Von Jens Bisky

Dass eine homosexuelle Kultur neben der heterosexuellen gleichberechtigt existiere, ist für Polens Präsident Kaczynski unvorstellbar. Das bringt Schwule in Berlin in Rage.

Mit Pfiffen und Krawall begann am Donnerstagmittag der Besuch Lech Kaczynskis an der Humboldt-Universität in Berlin. Der Präsident der Republik Polen war noch nicht einmal an das Rednerpult getreten, als drei Dutzend Demonstranten, Deutsche und Polen, Vertreter von Schwulen- und Lesbenorganisationen, die Türen zum Audimax aufrissen und begannen, "Solidarität ohne Ausgrenzung" zu skandieren.

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Auf Einladung der Deutschen Nationalstiftung wollte Lech Kaczynski über ein "Solidarisches Europa" sprechen, aber es sah für einen Augenblick so aus, als würde er nicht zu Wort kommen.

Polizei und Moderatoren reagierten verwirrt: "Können wir räumen?"

Nach gut demokratischem Brauch wurden die Protestierenden eingeladen, ihr Anliegen vorzutragen. Keiner meldete sich, bis Holger Wicht, der Chefredakteur des schwul-lesbischen Stadtmagazins Siegessäule sich ein Herz fasste und nach vorne eilte: Kaczynski sei ein "Volksverhetzer".

Es sei empörend, dass er hier reden dürfe. Wicht forderte "alle Demokraten" auf, nun den Saal zu verlassen. Keiner stand auf.

Homophobe Parolen

Schwule haben allen Grund zum Zorn auf Lech Kaczynski, der als Bürgermeister von Warschau den Umzug zum Christopher-Street-Day verbieten ließ und seinen Wahlkampf mit homophoben Parolen führte.

Seit er Präsident geworden ist, würden, wie der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland mehrmals kritisierte, Schwule in Polen gleichsam mit Verständnis sowie klammheimlicher Billigung des Staates gedemütigt und diskriminiert.

Dennoch widersprach Holger Wichts erregter Angriff nach Ansicht einiger Zuhörer nicht allein den Regeln der Gastfreundschaft, sondern ebenso denen eines zivilisierten Streits.

Kaczynski wurde von der Mehrheit seiner Landsleute gewählt, er vertritt - auch in seiner Verachtung für Schwule - die Mehrheit eines zwischen neukapitalistischer Skrupellosigkeit, altsozialistischem Erbe und katholischer Tradition zerrissenen Landes.

Der Präsident selber schien von den Protesten nicht beeindruckt zu sein. In seiner Rede ging er auf Menschenrechte so wenig ein wie auf das Zentrum gegen Vertreibungen oder die geplante Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland.

Kaczynski verteidigte ein Europa der Nationalstaaten. Den Verfassungsvertrag der Europäischen Union lehnte er ab, da die Zeit für ein "quasi-staatliches Europa" noch nicht reif sei.

Gut, dass Streit zwischen Deutschen und Polen möglich sei, ein Krieg zwischen ihnen aber unmöglich geworden sei, so der Gast. Es gebe Möglichkeiten für gemeinsame Projekte, etwa ein europäisches Militär-Korps.

"Aussterben der Menschheit"

Wie viele vor ihm stellte Kaczynski fest, dass eine europäische Öffentlichkeit fehle. Ein Finne, der sich für Politik interessiere, wisse wenig über die Situation in Portugal. Immerhin hielt Kaczynski seine Rede vor europäischer Öffentlichkeit. Deutsche saßen neben Polen.

Innerpolnische Auseinandersetzungen wurden auf europäischer Bühne geführt. Der skandalträchtige Konflikt des Tages teilte das Auditorium nicht nach Staatszugehörigkeit. Polnische Anhänger der patriotischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) beschimpften polnische Demonstranten und deutsche Schwule, deutsche Professoren fühlten sich durch den Protest gestört. Am Ende seiner Rede erntete Kaczynski Buh-Rufe und demonstrativen Applaus.

Dann stand ein junger Mann auf und stellte in fließendem Deutsch, mit nur leichtem Akzent, eine Frage. Er distanzierte sich vom Gebrüll, wollte aber von Präsident Kaczynski wissen, wie dieser sein Handeln mit den Regeln der EU, dem Recht auf Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit in Einklang bringen könne.

Die Antwort kam prompt: Warschau sei die Hauptstadt Polens, er habe nach polnischem Recht entschieden. Dass eine homosexuelle Kultur neben der heterosexuellen gleichberechtigt existiere, sei für ihn unvorstellbar. Dann würde die Menschheit aussterben.

Der Moderator, Ingolf Pernice vom Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht, bat nun um eine Frage zu Europa, ganz so, als sei die Äußerung des jungen Mannes abseitig gewesen.

Dabei führte sie ins Zentrum. Der Streit zwischen Verteidigern von Minderheitenrechten und Homophoben setzte sich, bis hin zu Handgreiflichkeiten, vor der Tür fort. Lech Kaczynski fuhr rasch davon. Einen der schwarzen Wagen traf ein Ei.

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(SZ vom 10.3.2006)