Eines eint alle Fälle sexuellen Missbrauchs in Internaten und Klosterschulen: Die Angst und Scham der Schüler machten die Übergriffe von Pädagogen und Priestern erst möglich.
Bei den meisten der in Schulen und Internaten geschehenen Fälle sexuellen Missbrauchs, die nun, oft erst nach Jahrzehnten, öffentlich werden, wurden die Betroffenen nicht durch physische Gewalt gefügig gemacht. Sondern durch den Tribut, den die Macht stets und überall einfordern kann, wenn sie es darauf anlegt: die Angst.
Die Aufnahme zeigt eine Statue sowie am linken Bildrand den Dom von Limburg. Auch bei den Limburger Domsingknaben soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. (© Foto: dpa)
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Wer die Macht hat, muss nicht den Kasernenhofton anschlagen, um unwiderstehlich zu werden. Er kann den Tribut mit freundlichen Blicken oder einem Schwall schmeichelnder Worte einfordern, und er kann mit stummen, aber unmissverständlichen Signalen dementieren, dass das, was er gerade vollzieht, Machtmissbrauch ist, bis sich über den angstdurchsetzten Verzicht auf Gegenwehr die Suggestion des Einverständnisses gelegt hat.
Der mächtigste Verbündete dieser scheinbaren Anerkennung der Rechtmäßigkeit des Geschehens ist die Begleiterin der Angst, die Scham. Scham ist Angst vor der Selbstentblößung und darum Angst auch vor der Bloßstellung des Mächtigen, der seine Macht missbraucht hat.
In der Diskussion über die öffentlich gemachten Missbrauchsfälle sitzen derzeit die katholische Kirche und die Reformpädagogik gemeinsam auf der Anklagebank. Sie waren bisher eher durch tiefes wechselseitiges Misstrauen miteinander verbunden. Bischof Mixa hat die Diskussion um ein ziemlich einfältiges Argument bereichert: Erst die sexuelle Liberalisierung, ein Lieblingsthema der Reformpädagogen in der Odenwaldschule und anderswo, habe den Missbrauch in Kirchen und Schulen ermöglicht. Sicher, es gehörte ja zum Selbstverständnis der Reformpädagogik, das Wohl des Kindes vor dem Zugriff der großen, mächtigen, hierarchisch gegliederten Institutionen retten zu wollen.
Gerade weil die Unterschiede zwischen der großen, alten, machterprobten Institution und der jugendbewegten, institutionsskeptischen, im frühen 20. Jahrhundert wurzelnden Reformpädagogik so groß sind, treten die Gemeinsamkeiten umso stärker hervor. Hier wie dort wurde lange geschwiegen, zirkulierte das Wissen um die Missbrauchsfälle allenfalls intern, wird erst seit kurzem energisch Recherche in eigener Sache betrieben.
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Protest gegen dritte Startbahn
Sieschreiben: "Mir scheint viel wichtiger die Macht der Beliebtheit zu sein - immer wieder bekennen dies sexuell missbrauchten Kinder und Jugendliche. Einer von ihnen: "Er war doch unser Pater...". Und so ließ man es zu! Sexuelle Gewaltausübung - als Vergewaltigung! - scheint doch seltener gewesen zu sein
"Er war doch unser Pater ..." - spricht eben NICHT nur die Beliebtheit an, sondern - wenn überhaupt - eine Beliebtheit, die durch das Amt und die zugehörige Rolle bestimmt ist, noch überhöht durch den religiösen Nimbus.
Das nennt man üblicherweise "Autorität". Jedoch sich einzugestehen, dass im Zentrum von Gewalt gegen Heranwachsende der GLAUBE an die AUTORITÄT steht, würde unser gesamtes Denken im Erziehungs- und Bildungsbereich in Frage stellen.
Sexuelle Gewallt ist übrigens nur EINE Form von Gewalt gegen heranwachsende Menschen.
Täglich neue Meldungen bei einer erheblichen Dunkelziffer, die leider sich nicht aufgedecken läßt. Was ich vermisse ist eine
Diskussion über sinnvolle Anlaufstellen für möglichst für neue
Opfer. Kirchliche Anlauf- / Vermittlungsstellen würde ich ablehnen.
Die Staatsanwalt Anlaufstelle ist vor allem für kindliche Opfer eine viel zu hohe Hürde. Vorschlagen zur Diskussion möchte ich als
Anlaufstelle Notariate, die es an jedem größeren Ort gibt. Notariate kann man als Anlaufselle mit niedriger Hürde sehen Der Auf-
gabenbereich des Notariates könnte durch Gesetz in diese Rich-
tung erweitert werden. Das Notariat erstellt an Hand einer vorgefer-
tigten Fragenliste ein Protokoll, das ohne Nennung des Namens des Opfers, damit zunächst der großtmögliche Schutz gewährleistet ist, mit einer Anzeige der Staatsanwaltschaft zugeleitet werden muß.
Hier zeigt sich die klassischen Gegenüberstellung von Macht und Ohn(e)macht!
Genauso wenig, wie man annehmen kann, dass ein "Arbeitgeber", der Ausländer ohne gültige Papiere - für einen Dumping-Lohn von 1pro Stunde arbeiten lässt (also missbraucht) - den Arbeitenden liebt, kann angenommen werden, dass der Kindesmissbraucher Kinder liebt!!!
Dass der sexuelle Missbrauch an Kindern auf "Liebe" zu Kindern zurück zu führen sei- wie der Begriff: Pädophilie - vorgibt, ist eine absurde Fehleinschätzung!
Täter rechtfertigen sich gern mit dem Argument der besonderen Liebe zu Kindern ...
Missbrauchstäter sind nicht in der Lage zu lieben..., sie sind im klassischen Sinne "liebesunfähig".
Dies gilt für alle Menschen, die bestrebt sind, im Sinne einer wie auch immer gearteten Ausbeutung, das Gefälle von Macht und Ohn(e)macht zu manifestieren. Nicht nur Scham oder Loyalitäts-Konflikte hindern die Opfer an dem Aufdecken der Straftat, sondern durchaus auch das Gefälle und die sich daraus ergebenden Abhängigkeiten.
So lange den ohnmächtigen Opfern sogar von Gerichten eine (Mit-)schuld zugesprochen wird, gilt das Recht Macht (den "Mächtigen") !
Gudrun Pfennig
dass die Übergriff-Szenarien an pädagogischen Einichtungen erst durch den Machtmissbrauch von Seiten der Pädagogen möglich wurde. Was überdies interessant wäre, wäre die Rolle der Eltern in diesem Machtgefüge zu beleuchten. Ich könnte mir vorstellen, dass das angebliche Schweigen der Opfer aus Scham mitunter bloß ein Konstrukt ist, das das Wegschauen der Eltern und die mangelnde Empathie der Eltern mit ihren Kindern, die Opfer von Übergriffen wurden, bemänteln soll. Könnte es nicht auch sein, dass etliche Eltern die Signale der Kinder, mit denen sie um Hilfe baten, übersahen oder aus welchen Gründen auch immer übersehen wollten? Es wäre wichtig diesen Sachverhalt zur Sensibilisierung der heutigen Eltern zu klären.
ich möchte mich mal bei einigen der hier Schreibenden für gute Beiträge bedanken. Seit das Thema in den Medien ist, ist das hier zumindest im sueddeutsche Forum die erste in meinen Augen vernünftige Diskussion. So schwer einem das Vernunft wahren bei dem Thema auch fällt, danke an die Beteiligten Nachdenkliche, Donata, SchwarzerKater u.a!
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