Von Silvia Liebrich und Daniela Kuhr

Verbraucherminister will es den Herstellern aber freistellen, das britische Farbsystem zur Kennzeichnung des Nährwerts zu verwenden.

Die wachsende Kritik von Verbraucherschützern am komplizierten Kennzeichnungssystem für Lebensmittel bringt Bundesverbraucherminister Horst Seehofer offenbar ins Grübeln. Zwar lehnt er es nach wie vor ab, für Lebensmittel eine Ampelkennzeichnung wie in Großbritannien zur Pflicht zu machen, auf freiwilliger Basis hält er sie aber durchaus für möglich.

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"Meine Mitarbeiter haben den Auftrag, mit der Lebensmittelwirtschaft zu reden", sagte er am Donnerstag der Süddeutschen Zeitung. Verbraucherschützer halten die Ampel für besser als das derzeit komplizierte Kennzeichnungssystem.

Beim Ampelmodell geben Farbfelder Auskunft über den Packungsinhalt: Rot steht für "nur ab und zu essen", Grün heißt "eine gesunde Wahl". So soll Verbrauchern ein schneller Vergleich der Gehalte an Fett, Zucker und Salz ermöglicht werden.

Diese einfache Art der Kennzeichnung stößt auch hierzulande auf Zustimmung. Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap im Auftrag des Seehofer-Ministeriums gemacht hat.

Darin sprachen sich zwar 82 Prozent für das derzeitige Kennzeichnungssystem aus, bei dem die Nährwerte angegeben sind und gegebenenfalls in Prozent zum Tagesbedarf gesetzt werden. 55 Prozent würden darüberhinaus ein leicht handhabbares Farbsystem gutheißen. Den Befragten wurde eine Kennzeichnung vorgelegt, bei der die Gehalte an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz farblich bewertet werden.

Eine eindeutige Kennzeichnung von Kalorienbomben, die auf den ersten Blick erkennbar ist, sieht das deutsche System bislang nicht vor. "Auf nationaler Ebene können wir keine verpflichtende Regelung treffen", sagte Seehofer. "Das geht nur auf europäischer Ebene."

Daher sind die derzeitigen Angaben der Hersteller freiwillig. Wer genau wissen will, was er sich in den Einkaufskorb legt, muss kleingedruckte Nährwerttabellen studieren und sich mit unverständlichen Fachbegriffen auseinandersetzen.

Beachtet werden die komplizierten Angaben daher von den wenigsten Konsumenten: Nur jeder zehnte Käufer schaut sich die Inhaltsangaben an.

"Seehofer schützt mit seinem System die Interessen der Lebensmittelindustrie und nicht die der Verbraucher", moniert Thilo Bode von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. "Da wurde eine unverständliche Kennzeichnung mit Zahlen und Prozentangaben entwickelt, die sich auf willkürlich festgelegte Portionen und den Tagesbedarf einer erwachsenen Frau beziehen", schimpft der frühere Greenpeace-Mann.

Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn bezeichnet dieses Durcheinander als "Zuckerversteckspiel". Verbraucher wünschen sich laut Bode, "dass die Angaben auf 100 Gramm bezogen sind und auf der Vorderseite der Produkte angegeben werden".

Das britische Ampelsystem wurde dagegen von der britischen Lebensmittelbehörde Food Standard Agency geschaffen. Im Fokus standen dabei die Bedürfnisse der Verbraucher. Die Resonanz ist nach den ersten Erfahrungen positiv. Verbraucher reagieren auf die Farbkennzeichnung.

Große Handelskonzerne bestätigen, dass der Umsatz mit Rot gekennzeichneter Lebensmittel seit der Einführung des Ampelsystems spürbar gesunken sei. Dies zwinge die Hersteller zu einer Änderung ihrer Rezepturen.

Genau das befürchten die Lebensmittelhersteller hierzulande. Setzt sich das Farbmodell auch in Deutschland durch, dann wären die Hersteller auch bei uns ebenfalls zum Umdenken gezwungen. Doch womöglich werden sie das ohnehin demnächst: Brüssel arbeitet derzeit an einer einheitlichen Lebensmittel-Kennzeichnung für die gesamte EU.

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(SZ vom 09.05.2008)