht", schreibt eine Leserin.

Häufig ist auch zu hören, Transsexuelle entschieden sich zu einer "Geschlechtsumwandlung". Betroffene Menschen aber sprechen lieber von einer Geschlechtsangleichung. Denn Umwandlung klingt nach Verwandlung und Verkleidung. Transsexuelle wollen sich befreien von der Last, im falschen Körper zu stecken. Der Vorwurf, sie würden danach fälschlicherweise vorgeben, Mann oder Frau zu sein, zeugt vor diesem Hintergrund von mangelndem Verständnis und geht ins Leere.

Noch immer werden Trans-Menschen zudem als Transvestiten bezeichnet. Das ist schlicht falsch: Transvestitismus beschreibt das Tragen von Kleidern des anderen Geschlechts, unabhängig von der eigenen sexuellen Orientierung. Es kann als politisches Statement, als Kunstform oder einfach aus Spaß geschehen.

Linktipp: Ausführliche Informationen zu dem Unterschied zwischen Trans-, Homo- und Intersexualität und Broschüren zum Nachlesen bietet der Verein TransInterQueer.

Die Recherche zu Toleranz
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