Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Sie zanken sich auf offener Bühne - und genau damit machen Seehofer und Guttenberg alles richtig.

Zwei streiten sich wie die Kesselflicker - und keinen stört es. Dabei ist in der Politik normalerweise Streit nahezu tödlich. Aber die beiden Kampfhähne, CSU-Chef Horst Seehofer und sein Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, scheinen neue Spielregeln festgelegt zu haben. Sie zanken auf offener Bühne - und beide haben etwas davon.

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Profitieren vom eigenen Streit: Wirtschaftsminister Guttenberg und CSU-Chef Seehofer. (© Archivfoto: dpa)

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Seit Wochen poltert der bayerische Ministerpräsident Seehofer in Richtung Berlin: Die Regierung möge endlich helfen, das insolvente Fürther Versandhaus Quelle zu retten. Gestern erst wieder warf der CSU-Chef nach der Kabinettssitzung seinem einstigen Mentee Guttenberg vor, die fränkische Sache um der lieben Ordnungspolitik willen verschleppt und wichtige Informationen ignoriert zu haben.

Das ist insofern bemerkenswert, als dass jeder Schiedsrichter der Welt Seehofer wegen gezielten Nachtretens rügen würde. Bereits am Montag wurde der rettende Staatskredit für Quelle freigegeben.

Während sich also Seehofer als Retter heimischer Arbeitsplätze verdingt, zieht der jung-forsche Wirtschaftsminister unverdrossen durch die Lande und lässt sich als letzter verbliebener Marktwirtschaftler der Union feiern. Ihm ist es am liebsten, der Staat hielte sich weitgehend aus allem heraus, was mit privater Wirtschaft zu tun hat. Darum die spürbare Zurückhaltung bei Quelle.

Guttenberg, der Enkel Ludwig Erhards?

Kaum zu glauben, dass die beiden derselben Partei angehören. Kaum zu glauben auch, dass es Seehofer war, der den Nachwuchspolitiker in Windeseile erst zum CSU-Generalsekretär und dann zum Wirtschaftsminister gemacht hat. Seehofer konnte wohl nicht ahnen, welchen Treffer er damit gelandet hat.

Freiherr Guttenberg wird inzwischen gefeiert, als wäre er der einzige rechtmäßige Erbe Ludwig Erhards, des Erfinders der sozialen Marktwirtschaft. Er tut dabei so, als hätte er die Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Dass der gelernte Außenpolitiker sich das Wissen über Erhards Werk erst anlesen musste, tut da offenbar nichts zur Sache.

Guttenberg gefällt sich in der Rolle. Er grinst übers ganze Gesicht und die Gesichtsfarbe rötet sich erkennbar, wenn Applaus und Jubelrufe aufbranden, nur weil sein Name ausgesprochen wird. Der Jurist mit den gegelten Haaren, vor einem halben Jahr noch nahezu unbekannt, gehört mittlerweile zu den beliebtesten deutschen Politikern.

Seine Reden sind nicht sonderlich spektakulär. Es reicht den meisten schon, dass er einen Standpunkt hat. Das geht soweit, dass er sich - wie im Fall Opel - fragen lassen muss, ob nicht der Zeitpunkt für einen Rücktritt gekommen sei. Guttenberg ist zum Symbol für Standhaftigkeit geworden. Völlig übersehen wird dabei, dass er nicht einen Kampf gewonnen hat - den um Opel nicht und den um Quelle nicht. Am Ende ist der Staat immer mit Krediten und Bürgschaften eingesprungen, wenn auch nur im Fall Opel in Dimensionen, die weh tun.

Erfolg mit der Poltermethode

Manche sehen in Guttenberg schon den kommenden bayerischen Ministerpräsidenten und vermuten, dass Seehofer deshalb so gegen ihn agitiert. Wahrscheinlich ist diese Annahme nicht. Nach der bayerischen Landesverfassung muss Guttenberg noch drei Jahre warten, bis er die Altersgrenze von 40 Jahren für das Amt überschritten hat.

Zudem hat Seehofer die CSU-Spitze derart radikal verjüngt, dass es ihn nicht wundern wird, wenn der ein oder andere bereits jetzt nach seinem Posten schielt. Seehofer ist zuzutrauen, dass das genau der Effekt ist, den er erzielen wollte.

Zumal der CSU-Chef schlicht sein Erfolgsrezept für die Europawahl auch auf die Bundestagwahl anwendet. Mit der Poltermethode hat er gezeigt, dass er mit seiner Partei in Bayern wieder an der 50-Prozent-Marke kratzen kann. Seinen Landsleuten scheint zu gefallen, wie er denen da in Berlin am Spreebogen immer mal wieder zeigt, wie der Löwe brüllt. Er kann sich jetzt im Grunde alles erlauben: Die Union kann ihren schwarz-gelben Traum nur mit Bayern als Bundesgenossen träumen.

Unwahrscheinlich ist, dass es sich um bloße Taktik handelt. Sie spielen das Spiel good cop, bad cop, aber sie haben es nicht erfunden. Dafür agiert der in letzter Zeit gestresst wirkende Seehofer zu impulsiv. Er ist ein Bauchpolitiker. Er ist einfach einer, der gerne poltert.

Die Anhänger goutieren die Schizophrenie

Guttenberg wiederum hat die Rolle des strengen Ordnungspolitikers angenommen, weil er damit Erfolg hat und, zweitens, so schnell überhaupt keine andere spielen könnte. Guttenberg war nie ein Wirtschaftsversteher - und ein halbes Jahr im Amt macht aus einem Juristen keinen Ökonomen. Anders gesagt: Gäbe es in der Union nicht so eine hohe Nachfrage nach Ordnungspolitik, hätte Guttenberg einen schweren Stand.

Es klingt schizophren: Aber da gibt es zwei Politiker einer Partei, die sich öffentlich bis aufs Blut bekriegen - und die Wähler goutieren beide dafür. Die Rechnung geht auf, weil beide Politiker unterschiedliche Wählerschichten von CDU und CSU ansprechen: Seehofer den sozialen Flügel, der eher nicht zur Wahl geht, als SPD zu wählen - und Guttenberg die Wirtschaftsliberalen, die in den vergangenen Jahren massenhaft zur FDP abgewandert sind.

Beim Schaukampf Guttenberg vs. Seehofer kann jeder mitfiebern. Am Ende gewinnen beide und die SPD verliert, wenn alles klappt. Wenn alles gut für Seehofer und Guttenberg läuft, werden sie sich danach die Börse teilen können. Die SPD wird zusehen und die Welt nicht mehr verstehen. Vor allem Finanzminister Peer Steinbrück weist ununterbrochen auf die Doppelzüngigkeit hin, mit der in der Union Krisenmanagement betrieben wird. Genutzt hat es ihm nicht.

Sozialdemokraten haben allen Grund neidisch zu werden. Wenn die traditionell in den Flügelstreit verliebte SPD mit parteiinternem Zank Wahlen gewinnen könnte, hätte es wohl nie etwas anderes als eine SPD-geführte Bundesregierung gegeben.

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(sueddeutsche.de/jab)