Von Wolfgang Koydl

Chronik eines Schreckenstages, der die Supermacht verändert - schon spricht man von einem zweiten Pearl Harbor.

(SZ vom 12.9.2001) - Es sind Bilder, wie sie Amerika in dieser Entsetzlichkeit noch nie gesehen hat, unvergleichbar mit irgendeinem Ereignis, seitdem moderne Fernsehtechnik in der Lage ist, das Unheil, das Böse in Bilder zu bannen. Selbst die Kameras sind erstarrt im Schock.

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Wie muss ein Inferno aussehen, das nicht der Phantasie Hollywoods entspringt, sondern kranken Gehirnen von Terroristen? Zunächst steht nur das World Trade Center, Symbol der Wirtschaftskraft der kapitalistischen Welt, in Flammen.

Nur? Ungezählte Menschen befinden sich darin: tot, verletzt, sterbend, und niemand weiß in den ersten Stunden abzuschätzen, welches Ausmaß an Grauen die in die Zwillingstürme gerasten beiden Verkehrsflugzeuge ausgelöst haben. Und niemand ahnt, dass dies erst das Vorspiel ist. Reglos verharren die Kameras auf den Türmen, aus denen der Rauch nach den Explosionen herausquillt wie aus einem explodierenden Vulkan.

Auf ganz Downtown Manhattan legt er sich, schwer und schwarz, die Szene allmählich auf gespenstische Weise verhüllend. Dann eine neue Szene, neuen Schrecken ankündigend. Das Verteidigungsministerium in Washington nun ebenfalls ein brennender Vulkan, in Rauch gehüllt, ebenfalls von einem abstürzenden Flugzeug getroffen, zielgenau.

Auch hier womöglich ungezählte Tote, Verletzte, Sterbende im Inneren. Und dann die vierte Szene. Das Außenministerium, auch hier eine Explosion. Durch eine Autobombe? In der Verwirrung weiß keiner eine Antwort, und der Vorgang gerät schnell in Vergessenheit, weil sich die Dinge anderswo überstürzen.

Bilder aus New York und Washington überlagern sich. Das Entsetzen nimmt kein Ende. Links unter dem World Trade Center ein weiterer Brandherd, ein neuer schwarzer Rauchpilz. Noch eine Verkehrsmaschine als eine mit Menschen besetzte Granate? Oder herabstürzende Teile der Türme?

Alle Überlegungen sind obsolet, noch bevor ihnen nachgegangen werden kann. Das Schrecklichste tritt ein, das, was von Anfang an zu befürchten gewesen ist, sich aber niemand in seiner vollen, fürchterlichen Wucht hatte vorstellen können: Nacheinander brechen die Türme des World Trade Centers ein. 417 Meter hochragender Stahlbeton begräbt alles unter sich, was sich am Morgen dieses Dienstags in den Türmen eingefunden hatte.

50.000 Menschen sind normalerweise zu dieser Zeit im Gebäude, in der ersten Stunde nach Arbeitsbeginn. Zahlen von Opfern kursieren plötzlich, Spekulationen, Hochrechnungen, Erfahrungswerte. Zehntausende von Toten werden für möglich gehalten.

In New York fangen Mikrofone der Fernsehstationen spitze Schreie ein. Die Panik in den Straßen von Manhattan ist spürbar. In Washington, dem anderen Angriffspunkt, sieht man hingegen noch immer die starren Bilder, vernimmt, dass das Weiße Haus, das Herz der Supermacht, geräumt ist, ebenso wie alle anderen Gebäude der Bundesbehörden nicht nur in Washington.

In New York ordnet Bürgermeister Rudolph Giuliani die Evakuierung von Downtown Manhattan an, wo nicht nur das Rathaus liegt, sondern auch das Finanzzentrum der Welt. Und schon werden Befürchtungen laut, dass die Lahmlegung von Börsen und Banken weltweite Auswirkungen haben könnte, die alle Vorstellungen übersteigen.

Der nationale Sicherheitsrat rotiert. In atombombensicheren Bunkern, die für den Ausbruch eines Kriegs angelegt worden sind, werden Krisenstäbe eingerichtet.

Wie eine uneinnehmbare mittelalterliche Festung erhebt sich das Pentagon aus der Ebene auf der Südseite des Potomac. Doch gegen den Terror aus der Luft ist es machtlos. Augenzeugen berichten, das Flugzeug sei in einem 45-Grad-Winkel auf die gewaltige Anlage heruntergestürzt.

Es hat den fünften Flügel des Verteidigungsministeriums getroffen, jenen Flügel, in dem die Verwaltung des Heeres untergebracht ist. Es heißt, ordentlich und diszipliniert, so wie sie es in ungezählten Alarmübungen geprobt hatten, hätten die Beamten das Gebäude verlassen. Doch dann bricht Panik aus, Geheimdienstleute schreien Befehle und treiben die Offiziere und Beamten an, rennend zu fliehen.

Drüben auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich eine weitere, grauweiße Rauchwolke über der Silhouette von Washington, ragt hoch auf in den Herbsthimmel und zieht träge an den Dachfirsten vorbei. Es ist das zweite Feuer an der Pennsylvania Avenue, die sich vom Kapitol, dem Sitz des Parlaments, hinunterzieht zum Weißen Haus.

