Mit einem Rücktrittsultimatum an die eigene Ministerin verändert die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei die Politik des Landes.
"Die Schweiz ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Eine neue Ära ist angebrochen", behauptet Toni Brunner, und er kann als Fachmann gelten für die Schweizer Zeitenwende: Brunner ist neuer Präsident der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP).
Die SVP will sie aus ausschließen: Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf. (© Foto: Reuters)
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In Wirklichkeit hat die Partei es zwar noch nicht geschafft, das Land in eine neue Ära zu schubsen. So schnell schießen die Eidgenossen nicht. Aber die SVP gibt sich alle Mühe und verbucht durchaus Erfolge - aus ihrer Sicht.
Mit einem neuen Kraftakt will die SVP jetzt die politische Kultur der Schweiz auf ihre Art formen. Sie versucht, eine Politikerin der eigenen Partei aus der Regierung zu drängen. Bis Freitag, so das Ultimatum, solle Eveline Widmer-Schlumpf als Justizministerin zurücktreten und die Partei verlassen.
Andernfalls droht die SVP gleich ihren ganzen Landesverband aus der Partei auszuschließen; die SVP des Kantons Graubünden. Manchem in der Berner Parteispitze wäre das ohnehin recht. Schließlich gelten die Graubündner als eines der letzten Nester von Abweichlern, die gegen die Parteiführung aufmucken.
Ende der Konkordanz
Früher herrschte in der Schweiz die Konkordanz: In der Berner Bundesregierung saßen alle großen Parteien am Tisch, und meistens kam man zu einvernehmlichen Lösungen nach dem Motto "gibst du mir heute etwas, geb' ich dir morgen etwas".
Dem System haftet der Geruch von Filz und Mauschelei an. Auf der anderen Seite hatte es zur Folge, dass alle Minderheiten im politischen Prozess berücksichtigt wurden - und damit der Zusammenhalt eines Landes gestärkt wurde, in dem jeder zur Minderheit gehört. Zudem brachte es politische Stabilität, und darauf achten die Anleger aus aller Welt, die ihr Geld in der Schweiz verwalten lassen und dem Land damit Wohlstand bringen.
Zu einem schleichenden Ende kam die Konkordanz bereits in der vergangenen Legislaturperiode, als die SVP zur stärksten Partei aufstieg. Damit bekam Christoph Blocher 2003 einen Ministerposten.
Er ist die Galionsfigur der SVP und bei allen anderen Parteien herzlich unbeliebt: Er gilt als Eiferer und als Machtmensch, der es mit dem Rechtsstaat nicht immer genau nimmt.
Die inhaltliche Konkordanz veränderte sich zu einer nur noch formalen: Zwar waren nach wie vor die großen Parteien in der Regierung vertreten. Aber das Kabinett entschied öfter per Abstimmung statt einvernehmlich, und die SVP agierte, als wäre sie in der Opposition.
Überraschende Wahl
Der Spagat brachte der SVP Erfolg. Sie schürte in der breiten Bevölkerung die Angst vor Globalisierung und Überfremdung und wurde zur großen Gewinnerin der Parlamentswahl vom Herbst. Auch reichlich Spenden aus unbekannten Quellen trugen dazu bei.
Doch der rüde, teure und entgegen der Schweizer Gewohnheiten auf eine Person - Blocher - zugeschnittene Wahlkampf hatte die politische Kultur verändert. "Alles, nur nicht mehr Blocher in der Regierung", hieß das Motto bei vielen Abgeordneten von links bis weit in die rechte Mitte.
Zwei Spitzenpolitiker von Sozialdemokraten und Christlicher Volkspartei kanalisierten die Stimmung: Sie schafften es, dass überraschend nicht mehr Blocher, sondern dessen Graubündner Parteikollegin Eveline Widmer-Schlumpf in die Regierung gewählt wurde.
Blocher war ausmanövriert, doch das heilige Konkordanz-Prinzip formal gewahrt. Die halbe Schweiz jubelte, die SVP schäumte. Sie verweigerte Widmer-Schlumpf die Anbindung an die Fraktion und erklärte sich zur Oppositionspartei.
