Die Wanderung gen Westen hat manche Dörfer und kleinere Städte fast all ihrer Frauen im arbeitsfähigen Alter beraubt. Wer wissen will, wie eine Welt ohne Frauen aussehen würde, sollte Varshets besuchen, eine abgelegene Stadt in Bulgariens Bergen. Sie ist berühmt für ihre Mineralquellen - und nun auch dafür, dass ihre etwa 5000 Einwohner größtenteils arbeitslose Ehemänner und mutterlose Kinder sind. Die Frauen sind zum Arbeiten nach Italien und Spanien gegangen und schicken ihren Lohn nach Hause.

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Dorf fast ohne Frauen: Im bulgarischen Varshets müssen viele Männer alleine feiern und alleine den Haushalt organisieren. Ihre Frauen arbeiten im Ausland. (© Foto: Maja Hrgovic)

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Sogar an Sonnentagen sieht man keine einzige Frau in der Bohr-Cvor Snackbar an der Hauptstraße. Sie ist voll mit Männern, die lachen und sich an einfachen Tischen mit rot-weiß karierten Tischtüchern unterhalten. Allen Vorurteilen gegen rein männliche Gemeinschaften zum Trotz wirkt Varshets friedlich, ordentlich und freundlich. Die Männer, die jeden Tag in der Bar herumhängen, unterstützen sich gegenseitig, während sie darauf warten, dass ihre Frauen auf Urlaub kommen.

Sehnsucht nach der Frau

Peter Dimov, 45, ein Bauarbeiter mit warmem Lächeln, hat seine Frau seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Er gibt zu, dass er geweint hat, als sein Sohn kürzlich fragte, welche Farbe die Augen seiner Mutter hätten, weil er sich nicht daran erinnern konnte.

Peter ist sogar bereit, vor den anderen Männern in der Kneipe über seine Einsamkeit und seine Sehnsüchte zu sprechen. Seine Freunde haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Männer aus Varshets haben Kochen gelernt und helfen ihren Töchtern durch die Pubertät. "Ich habe nie geschätzt, was meine Frau für die Kinder und im Haushalt getan hat, bis ich meinen Job verloren habe und sie zum Arbeiten nach Italien ging", gibt Peter zu. "Nun, da ich meine Jungen großziehe, merke ich, wie hart es ist, Hausfrau zu sein. Bauarbeit ist ein Zuckerschlecken im Vergleich dazu", sagt er, während andere zustimmend nicken.

Doch die Migrantinnen zahlen oft einen hohen Preis für den höheren Lebensstandard. Viele leiden an Depressionen, Stimmungsschwankungen und Verzweiflung und haben Schwierigkeiten, sich an ihre neue Situation anzupassen.

Wenn Kinder sich selbst töten

Das gilt auch für die Kinder. In Rumänien gibt es ein neues, entsetzliches Phänomen: Selbstmorde von Kindern, deren Mütter ins Ausland gegangen sind. Im Jahr 2008 hatten laut einer Studie von UNICEF und der Social Alternatives Association in Rumänien fast 350.000 rumänische Kinder mindestens einen Elternteil, der im Ausland arbeitete, 126.000 von ihnen standen sogar ganz ohne Eltern da.

In den Jahren 2006 und 2007 haben sich mindestens 19 Kinder umgebracht. Viele, das zeigen ihre Abschiedsbriefe, weil sie sich von den Eltern zurückgewiesen und verlassen fühlten. Einige dieser Selbstmorde sind im Landkreis Dambovita in Zentralrumänien passiert. Die Gegend ist berüchtigt für ihre elternlosen Kinder.

In Alinas Heimatstadt Gaesti sind die Nebenwirkungen der durch Migration auseinandergerissenen Familien an jeder Ecke sichtbar. Dort wohnen fast ausschließlich Kinder und Großeltern, die die Aufgaben der Eltern übernommen haben.

Wer das Dorf besucht, versteht, warum die Leute alles tun, um wegzukommen und nach einem besseren Leben in Italien, Spanien oder sonstwo suchen. Provisorische Häuser sind mit alten Teppichen und rostigen Kühlschrankteilen isoliert. Rudel magerer Hunde und Gruppen noch magerer Kinder streunen herum, spielen im Matsch und auf Haufen stinkenden Mülls in der Hauptstraße.

iPod statt Geborgenheit

Adrian ist neun Jahre alt und seine Schwester sieben. Sie lungern an einer verwaisten Bushaltestelle herum, spielen mit ihren Nintendos. Ihre Mutter ist vor zwei Jahren nach Spanien gegangen und nicht zurückgekommen. Sie hat nicht angerufen oder geschrieben, obwohl sie der Großmutter jeden Monat Geld schickt. Wenn man die Kinder fragt, was sie sich am meisten im Leben wünschen, antworten sie unisono: "iPod".

"Ich vermisse unsere Mama nicht und ich will nicht, dass sie zurückkommt", sagt Adrian und seine Augen fixieren dabei das Spielzeug in seiner Hand. "Oma sagt, dass sie uns endgültig verlassen und einen neuen Freund hat. Ich will ihn nicht treffen."

Laut der Rumänischen Behörde für Kinderschutz stehen Kinder wie Adrian vor einer prekären Zukunft. Ihr Lebensstandard und der Anschein eines normales Lebens sind nur sicher, so lange ihre Eltern Geld schicken und ihre Großeltern leben und gesund sind. Wenn das nicht mehr gilt, könnten sie in düsteren Waisenhäusern enden und vielleicht für Prostitution und Verbrechen angeheuert werden.

Nicht nur für die Frauen kann sich der Traum von einem neuen Leben in einen Albtraum verwandeln, auch für ihre Familien.

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  1. Das Dorf ohne Frauen
  2. ">"Ich warte, dass sie stirbt"
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(sueddeutsche.de/Übersetzung aus dem Englischen/Bearbeitung: Christiane Schlötzer und Susanne Klaiber/sukl)