Hochkonjunktur für Schuldzuweisungen und Versprechungen: Am Reizthema Armut kommt derzeit keine deutsche Partei vorbei. Doch ausgerechnet die Betroffenen sind immer weniger an der Debatte beteiligt.
Das neu erwachte Schreckgespenst der deutschen Politik hat viele Gesichter: Das einer Rentnerin, die sich kaum mehr die Heizkosten leisten kann. Einer Migrantenfamilie ohne Geld für eine ordentliche Wohnung. Eines Jugendlichen ohne Schulabschluss, eines Arbeiters mit Dumpinglohn. Eines Kindes einer Alleinerziehenden, die ihm weder gesundes Essen noch Bücher kaufen kann.
Wenn die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter wächst, könnten sich einzelne Gesellschaftsschichten in eigene Universen zurückziehen. (© Foto: ddp)
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Angenehmer wäre es, nur über den Konjunkturaufschwung und die sinkenden Arbeitslosenzahlen zu reden. Doch der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung dokumentiert eine wachsende Misere, die im Bundestagswahlkampf 2009 zum brisanten Thema werden könnte. Denn: Der größte Teil der Bevölkerung empfinde die gegenwärtige Verteilung des Reichtums als ungerecht, konstatiert der Berliner Demokratieforscher Bernhard Weßels im Gespräch mit sueddeutsche.de - das Thema könne somit Wahlen und politische Mehrheiten mitentscheiden.
Der Streit um die Stimmen der Armen ist bereits entbrannt. Prekarisierung und die "working poor" werden zu Kampfbegriffen. Doch besonders auf einen Aspekt stürzen sich Politiker am liebsten: "Kinderarmut ist regelrecht zum Modethema avanciert", sagt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge zu sueddeutsche.de. "Kinder kann man nicht selbst für ihr Schicksal verantwortlich machen, sie gelten als würdige Arme". Fremder Hilfe würdiger als diejenigen, "denen man die Schuld selbst in die Schuhe schiebt und denen man vorwirft, dass sie zu faul seien, nicht mit Geld umgehen könnten oder dass sie sich in der Hängematte des Sozialstaats ausruhten", so Butterwegge.
Es geht um das Welt- und Menschenbild der Parteien
An der Frage, wem wie und wie lange geholfen werden soll - und woher das Geld dafür kommen soll - scheiden sich die Geister. "Gerechtigkeit ist das große Thema für alle Parteien", so Weßels. Aber welche Gerechtigkeit? In der Armutsdebatte geht es um nichts weniger als das Welt- und Menschenbild der Parteien.
Mit dem Slogan "Sozial geht nur national" geht die rechtsextreme NPD auf Wählerfang und verspricht eine "nationale Antwort auf die Globalisierung". Beschworen wird eine Gerechtigkeit für Deutsche - für Migranten hätte solch ein Sozialstaat keinen Platz. In dieser Ideologie verläuft der Bruch weniger zwischen "Oben und Unten" als zwischen "Innen und Außen", so Butterwegge, der seit vielen Jahren über den Rechtsextremismus forscht.
"Hartz IV muss weg!", ruft von der anderen Seite des politischen Spektrums die Linkspartei, denunziert das Arbeitslosengeld II als "Armut per Gesetz". Mit der Forderung nach Mindestlöhnen steht sie zwar in einer Reihe mit Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Grünen. Doch sie will viel mehr: Eine radikale, solidarische Umverteilung, die der Arm-Reich-Schere den Garaus machen soll. Schuld an den Missständen gibt sie der Globalisierung, Großkonzernen und neoliberalem Sozialabbau durch die Regierung. Ziele sind höhere Gehälter, höhere Renten, womöglich "ein bedingungsloses Grundeinkommen" für alle.
Windeln und Reitpferde
Unfinanzierbar und weltfremd sei das, hört man die politische Mitte schimpfen. Während ihre Mitglieder und Wähler in Scharen davonlaufen, ringen die Volksparteien um vorzeigbare und zugleich realisierbare Maßnahmen.
Was sowohl SPD als auch Christdemokraten im Gegensatz zur Linkspartei "relativ klar gestrichen haben, sind Ansprüche auf soziale Gleichheit", sagt Weßels. Die CDU baut wie eh und je auf Chancengleichheit und Leistungsprinzip - dazu auf ein eher karitatives Auffangnetz. Von ihrem einstigen Gleichheitsanspruch hätten sich mittlerweile auch die Sozialdemokraten mit Debatten über den vorsorgenden Sozialstaat wegbewegt. Dieses Konzept laufe darauf hinaus, "die Leute zu befähigen und am Ende doch beim Leistungsprinzip zu landen".
Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Parteien über die Armutsdebatte ihre eigene Politik zu legitimieren versuchen.
