Sexuelle Gewalt gegen Kinder Die Foto-Fahnder

Kommen Ermittler bei der Suche nach Missbrauchstätern nicht mehr weiter, legen sie Bilder der Opfer von Übergriffen in Schulen vor. Der Aufwand ist enorm - doch der Erfolg spricht für sich.

Von Ulrike Heidenreich

Es geht weder um Noten noch um Verweise bei den vertraulichen Treffen von Lehrern in diesen Tagen in vielen Schulen Deutschlands. Sie sehen sich Fotos von Kindern an. Porträts von Kindern, die sexuell missbraucht wurden und es wohl nach wie vor werden. Kommt den Lehrern ein Gesicht bekannt vor? Sitzt eines dieser Kinder bei ihnen im Klassenzimmer? Bundesweit läuft momentan eine sogenannte Schulfahndung. Es ist eine ungewöhnliche, relativ junge Fahndungsmethode und sie gilt als das äußerste Mittel: Wenn es unmöglich ist, die Spur von Tätern, die Missbrauchsfotos ins Internet gestellt haben, mit technischen Mitteln zu verfolgen, gehen die Fahnder den umgekehrten Weg: Sie suchen die Opfer. Und weil Lehrer Kontakt mit vielen Kindern haben, fragen sie hier nach. Es ist ein immenser Ermittlungsaufwand, aber der Erfolg spricht dafür. Fast alle Missbrauchsopfer werden aufgespürt.

Meist zweimal pro Jahr bündeln die Ermittler ungeklärte Missbrauchsfälle und starten mit richterlichem Beschluss eine konzertierte Aktion. Dies nennt sich "zielgruppenorientierte Öffentlichkeitsfahndung". Aktuell wird seit Ende Februar nach vier Kindern gesucht. Vergangene Woche brachte die bundesweite Schulfahndung den Durchbruch in den ersten zwei Fällen. Grundschullehrer aus Nordrhein-Westfalen und aus Bayern gaben Rückmeldung. "Zwei Schulleiter identifizierten die jeweiligen Opferkinder eindeutig und gaben die für die Identifizierung entscheidenden Hinweise", sagt Oberstaatsanwaltschaft Alexander Badle von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die diese Form der Fahndung 2012 gestartet hat.

Manchmal müssen die Kinder Masken tragen, damit niemand sie erkennt

Was dann folgte, war ein fein abgestimmtes juristisches und polizeiliches Schnellverfahren. Die Täter konnten festgenommen, die Kinder von ihren Peinigern befreit werden. Dass der Aufwand, bundesweit Kinderfotos zu streuen, richtig sei, davon ist Badle überzeugt. Der "enorme Druck", missbrauchte Kinder aus ihrem Umfeld zu holen, rechtfertige dies. Auch überwiege hier der Schutz des Opfers das Interesse des Kindes am eigenen Bild.

Illustration: Stefan Dimitrov

Fall 1: In Leverkusen wurde am 3. März ein 40-jähriger Mann festgenommen, der seit September 2012 seine Tochter, inzwischen neun Jahre alt, sexuell missbraucht haben soll. Er fotografierte seine Übergriffe und stellte die Bilder ins Internet.

Fall 2: Einen Tag später wird in Memmingen ein 45-Jähriger festgegenommen. Seit Oktober 2013 kursieren auf Pädophilen-Plattformen und Tauschbörsen Fotos und Filme, die er hergestellt hat. Darauf Szenen, in denen seine heute 13-jährige Cousine schwer sexuell missbraucht wird.

Derartige Aufnahmen mit Kinderpornografie werden in einer Datenbank beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden gesammelt, viele Hinweise kommen auch aus dem Ausland. In den aktuellen Fällen gab und gibt es Ansatzpunkte, dass die Aufnahmen in Deutschland entstanden sind. Die Bilder gehen weiter an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) in Gießen, eine hochspezialisierte Sondereinheit der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Was dann geschieht, ist eine penible Sichtung des Materials, eine echte Detektivarbeit, berichtet Staatsanwalt Benjamin Krause von der ZIT: "Die meisten Täter sind sich der strafrechtlichen Relevanz bewusst. Man sieht oft nur ihre Geschlechtsteile, die Gesichter der Kinder sind verpixelt, manchmal tragen die Kleinen Masken."

Zuerst versuchen die Experten für Internetkriminalität, die Täter mit technischen Mitteln zu orten. Dazu gehören IP-Adressen der Computer, außerdem wird versucht einzugrenzen, wann die Aufnahmen entstanden sind. Dann gibt es die sogenannten Exif-Daten, das sind Informationen, die automatisch in jedem Bild einer Digitalkamera oder von Smartphones gespeichert werden. Manchmal finden sich nach akribischer Suche sogar GPS- Ortungsinformationen auf den Datenträgern, dann wird es einfach. "In den Fällen der Schulfahndung gab es keine verräterischen technischen Spuren, die Täter haben perfide gehandelt", berichtet Staatsanwalt Krause. In diesen Fällen wird versucht, auf den Missbrauchsfotos selbst Hinweise zu bekommen. Es werden Bilder im Raum, Buchrücken in Regalen gescannt, Hersteller von Bettdecken räumlich zugeordnet. Neulich entdeckten die Fahnder über dem Kind, das gerade auf einem Video missbraucht wurde, ein Mannschaftsfoto. Das Kind trug ein Käppi, das nur an Teilnehmer eines bestimmten Sommercamps ausgegeben worden war. BKA-Beamte fanden so den Täter. Dieses Glück, wenn man es überhaupt so nennen darf, ist selten.

