Die bulgarische Regierung sagt, die Abgeschiedenheit vieler Pflegeheime sei ein Schlüsselfaktor für den Personalmangel. Sie sagt, sie kümmere sich darum, das Problem zu lösen.

Bild vergrößern

Die Männer in Radovets, Bulgarien, werden täglich mit Medikamenten ruhig gestellt. Die Nebenwirkungen sind fatal. (© Foto: Yana Buhrer Tavanier)

Anzeige

"Wir halten das für Folter, was wir gesehen haben", sagt Eric Rosenthal, Geschäftsführer von Mental Disability Rights International (MDRI), "ans Bett gefesselte Kinder; ein Mann, der elf Jahre nur im Bett lag". Im Jahr 2007 hat MDRI einen vernichtenden Report über Serbien veröffentlicht, der den gewohnheitsmäßigen Gebrauch von körperlichem Zwang und erniedrigender Behandlung in serbischen Pflegeheimen anprangerte. Hat sich seither etwas geändert? Serbiens Behörden haben die Vorwürfe damals wütend zurückgewiesen. Wer beim serbischen Sozialministerium in Belgrad nach der aktuellen Situation in den Heimen fragt, erhält lediglich die schriftliche Antwort auf den MDRI-Report von 2007.

Schönes Paralleluniversum

In Kulina, einer Einrichtung in Südostserbien, in der 500 Erwachsene und Kinder mit geistiger Behinderung und Entwicklungsstörungen untergebracht sind, kann man allerdings Anzeichen von Verbesserungen entdecken. Ein attraktives neues Gebäude für betreutes Wohnen wurde gebaut. Es gibt einen neuen Sportplatz und Aufenthaltsräume, wo weniger stark behinderte Kinder malen und spielen können. Aber wie in so vielen dieser Einrichtungen in der Region gibt es auch in Kulina ein Paralleluniversum.

In einem zweistöckigen Haus für Bewohner, die sich nicht bewegen können, gibt es keinen Aufzug. Im Obergeschoss finde ich Menschen, die in einen dunklen Raum gepfercht wurden. Sie werden offenbar nie nach draußen gebracht. Es ist totenstill.

Die schwer behinderten Kinder in Kulina verbringen ihre Zeit bewegungslos im Bett, manchmal gewaltsam fixiert, oder sie werden in leeren Aufenthaltsräumen an Stühle gebunden. Einige wippen auf dem Boden, immer vor und zurück. Es sind vergessene Kinder. Bettlägerige Jugendliche wirken nicht älter als Vierjährige. Kinder in Gitterbetten sind spindeldürr, ihre Arme und Beine verkümmert. Hier bekommen diejenigen am wenigsten Hilfe, die sie am dringendsten bräuchten.

"Sie könnten ja alles kaputt machen"

In Goren Chiflik, dem Heim in Ostbulgarien, gibt es auch ein solches Paralleluniversum. Dort stehen die neuen Häuser und die entsetzlichen Ställe, in denen die 30 Frauen eingesperrt sind, auf ein und demselben Grundstück. Heimleiter Stanislav Enchev hat nicht vor, die Frauen aus den Baracken in das neue Haus zu verlegen, weil er fürchtet, "sie könnten alles kaputt machen". Er sagt, die Behörden sollten Geld für ein weiteres neues Haus bereitstellen. Aber Bürgermeister Borislav Natov stellt klar, dass die Gemeinde nichts geben werde. "Wir haben kein Geld, um normale Lebensbedingungen für diese Menschen zu sichern", sagt er.

Im rumänischen Gura Vaii gibt es nicht einmal immer Zugang zu fließendem Wasser. Die 56 Patienten duschen einmal pro Woche. Die zwei Aufenthaltsräume sind verschlossen und unbenutzt. Wird hier irgend etwas anderes gemacht als Medikamente zu verteilen? "Na, die Musik draußen", sagt der Leiter und meint das Radio, das im Hof plärrt. Er behauptet gar, die meisten Patienten in der Psychiatrieabteilung für chronisch Kranke litten gar nicht an entsprechenden Krankheiten, sondern seien dement oder einfach nur obdachlos. Im Hof taumeln einige Menschen herum oder starren ins Leere. Als ich gehe, verstummt sogar das Radio.

Die EU hält sich zurück

Das rumänische Gesundheitsministerium will nichts zu den Mißständen sagen. Die EU schon. "Der EU-Kommission sind die derzeitigen Probleme in bulgarischen und rumänischen Einrichtungen vollkommen bewusst", heisst es in einer Stellungnahme. Es gebe die Möglichkeit, "die Zahlungen aus dem Europäischen Sozialfonds in bestimmten Fällen auszusetzen". Die Forderung von Experten, die EU sollte von ihren Beitrittskandidaten größere Fortschritte bei der Einhaltung von Menschenrechten verlangen, will die Kommission aber nicht kommentieren.

"Bulgarien und Rumänien sind sprichwörtlich ungestraft mit Mord davongekommen", sagt Oliver Lewis von der internationalen Menschenrechtsorganisation Mental Disability Advocacy Center. "Die Menschen waren und sind oft der groteskesten Vernachlässigung und Missbrauch ausgesetzt." Laura Parker, die vor Bulgariens EU-Beitritt als Sozialpolitik-Beraterin für die EU-Kommission in Sofia gearbeitet hat, sagt: "Es ist klar, dass die Entscheidung, die EU zu erweitern, vor allem eine politische war und Menschenrechte einfach nicht das wichtigste für die EU sind." Parker und ihre Kollegen haben mit ihren Berichten versucht, "die Realität zu beschreiben". Aber verschiedene Beamte der EU-Kommission hätten dann die Texte bearbeitet. "Die Endversion des offiziellen Berichts gibt die Situation nicht genau wieder", sagt Parker.

Der Friedhof von Radovets ist ein Sinnbild für diese Gleichgültigkeit. Etwa ein halbes Jahrhundert lang hatte das Pflegeheim ein eigenes Areal dort. Dutzende früherer Bewohner liegen unter dem überwucherten Feld. Trotzdem gibt es nur ein wenige Grabsteine. Anonymität im Tod ist das logisches Ende für ein Leben ohne Rechte, ohne Identität.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Abgeschoben und vergessen
  2. Elf Jahre im Bett liegen gelassen
  3. Sie lesen jetzt "Wir halten das für Folter"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/Übersetzung aus dem Englischen/Bearbeitung: Christiane Schlötzer und Susanne Klaiber/sukl)