Sexuelle Gewalt gegen Jugendliche Tränen, Angst, Scham

Eine Befragung über Missbrauch unter Schülern zeitigt schlimme Ergebnisse.

Von Susanne Klein

"Wenn du als Schlampe, Fotze und Hure beschimpft wirst, geh wenn es in der Schule ist erst zu deinen Freunden, dann zum Lehrer danach zu den Eltern, wenn es sein muss auch zum Rektor/zur Rektorin. Hilft nicht immer, es gibt Lehrer denen es egal ist." Sabine Maschke weiß nicht, von wem dieser Rat stammt. Eines der Mädchen, die anonym an ihrer Untersuchung teilgenommen haben, hat ihn verfasst. Mehr als 2700 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren hat die Marburger Erziehungswissenschaftlerin befragen lassen - zum Thema sexuelle Gewalt, vor allem unter Gleichaltrigen.

Die repräsentative Untersuchung belegt, dass die Sexualisierung und Pornografisierung der Alltagskultur Jugendliche gravierend beeinflusst. Jeder zweite wurde zum Beispiel schon als "schwul" oder "lesbisch" verhöhnt, in sozialen Medien sexuell belästigt oder zum Opfer exhibitionistischer Handlungen. Jeder vierte hat bislang mindestens einmal im Leben, meist jedoch öfter, körperliche sexuelle Gewalt erlebt. Vor allem Mädchen sind betroffen: Drei von zehn wurden schon an Brust oder Po "angetatscht", keine Bagatelle: "Die Mädchen finden das schlimm und wollen, dass das thematisiert wird", berichtet Maschke. Jede zehnte wurde gegen ihren Willen an der Scheide berührt, ebenso viele haben erlebt, dass jemand sie zum Geschlechtsverkehr zwingen wollte. Bei drei Prozent ist es zum unfreiwilligen Verkehr tatsächlich gekommen, bei mehr als fünf Prozent zu Nacktaufnahmen wider Willen.

Maschke hat den Begriff sexuelle Gewalt bewusst weit gefasst, es beginnt mit Beleidigungen und Witzen und endet mit Penetration. Befragt wurden Jungen und Mädchen aus 53 hessischen Schulen nach ihren Erfahrungen nicht nur als Betroffene, sondern auch als Täter und Beobachter. Maschke will das Dunkelfeld alltäglicher Erfahrungen erhellen, jenseits des wissenschaftlich wesentlich häufiger untersuchten Missbrauchs Minderjähriger durch Erwachsene: "Das Problem der sexualisierten Gewalt unter Jugendlichen zeigt sich in der Praxis seit Jahren. Es war an der Zeit für eine systematische Analyse.

Wie sehr das Thema die Teenager bewegt, liest Maschke an der Durchhaltequote ab: Mehr als 90 Prozent der Schüler haben den 40-seitigen Fragebogen bis zum Ende beantwortet, anderthalb Stunden lang. Und viele haben ihn ergänzt. Eine Anmerkung lautet: "Ich kenne einige Leute, die Probleme in der Hinsicht sexuelle Gewalt haben. Auch in unserer Klasse deswegen hoffe ich dass sie durch die Studie zur Vernunft kommen und sich helfen lassen!"

Hessen gehört zu den ersten drei Bundesländern, die die neue Initiative des Bundesmissbrauchsbeauftragten gegen sexuelle Gewalt in der Schule umsetzen. Erste Schritte wie Qualifizierungen für schulische Ansprechpartner sind gemacht, nun soll die von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bestellte Studie "Speak!"dazu beitragen, Hilfen für Schüler und Vorbeugemaßnahmen zu entwickeln. "Die Erkenntnisse sollen auch in die Lehreraus- und fortbildung einfließen", versprach Lorz bei der Präsentation in Wiesbaden am Donnerstag. Maschke hofft darüber hinaus, "dass Herr Lorz die Erkenntnisse in die Kultusministerkonferenz hineinträgt."

"Wir glauben, wir wären alle so aufgeklärt, dabei sprechen wir viel zu wenig über Sexualität."

Die Schule, irgendwo draußen, das Internet, die Wohnung anderer - das sind die Orte, an denen Pubertierende ihre negativen Erfahrungen überwiegend machen. Die Täter bei körperlichen Übergriffen sind fast immer männlich, oft gleichaltrig. Häufig sind sie ihren Opfern fremd, aber auch "der Freund" oder Mitschüler wird oft als Aggressor genannt, Bekannte und Ex-Partner dagegen seltener. Bemerkenswert: Auch die Täter gaben in der Befragung Auskunft. Nach der Bedeutung der Studie gefragt, antworteten 80 Prozent, sie sei sehr wichtig. Das lege nahe, dass den Jungen die Grenzen nicht unbedingt klar gewesen seien, und der Fragebogen sie nachdenklich gemacht habe, so Maschke.

Doppelt so viele Mädchen wie Jungen geben zu Protokoll, unter den Folgen ihrer Erlebnisse zu leiden. Tränen, Angst, Scham und Misstrauen machen ihnen zum Teil monatelang zu schaffen. Jeder zweite Teenager spricht über seine Erfahrung mit einem Freund oder der Mutter, die meisten empfinden das als hilfreich. Dennoch gehen Opfer weniger gern zur Schule, fühlen sich dort weniger sicher und sind häufiger Mobbingattacken ausgesetzt.

"Am meisten hat uns überrascht, wie sehr sexualisierte Gewalt die Lebenswelt der Teenager durchdringt und als normal angesehen wird. Wir hatten Mädchen, die haben geschrieben: Na ja, man muss halt wissen, wie man das blockt", berichtet Maschke. Dazu passt die Kritik einer Schülerin: "Aufgefallen ist mir, dass gerade in der Schule Mädchen beigebracht bekommen nicht vergewaltigt zu werden, anstatt Jungen beigebracht wird nicht zu vergewaltigen."

Ein aus Sicht der Wissenschaftler ernst zu nehmender Befund: Nur 18 Prozent der Jungen (Mädchen: 60 Prozent) geben an, im Internet keine Pornos anzusehen, der Rest ist damit vertraut. Jeder zweite Junge schaut öfter, meist mehrmals pro Woche oder täglich. Unter den schriftlichen Schüleranmerkungen finden sich denn auch Tipps wie "Keine Fetischpornos, die sind verstörend." Mit dem erhobenen Zeigefinger auf den Konsum zu reagieren, sei sinnlos, so Maschke. Was fehle, sei das offene Gespräch. "Wir glauben, wir wären alle so aufgeklärt, dabei sprechen wir viel zu wenig über Sexualität. Wer bin ich als Mädchen, was macht mich aus als Junge?" Die schnellen Identitätsangebote der Medien, ob Porno oder Schnulze, sollten diskutiert werden, damit Pubertierende merken, welche Rollenbilder sie ständig konsumieren.

Ein Appell an die Lehrer? Auch. Denn obwohl das Thema im Lehrplan zur Sexualerziehung enthalten ist, hat jeder zweite Befragte im Unterricht "nie" über sexuelle Gewalt gesprochen. Aber vor allem die Eltern seien gefragt, sagt Maschke. "Schule als Sozialisations- und Schutzraum, das reicht nun mal nicht."