Möglich war der Coup, weil man in der Schweiz für ein Ministeramt nicht kandidieren muss. Widmer-Schlumpf wurde auf den Schild gehoben, obwohl sie sich nie beworben hatte. Eine Dokumentation des Schweizer Fernsehens legte jüngst den Schluss nahe, Widmer-Schlumpf habe quasi in ein Komplott zum Sturz Blochers eingewilligt.
SVP setzt Themen
Sie selbst bestreitet es, und wie es wirklich war, weiß niemand. Klar ist nur, dass sich die Politikerin einen Tag Bedenkzeit ausgebeten hatte, bevor sie die Wahl annahm. Der SVP kam der Film gerade recht. "Judas, Judas", hatten ihre Abgeordneten Widmer-Schlumpf schon im Parlamentssaal nachgerufen.
Jetzt wirft die SVP Widmer-Schlumpf Unredlichkeit vor und dass sie sich an einem Komplott beteiligt habe. Ultimativ verlangt die SVP ihren Rücktritt. Solche Szenen gab es noch nie in der Schweizer Politik.
Für Rosmarie Zapfl bedeuten sie tatsächlich eine Zeitenwende. Die 69-Jährige ist Präsidentin von alliance F, einem Dachverband von 87 Frauenorganisationen quer durch das gesellschaftliche und politische Spektrum. Erstmals in ihrem Leben, so Zapfl, werde sie am Freitag in Bern bei einer Demonstration mitmarschieren. Ihre Organisation hat dazu aufgerufen, um Widmer-Schlumpf den Rücken zu stärken.
"So viel hat sich gar nicht geändert", behauptet dagegen Andreas Ladner, Politikwissenschaftler an der Universität Lausanne: "Die ganze Schweiz zerbricht sich jetzt den Kopf, wie es mit Widmer-Schlumpf weitergeht. In Wirklichkeit ist das nur ein SVP-Thema."
Wie schon in den vergangenen Jahren bestimmt die SVP, worüber die Schweiz diskutiert. Sie setzt Themen - und diese politische Kraft schlägt sich in Wählerstimmen nieder. Bei mehreren Kantonswahlen in den vergangenen Wochen verbuchte sie abermals teilweise deutliche Gewinne. "Die SVP geht in Richtung 35 bis 40 Prozent", prognostiziert Ladner.
Rechtspopulistische Tendenzen gab es auch in anderen Ländern. Auch dort dienen Parolen gegen Ausländer manchmal als Ablenkungsmanöver. Damit soll eine wirtschaftsfreundliche Politik vertuscht werden, die niedrige Steuern und Sozialleistungen propagiert und zu Lasten großer Teile der Bevölkerung geht.
Doch in der Schweiz steht der SVP keine ebenbürtige Kraft gegenüber. Die früher dominierende bürgerlich-konservative FDP wird allmählich zur Splittergruppe. Den traditionellen Milieu-Parteien fehlt die Kraft, sich zu Programmparteien zu wandeln.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 9.4.2008/gal)
Debatte um Militärintervention in Syrien
Dank den wenigen CH-Präzisierern.Ansonsten zur EWS: Sie braucht halt noch Netzwerke, sie ist nicht sehr eingebunden und hat es daher etwas schwerer. Bereits aber die Waadtländer sind nun auch schon recht tüchtig auf den Barrikaden und der Der Schaffhauser FDP-Kantonsrat Meier hat gegen die SVP Schweiz bei der Bundesanwaltschaft Klage wegen versuchter Nötigung eingereicht. Also so ganz verloren und dümmlich tumb verführt von Blocher geht es nicht her. Nur Mut,mich ärgerts mehr dass die EWS sogar den ZürichSonntag absagt. Das ist nicht schön. Dem Blocher gelingt nicht, was er im Sinn hat, da kann man ganz gut drauf trauen.
