Serie "Deutscher Herbst" "Wer sich widersetzt, wird sofort exekutiert"

Die entführte Landshut nach der Landung in Mogadischu (Somalia).

(Foto: dpa)

Heute vor 40 Jahren: Ein palästinensisches Kommando entführt für die RAF den Lufthansa-Jet "Landshut" - Kanzler Helmut Schmidt plagen schon zuvor düstere Ahnungen.

Von Robert Probst

Tag 39: Donnerstag, 13.Oktober. Die Landshut wird gekidnappt

In einer Analyse der Wochenzeitung Zeit heißt es: "Das Drama spitzt sich zu. Helmut Schmidt plagten schon düstere Ahnungen, als sechs Mitglieder der japanischen Roten Armee am Montag vergangener Woche ihr Geiselunternehmen mit einem Erfolg beendeten: Sie durften in Algier landen. Das könne dazu führen, argwöhnte der Kanzler gegenüber einer Runde von Chefredakteuren beim Tee tags darauf, daß der Knoten sich schneller schürze, als die Regierung gehofft habe. Und dazu, daß der ,Gegner' in ein paar Tagen daraus Konsequenzen für sein ferneres Verhalten ziehe."

Die RAF freilich hat schon seit Wochen eine weitere Eskalationsstufe geplant. In der zweiten Septemberhälfte hatte der Chef des "Spezialkommandos der Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), Wadi Haddad, den Terroristen eine Flugzeugentführung vorgeschlagen, um deren Forderungen im Entführungsfall Schleyer mehr Nachdruck zu verleihen. Die Deutschen akzeptieren das Angebot und helfen bei der Vorbereitung und der Lieferung von Waffen.

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Am frühen Nachmittag bringen vier Palästinenser - zwei Männer und zwei Frauen - den Lufthansaflug LH 181 von Palma de Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt. An Bord der Boeing 737 mit Namen Landshut sind zudem 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder. Die Kidnapper sind im Besitz von zwei Pistolen, vier Handgranaten und etwa 500 Gramm Plastiksprengstoff, die sie in Kosmetikkoffern und einem Radio versteckt hatten. Die Kontrollen am Flughafen von Palma gelten als lax, eine Röntgenschleuse zur Gepäckdurchleuchtung gibt es nicht, die Passagiere werden lediglich abgetastet.

Das Kommando der Luftpiraten führt Zohair Yousif Akache, Student der Flugzeugtechnik und Mörder des früheren Ministerpräsidenten des Nordjemen, ausgebildet in den Terrorcamps der PFLP. Er lässt sich als "Captain Martyr Mahmud" ansprechen. "Wer sich widersetzt, wird sofort exekutiert", schreit er auf Englisch über Bordlautsprecher. Keiner der vier Hijacker ist älter als 23.

Akache zwingt Kapitän Jürgen Schumann den Kurs zu ändern. Im Anflug auf Rom teilt Akache dem Tower mit: "Wir verlangen die Freilassung unserer Kameraden in deutschen Gefängnissen."

Schock in Bonn: Die RAF hat sich womöglich Hilfe geholt! Nach einem Tankstopp verlässt die Landshut Rom nach zwei Stunden wieder - obwohl Innenminister Werner Maihofer seinen italienischen Kollegen gebeten hat, dies zu verhindern.

Knapp drei Stunden später setzt die Maschine in Larnaka auf Zypern auf. Auch hier erzwingt Akache die Betankung mit der Drohung, er werde sonst das Flugzeug sprengen. Die Landshut fliegt wieder los - doch die Flughäfen Beirut, Damaskus, Bagdad und Kuwait lehnen eine Landung ab.

Tag 40: Freitag, 14.Oktober. "jegliche verzögerung bedeutet den tod"

Nach 2 Uhr wird die Vermutung der Verantwortlichen in Bonn Gewissheit - die Flugzeugentführer und die Schleyer-Entführer arbeiten Hand in Hand. Kontaktmann Denis Payot übermittelt mehrere Botschaften: Die "Organisation für den Kampf gegen den Weltimperialismus" und das "kommando siegfried hausner, raf" bekräftigen die Forderung nach Freilassung von elf inhaftierten RAF-Häftlingen - die Mitteilungen sind auf derselben Schreibmaschine entstanden.

Die Palästinenser fordern zusätzlich die Freilassung zweier "Genossen" aus türkischen Gefängnissen und 15 Millionen Dollar Lösegeld. Überbringen soll es Hanns-Eberhard Schleyer. Die Terroristen sollen bis zum 16. Oktober, 9 Uhr MEZ, nach Vietnam, Somalia oder Südjemen geflogen werden. Anderenfalls würden Schleyer und die Menschen in der Landshut "augenblicklich getötet".

"Deutscher Herbst"

Quellen und Literatur zur SZ-Serie über den RAF-Terrorismus 1977. Zur Übersicht

Die RAF teilt mit: "Wir haben Helmut Schmidt jetzt genug Zeit gelassen, um sich in seiner Entscheidung zu winden . . . jegliche Verzögerung bedeutet den Tod Schleyers." An diverse Medien wird ein Polaroidfoto Schleyers geschickt. Er hält ein Schild mit der Aufschrift "13.10.77".

In der Nacht landet die Lufthansa- Maschine in Bahrein, nach einem Tankstopp fliegt sie weiter nach Dubai. Erst in letzter Minute lässt der dortige Tower die gesperrten Landebahnen räumen. Die Entführer lehnen es ab, Frauen, Kranke oder die sieben Kinder an Bord, freizulassen. Akache ist launisch: Mal bedroht und schlägt

er Passagiere, die er für Juden hält, im nächsten Augenblick bestellt er eine Torte und Champagner für eine Flugbegleiterin, die Geburtstag hat.

Das Bundeskabinett trifft eine "staatspolitische Entscheidung": Auf die Forderungen wird nicht eingegangen. Es "soll alles Mögliche unternommen werden, die Geiseln zu retten, einschließlich einer polizeilichen Befreiungsaktion". Schmidt ermächtigt Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, alle diplomatischen Mittel auszuschöpfen. "Ben Wisch" mit seinen guten Kontakten in die arabische Welt fliegt nach Dubai.

Die Serie erschien in einer ersten Version 2007 - und wurde für die Neuveröffentlichung leicht überarbeitet und erweitert. Die Rechtschreibung in Zitaten entspricht der Schreibweise der damaligen Zeit.

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