Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Indien will Frauen mit neuem Gesetz schützen

Frauen weltweit unterstützten am 14. Februar die Kampagne "One Billion Rising". Diese Demonstrantin nahm an Aktionen im indischen Kalkutta teil und demonstrierte für eine bessere Situation am Arbeitsplatz. 

(Foto: dpa)

"Wir kämpfen seit einem Jahrzehnt dafür": Frauenrechtlerinnen begrüßen ein neues Gesetz, das Frauen in Indien zukünftig vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz schützen soll. Doch schon fühlen sich einige Männer diskriminiert.

Von Antonie Rietzschel

Ein Lehrer zeigt seinen Schülerinnen obszöne Handyfotos, Studentinnen werden von ihrem Professor angegrabscht, zwei Männer machen auf der Straße Bemerkungen über ein Mädchen, das auf seinem Moped an der Ampel wartet: Sexuelle Belästigung ist in Indien Alltag.

Und seit dem Tod einer 23-jährigen Studentin, die in einem Bus von mehreren Männern vergewaltigt wurde, werden zunehmend auch Fälle von sexueller Belästigung von den Zeitungen dokumentiert. Während Vergewaltigung in Indien unstrittig eine Straftat ist und das entsprechende Gesetz nach der Gruppenvergewaltigung noch einmal verschärft wurde, gab es für sexuelle Belästigung bisher keine Regelung - bislang existierte dieser Straftatbestand nicht. Aktivistinnen fordern schon seit langem Gesetze, die Frauen besser vor Übergriffen schützen.

Nun sind sie ein Stück vorangekommen: Das Oberhaus des indischen Parlaments verabschiedete ein Gesetz, das es Frauen leichter machen soll, sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu wehren. Erstmals wird darin gesetzlich definiert, was sexuelle Belästigung überhaupt ist: Unter anderem, wenn männliche Kollegen um sexuelle Gefälligkeiten bitten oder Kolleginnen gegen deren Willen berühren.

Vor allem die Arbeitgeber werden stärker in die Pflicht genommen. Sie müssen zukünftig interne Untersuchungskommissionen einrichten, an die sich betroffene Frauen wenden können. Die Untersuchung eines Falls muss nach 90 Tagen abgeschlossen sein, der Arbeitgeber anschließend innerhalb von 60 Tagen handeln. Bei einem Verstoß droht eine Geldstrafe von bis zu 50.000 Rupien, umgerechnet 705 Euro. Wenn ein Arbeitgeber immer wieder die Umsetzung des Gesetzes verweigert, kann ihm die Lizenz entzogen werden.

Kritische Stimmen von Juristen

Ob das Gesetz in der Praxis funktioniert, wird sich erst zeigen müssen. Aktivistinnen wie Dipali Sharma sind erst mal froh, dass es überhaupt verabschiedet wurde. "Wir kämpfen seit einem Jahrzehnt dafür. Es ist ein großer Fortschritt", sagt die Mitarbeiterin von Action Aid, einer Organisation, die sich auch für Frauenrechte einsetzt. Bereits 1997 hatte sich das oberste Gericht des Bundesstaates Rajastan mit dem Thema sexuelle Belästigung beschäftigt. Anlass war die Gruppenvergewaltigung einer Sozialarbeiterin. Das Gericht lieferte eine erste Definition von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, die nun auch Grundlage des aktuellen Gesetzes ist.

Erst 2010 legte die indische Regierung dann einen ersten Gesetzesentwurf vor, der allerdings kritisiert wurde, weil er Hausangestellte ausschloss. Dabei bildet diese Gruppe die Mehrheit der arbeitenden Frauen in Indien. Der Entwurf wurde daraufhin geändert. So dauerte es bis zum September 2012, bis das Unterhaus des indischen Parlaments über das endgültige Gesetz abstimmen konnte. Mit der Abstimmung im Oberhaus kann es nun in Kraft treten.

Doch auch hier wurden erneut kritische Stimmen laut. Anwälte bemängelten, dass das Gesetz nur Frauen als Opfer von sexueller Belästigung anerkennen würde. "Es kommt durchaus vor, dass Männer von anderen Männern belästigt werden", sagte ein Jurist der Zeitung Times of India. Dipali Sharma setzt dem entgegen: "In einer höchst patriarchischen Gesellschaft, die sich gegen Frauen richtet, muss es eine positive Diskriminierung zu deren Gunsten geben."