Unversehrt weiß bleibt zunächst der Sitz des amerikanischen Präsidenten, aber der Schein trügt. Zum ersten Male in seiner jüngeren Geschichte wird der Befehl gegeben, das Weiße Haus zu räumen. Der Präsident ist nicht da, sondern auf Reisen und wird in Florida von den fürchterlichen Nachrichten ereilt.

Tief in den Gewölben unter dem Weißen Haus tagt der Krisenstab unter Vorsitz von Vizepräsident Dick Cheney, und oben verlassen die Sekretärinnen und Berater, die Regierungsbeamten und Sicherheitsleute ihre Schreibtische und rennen hinaus auf die Straße. Man hört jetzt auch hier die gellenden Sirenen von Feuerwehrautos.

Aufgeregte Menschen versuchen hektisch, über Mobiltelefone ihre Angehörigen zu erreichen. Das Zentrum der Stadt ist blockiert, selbst auf den Bürgersteigen gibt es kein Durchkommen mehr. Die Nachricht kursiert, dass offenbar eine weitere entführte Maschine über dem Präsidentenlandsitz Camp David hätte abstürzen sollen.

Der Kongressabgeordnete James Morgan sagt das nach einer Krisensitzung mit dem Führungsstab der Marineinfanterie. Die Maschine stürzt auf einer Linie zwischen der Hauptstadt und Manhattan ab, nachdem noch Notsignale aufgefangen worden waren. "Wir sind entführt worden, wir sind entführt worden", hat eine Männerstimme gerufen.

Präsident Bush tritt vor die Fernsehkameras, noch immer in Florida, in einer Grundschule, die er besucht hatte. Mit versteinerter Miene gibt er ein erstes Statement ab, spricht von einer nationalen Tragödie und richtet eine Kampfansage an den unsichtbaren Feind, der für das Inferno verantwortlich ist: "Dies war ganz eindeutig kein Unfall und wir werden alles tun, die Leute zu finden, die diese Tat begangen haben."

Auch Generäle melden sich zu Wort, darunter der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber in Europa, General Wesley Clark. Er spricht als Erster aus, was die Politik wahrscheinlich noch nicht einmal zu denken wagt: "Unser Land wird nicht mehr so sein wie früher." Militärisch knapp und präzise umreißt er, was nach den Angriffen auf New York und Washington wirklich geschehen ist: Amerika hat seine Unverwundbarkeit verloren, es ist ins Herz getroffen. Erbarmungslos fügt er hinzu: "Wir hätten es eigentlich vorher wissen müssen."

Hätte man es wissen müssen, so wie man vor sechs Jahrzehnten hätte wissen müssen, dass die Japaner Pearl Harbor angreifen würden, in einem Terrorangriff ohne Kriegserklärung gegen die Pazifik-Flotte Amerikas? "Das ist das zweite Pearl Harbor", ruft der Senator Chuck Hagel aus.

In New York versucht gleichzeitig Rudolph Giuliani, eine erste Schreckensbilanz zu ziehen. Aber auch er muss in seinen Angaben vage bleiben, während sich Retter durch den beißenden Rauch und Trümmerstaub der gespenstischen Trümmerlandschaft in Downtown Manhattan kämpfen. Auch er hat keinen Überblick, wie viele Menschen in den geborstenen Türmen waren.

Als gewiss steht nur fest, dass mindestens vier Passagierflugzeuge entführt worden sind, mit insgesamt 267 Menschen an Bord. Soweit übersehbar, hat keiner überlebt, auch nicht die Entführer.

Nach Stunden, als die starren Bilder von Rauch und Feuer allmählich abgelöst werden von Kommentaren, ist das vorherrschende Urteil, dass Amerika "war zone" geworden ist, Kriegsgebiet, so wie die Straßen von Jerusalem, Haifa oder Tel Aviv, nur hundertmal, tausendmal schlimmer.

Diese schreckliche Erkenntnis wird die Vereinigten Staaten ebenso verändern wie deren Außenpolitik im Nahen Osten und anderswo. Schon bald wird die entscheidende Frage gestellt werden: Wie konnten ausländische Terroristen Amerika derart überraschend und derart schrecklich treffen? Warum wurde man nicht gewarnt? Wo waren die Dienste, die für Amerikas Sicherheit sorgen sollen.

Nichts kann die Hilflosigkeit der getroffenen Supermacht besser veranschaulichen als die Szenen auf dem Dach des Weißen Hauses in der Bundeshauptstadt, wo man immer wieder Agenten des Secret Service hin- und herlaufen und mit ihren Teleskopen den Himmel nach Flugzeugen absuchen sieht, die vielleicht im Kamikaze-Anflug auf das Zentrum der Weltmacht sein könnten.

Der amerikanische Nachrichtensender CNN blendet als ständiges Insert ein: "America under Attack" - Amerika unter Beschuss.

Die Politik hingegen schweigt in diesen ersten Stunden. Nach seiner Kampfansage an die Urheber der Anschläge sucht Präsident Bush Trost im Glauben: "Möge Gott all die Opfer und ihre Familien segnen."

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