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- Serie: Armut in Deutschland (1) Die Risikogesellschaft 26.06.2008
- Serie: Armut in Deutschland (2) Ein Bild von einem Armen 01.07.2008
- Interview zum Armutsbericht "Die Mitte beginnt prekär zu werden" 19.05.2008
- Armutsbericht beschlossen Glos wirft Scholz Schwarzmalerei vor 25.06.2008
- Ursula von der Leyen über Kinderarmut "Kinderreiche Familien dürfen nicht in die Armut rutschen" 25.05.2008
FKK-Slackliner Alexander Schulz
Es ist schon ein vertrackte Situation:
Als Hartz4 beraten und beschlossen wurde, war es ein zwar nachbesserungswüriger aber doch tragbarer Kompromiss zwischen Deckung des Existenzminimums und dem Anreiz wieder zu arbeiten und ein wenig mehr Geld zu haben. Praktisch gleichzeitig haben wir aber mit der Öffnung des Arbeitsmarktes dem massiven Lohndumping Tür und Tor geöffnet.
Und jetzt? Sind unsere Politiker in einer Zwickmühle!
Denn einerseits müssten die Hartz4-Bezüge angehoben werden, um den Bezugsberechtigten einen Ausgleich der massiv gestiegenen (Energie- und Lebensmittel-)Kosten zu ermöglichen und das endgültige Abrutschen in die Armut aufzufangen, andererseits ist das erzielbare Einkommen in vielen Berufsgruppen Gering-Qualifizierter durch das Lohndumping unter Hartz4 gefallen.
Ich kenne hier auch keine Patentlösung, meine aber, dass hier nur eine Verbundlösung von Mindestlöhnen, Hartz4-Anhebung und einem größeren Freibetrag im Zuverdienst machbar ist, um das Abrutschen von mehr und mehr Mitbürgern in die Armut zu stoppen und den Anreiz zu arbeiten zu erhöhen. Dies wird ja auch schon praktiziert bzw. diskutiert -- aber bitte nicht mehr so halbherzig wie bisher!
Einige Kommentarverfasser echauffieren sich darüber, Arme in Deutschland überhaupt arm zu nennen, weil es in vielen anderen Ländern noch viel Ärmere gibt. Bitte, lassen wir doch mal die Kirche im Dorf: Diese Menschen müssen HIER in unserem reichen Deutschland überleben und NICHT in der Sahara, den Anden oder sonst wo!
Auch die immer wieder angeführten schwarzen Schafe als Begründung für möglichst niedrige Sozial-Bezüge halte ich für vermessen, denn das hieße, die große Schar der Arbeitswilligen zu bestrafen, die wegen der unmenschlichen Personalpolitik so vieler Unternehmen einfach keine Chance bekommen.
Wenn wir es nicht schaffen, das Volks-Einkommen so zu strukturieren, dass auch Erwerbslose menschenwürdig leben können und ihre Kinder bestmögliche Chancen für Bildung und Ausbildung bekommen, dann werden wir nie aus diesem Dilemma herauskommen.
Das kann unser Staat nicht leisten?
Gut, dann machen wir es doch endlich mehrheitlich den Dänen nach und hören als Besserverdienende auf, unser Ego dadurch zu tätscheln, dass wir mit überflüssigem Geld Theater, Museen und Sportvereine sponsern und unterstützen stattdessen Schulen und Bildungswillige aber Finanzschwache durch Spenden und Legate. Das wäre ein sinnvoller Einstieg in den Ausstieg aus einer verarmenden Gesellschaft.
'Ich persönlich halte es für obszön irgend einen in Deutschland lebenden Menschen als "arm" zu bezeichnen.... '
Lass mich raten: Ich nehme an, du hast keine Kinder und musst nicht von Hartz4 leben.
Na? Habe Ich recht? (c:
Da muss man doch was machen !
Wie wäre es, wir lassen die Eltern von Kindern doppelt und dreifach wählen? Man knn sich doch einfach das Wahlvolk vergrößern.
... wo das Niveau von China anfängt. Sie sind aber nicht interessant.
dagegen betrachten wir nun das *totgeschwiegene* Schreckgespenst:
Sozialfälle die verhungert oder dem hungertode nahe aus ihren Wohnungen geborgen werden, weil das Sozialamt nicht mehr zuständig sein darf und die ARGE zynisch auf 'Holschuld' pocht.
Kinder die abgezehrt aufwachsen, weil die Eltern aufgrund windiger Beschuldigungen präventiv sanktioniert werden bis sie ihre Unschuld bewiesen haben.
Ein Bürger der mit reichlich Berufserfahrung und Motivation und Selbstbeherrschung den Hungertod in einem Hochsitz wählte, damit er nicht von einer Göre die so jung ist dass sie seine Tochter sein könnte unter Sanktionsandrohung in die Frührente gehetzt wird.
Nein, Nein und nochmals Nein! Die Gefahr die in der Einleitung als Bedrohung gesehen wird, die ist schon längst angekommen. Sie wird nur totgeschwiegen, bagetellisiert, unter den Teppich gekehrt, mit Schampus runtergespült.
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