Sie schreiben
"In allen funktionierenden Demokratien der Welt führt die Partei mit den meisten Stimmen das Volk. "
und scheinen damit den Anspruch der schweizerischen SVP auf die "Machtübernahme" begründen zu wollen.
Aber auch wenn Sie anderes im Sinn haben sollten, erinnert mich dieser Satz an
die Machtergreifung der NSDAP ("Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei") 1933, die damals die Stärkste war und, statt des versprochenen "Tausendjährigen Reichs", die tausensjährige Erbschuld Deutschlands schaffte!
Aber ganz im Ernst möchte ich darauf hinweisen, dass auch nach dem deutschen GG "Alle Macht VOM VOLK ausgeht", also Nicht von den Parteien und auch nicht von der jeweiligen regierung!
Dass es diesbezüglich in Deutschland ganz anders läuft, d.h.
- die Regierung gegen den eindeutigen Willen der VOLKS-Mehrheit Kriege führt;
- Koalitionszwang die Gewählten dazu zwingt, im Sinn der Regierung zu stimmen;
- das deutsche LISTEN-Wahlrecht die wirkliche Macht den Parteimanagern zuschustert;
- "Volksrechte" ähnlich denen in der Schweiz garnicht gibt
sind Tatsachen, gegen die "das Deutsche Volk" längst millionenfach hätte auf die Strassen gehen sollen!
Die Schweiz ist -NOCH- die einzige wirklich funktionierende VOLKS-Demokratie, und Blochers SVP ist drauf und dran, diesen idealen Zustand zu beenden!
Beide Beiträge waren überfällig, um die Situation in der Schweizer Parteienlanndschaft zurecht zu rücken.
Blocher, der Milliardär, Populist und Spaltpilz passt eindeutig NICHT in die Schweizer Konkordanzdemokratie. Das Hauptasrgument findet sich im Beitrag von "samkut":
Die vorbildlichen VOLKSRECHTE, die jedem Schweizer Bürger die Möglichkeit geben, landesweite Abstimmungen über bestimmte Sachfragen herbeizuführen.
Dadurch wird sowohl die Macht des Parlaments als auch die der Bundesregierung sehr stark beschränkt - und ein Machtmensch wir Blocher sowie seine Zürcher Satrapen passen nicht in dieses bewährte System.
Die Stimmengewinne der von Blocher mit seinen Millionen gesponserten SVP stellen aber eine echte Gefahr für das weitere Funktionieren der bewährten Schweizer Basis-Demokratie dar, denn auch in der Schweiz haben "starke Männer", d.h. besonders begabte Populisten wie Blocher ebenso Zulauf wie in so ziemlich allen anderen Demokratien.
Völker, nicht nur das Deutsche in den 30er Jahren, sind bekanntlich manipulierbar. Und deshalb ist nicht auszuschliessen, dass es auch mit der Schweizer Konkordanz-Demokratie zu Ende gehen kann, es sei denn
- entweder der sog. Berner Flügel der SVP trennt sich vom Zürcher, oder
- die anderen Parteien bilden endlich eine propagandistische "Einheitsfront" gegen Blochers SVP! Besonders die Freiheitlichen -die Schweizer FDP- sollte sich endlich klar und eindeutig gegen Blochers SVP positionieren, sonst läuft sie Gefahr, in der SVP aufzugehen!
In allen funktionierenden Demokratien der Welt führt die Partei mit den meisten Stimmen das Volk. Oder sucht sich Koalitionspartner. Wenn das den KommentatorInnen der SZ auch nicht passen sollte, so ist es doch Fakt.
Naja, in der Schweiz werden ja über alles Entscheidende sowieso Volksabstimmungen abgehalten, dementsprechend sollte da das Allparteienprinzip gut funktionieren.
Hier wollen sich die Politiker halt nicht ihre Linie vorschreiben lassen, bei Wahlen werden irrationale Wahlversprechen, welche zum grössten Teil an Lügen grenzen , abgegeben und so sich unter falschen Vorraussetzungen Stimmen ergaunert.
Paging