Serie: Albtraum Atombombe (2) Hideto Sotobayashi: Ich überlebte Hiroshima

Hideto Sotobayashi war in Hiroshima, als die Atombombe explodierte. Er wurde verschüttet - und überlebte. Ein Gespräch über Schmerzen, Glück und die Angst vor dem wiederholten Inferno.

Interview: Michael König

Hideto Sotobayashi saß im Schulunterricht, als am 6. August 1945 ein amerikanisches Flugzeug über seiner Heimatstadt Hiroshima die Atombombe abwarf. Der damals 16-jährige Junge blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Seine Mutter, viele Freunde und Bekannte starben an der Explosion und ihren Folgen. 1957 kam Sotobayashi nach Berlin, um Chemie zu studieren. Später lehrte er an der Technischen Universität Berlin und am Max-Planck-Institut. Im Interview in einem Café am Berliner Gendarmenmarkt spricht der heute 81-Jährige leise über die Ereignisse vor 65 Jahren.

sueddeutsche.de: Herr Sotobayashi, Sie haben lange über Ihr Schicksal als Hiroshima-Überlebender geschwiegen. Warum?

Hideto Sotobayashi: Niemand, der damals in Hiroshima war, spricht gerne darüber. Zum einen, weil es noch immer schmerzhaft ist, sich zu erinnern. Zum anderen sind die Überlebenden und ihre Nachfahren stigmatisiert: Wenn sie heiraten und Kinder bekommen wollen, dann ist das problematisch. Die Kinder könnten Missbildungen aufweisen. Niemand weiß, welche Spätfolgen die Bombe hat - für diese Generation, für die nächste und die übernächste. Das ist gewissermaßen ein wissenschaftliches Experiment. Und wir sind die Versuchskaninchen.

sueddeutsche.de: Sie waren 16 Jahre alt, als die Bombe fiel. Können Sie sich an den 6. August 1945 erinnern?

Sotobayashi: Ich war damals ein Eliteschüler, deshalb ging ich morgens in die Schule. Normalerweise mussten Kinder in meinem Alter damals Zwangsdienste verrichten, zum Beispiel in der Industrie. Aber das Militär suchte nach Talenten, wir wurden geprüft und ich habe einen Test bestanden. Sie stellten viele Fragen, unter anderem: Wenn Gott mir ein drittes Auge geben würde, wo würde ich es haben wollen? Ich sagte: am Finger. Das hat sie wohl überzeugt.

sueddeutsche.de: Sie hatten ausgerechnet Chemieunterricht, als die Bombe fiel ...

Sotobayashi: ... wir saßen mit 24 Schülern in einem Raum des Gebäudes, das wie viele Häuser in Hiroshima aus Holz gebaut war. Für den Unterricht kam extra ein Universitätsprofessor. Um acht Uhr ging die Schulstunde los. Um 8.15 Uhr sah es draußen aus, als habe jemand einen gewaltigen Blitz gezündet. Wie bei einem Fotoapparat. Dann donnerte es, und ich wurde bewusstlos. In Japan sprechen wir deshalb von Pika-Don, wenn wir die Bombe meinen. Pika heißt Blitz, Don ist Donner.

sueddeutsche.de: Was sahen Sie, als Sie wieder zu sich kamen?

Sotobayashi: Ich kann mich nur an das Licht erinnern, das ich über mir sah. Ich war wohl umgeben von Schutt, aus dem ich mich aus eigener Kraft befreien konnte. Jedenfalls kletterte ich in Richtung des Lichts. Als ich mich schließlich umsah, war um mich herum alles zerstört. Überall brannte es, das Feuer griff um sich. Dieses Bild hat sich tief in meine Erinnerung eingebrannt.

sueddeutsche.de: Haben Sie andere Überlebende gesehen?

Sotobayashi: Zunächst meinen Freund Komyo, der verletzt war und blutete. Sein Ohr hing nur noch am Kopf. Ich befreite ihn von Trümmern, so schnell ich konnte. Das Feuer kam immer näher. Ich habe Schreie von anderen Menschen gehört, aber wir mussten schnell fliehen.

sueddeutsche.de: Auch Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt in der Stadt.

Sotobayashi: Als Hausfrau war sie verpflichtet, Arbeitsdienste zu leisten. Jede Woche ein- oder zweimal. Unglücklicherweise war der 6. August so ein Tag. In der Nacht hatte es Fliegeralarm gegeben, weil etliche Flugzeuge über der Stadt kreisten. Wir sind in den Bunker gegangen und waren sehr froh, als der Alarm später aufgehoben wurde. Um sechs, sieben Uhr machten sich die Menschen auf den Weg zur Arbeit, auch meine Mutter. Weil sie so früh ging, blieb mein Vater noch zu Hause. Das war Glück, denn so konnte er unser Haus vor den Flammen retten.

sueddeutsche.de: Haben Sie Ihre Mutter gesucht, nachdem Sie Komyo befreit hatten?

Sotobayashi: Zunächst suchte ich nach Okimasu, einem Schüler, der damals bei uns im Haus wohnte. Sein Arbeitsplatz war nah am Epizentrum der Explosion, also gingen wir dahin. Je näher wir der Stelle kamen, desto schlimmer sahen die Menschen aus, die überall lagen. Ihre Haut war schwarz, teilweise löste sie sich ab. Die Haut eines ganzen Arms, nur noch am Fingernagel hängend. Es war ein Albtraum. Und dann überall der Staub, schwarzer Staub. Und tote Kinder in den Armen schreiender Mütter. Am Fluss griffen Menschen, die ich für Leichen gehalten hatte, nach meinen Beinen und baten mich um Wasser.

sueddeutsche.de: Konnten Sie helfen?

Auf der nächsten Seite: Die verzweifelte Suche nach der Mutter endet im Krankenhaus - gerade noch rechtzeitig.

Die Atombombe in Zahlen

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