14191 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern wurden im Jahr 2014 laut Bundeskriminalamt angezeigt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst jedoch nur das "Hellfeld", also die der Polizei bekannt gewordenen und durch sie bearbeiteten Straftaten. In diesem Deliktsbereich wird aber von einem "sehr, sehr großen Dunkelfeld" ausgegangen. Laut Studien hat mehr als jede Zehnte in ihrer beziehungsweise seiner Kindheit und Jugend sexuellen Missbrauch erlebt. SZ

Achtmal gingen die Ermittler in den vergangenen zwei Jahren den Weg der Schulfahndung, immerhin sieben Opfer konnten so identifiziert werden. Das war immer dann, wenn die Fahnder null Spuren hatten, dafür aber eines: das Gesicht des Kindes. Das widerwärtige Material aus dem Internet bereiten die Experten behutsam auf. Auf den Fotos, die sie anfertigen, sind keine sexuellen Handlungen zu sehen, nur die Gesichter von missbrauchten Kinder frontal. "Meist haben wir Bilderserien vorliegen, erst werden Kinder in normaler Umgebung gezeigt, dann ausgezogen, oft müssen sie Reizwäsche anziehen, dann geht der Missbrauch los", sagt Benjamin Krause. Die Lehrerinnen und Lehrer sehen nur Ausschnitte aus den ersten Sequenzen.

Dann klingeln die Fahnder an der Tür. Und ein Mädchen sagt: "Ja, das bin ich."

Dass auch dies verstörend sein kann, zeigt die Reaktion von Lehrern an einigen Berliner Schulen vor zwei Jahren. Sie fühlten sich überrumpelt, weigerten sich, die Bilder zu sichten. Simone Fleischmann kennt diese Unsicherheiten. Sie ist Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und war bis Juli 2015 Leiterin einer großen Grund- und Mittelschule in Poing bei München. Mehrmals hat Fleischmann selbst Schulfahndungen erlebt. Sie holte ihre Lehrer in kleinen Grüppchen zu sich ins Direktorenzimmer, wo sie gemeinsam auf einem geschützten Link nach Anweisung des Kultusministeriums im Computer die Bilder betrachteten. "Das berührt einen, aber ich bin sehr überzeugt davon, dass dies der richtige Weg ist, um missbrauchten Kindern zu helfen." Manchmal seien Kollegen verunsichert gewesen, ob der Vorgang juristisch abgesichert sei. "Das ist er zu hundert Prozent. Wir sind verbeamtet und der Verschwiegenheit verpflichtet", sagt Fleischmann.

Die Bundesländer organisieren die Übermittlung der Fotos unterschiedlich. In Bayern und Schleswig-Holstein etwa kommen die Bilder per Password über ein gesichertes Netzwerk auf die Computer im Rektorenzimmer. Sie sind so bearbeitet, dass sie nicht kopiert oder weitergemailt werden können. In Berlin kommen Beamte mit Mappen einzeln in jeder Schule vorbei und legen sie den Lehrern vor.

"Das ist XY, sie geht in die Klasse soundso, dies ist ihre Adresse." Das war die Meldung an die Polizei im Fall des missbrauchten Mädchens aus Memmingen. Als BKA und KIT nach Abgleichen der Melderegister und biometrischen Daten in Passämtern ebenfalls sicher waren, klingelte die Polizei an der Tür. "Das Mädchen sagte: 'Ja, das bin ich, und die Aufnahmen hat mein Cousin in seiner früheren Wohnung gemacht'", berichtet Staatsanwalt Krause. Auch dort schauten die Beamten sofort vorbei, die neue Mieterin öffnete, die Beweisaufnahme ging im Badezimmer weiter. "Aufgrund der Aufnahmen war dies eindeutig der Tatort", so Krause. Noch am gleichen Tag bekam die Haftrichterin die Akten, der Mann ging in Untersuchungshaft, alles lief per Fax und E-Mail. Es sollte schnell gehen. Krause sagt, warum: "Es war ein Freitag, da warten wir nicht bis zum Montag. Denn gerade am Wochenende kommt es gehäuft zu Missbrauch."

Der dritte Fall der aktuellen Fahndung ist so gut wie gelöst, er dürfte kommende Woche öffentlich werden. Eine Lehrerin hat das missbrauchte Kind bereits eindeutig identifiziert. Die Festnahme des Täters ist in Vorbereitung.