Schweiz Flüchtlinge, die in Bunkern schlafen müssen

  • Manche Flüchtlinge werden in der Schweiz vorübergehend in unterirdischen Bunkern untergebracht.
  • Flüchtlinge und deren Unterstützer beschweren sich über die Zustände in den Anlagen, die zum Schutz gegen Bombenabwürfe gebaut wurden.
Von Charlotte Theile, Zürich

Man könne nicht richtig atmen, sagt einer. Es gebe keine Privatsphäre, dafür viele Krankheiten. Um auf die Toilette zu gehen, müsse man zwei Stunden warten, sagt ein Anderer. Er habe monatelang nicht richtig schlafen können, erzählt ein Dritter, anonym, sein Gesicht vor der Kamera bleibt im Dunkeln. Die Männer sind Flüchtlinge - und sie alle leiden unter einer Art der Unterbringung, wie sie in der Schweiz seit einigen Jahren praktiziert wird: Wenn die oberirdischen Anlagen belegt sind, müssen Flüchtlinge in unterirdischen Bunkern schlafen. Ein aktueller Beitrag des ARD-Europamagazins hat nun die Zustände in einem solchen Bunker in Genf kritisch aufgegriffen.

Sogenannte Zivilschutzanlagen gibt es in dem kleinen Land traditionell einige: Um sich vor den Kriegen des Auslands in Sicherheit zu bringen, haben die Schweizer ihr Land unterkellert. Noch heute gibt es eine Vielzahl gut ausgestatteter Bunker, in denen sich die Bevölkerung bei Bedarf in Sicherheit bringen kann.

Über der Erde ist angeblich alles belegt

"Die Anlagen sind so aufgebaut, dass man dort auch einige Wochen verbringen kann", sagt Léa Wertheimer vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement - und länger seien die Asylbewerber dort ohnehin nicht untergebracht. Schließlich stellen sie hier nur ihre Gesuche und werden dann innerhalb von 30 Tagen weiter auf die Kantone verteilt.

Dass Menschen dort mitunter auch länger leben, will Wertheimer nicht abstreiten, betont aber: Es handle sich um Notlösungen, mit denen das Land auf Schwankungen reagiere. Jeder Kanton habe da eigene Ansätze. Im Aargau etwa würden die Asylbewerber in Zelten untergebracht.

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In Genf klagen die Flüchtlinge nun immer lauter über die unterirdische Unterbringung: Dass sie, die aus dem Krieg kommen, nun in Anlagen untergebracht würden, die für den Krieg geschaffen seien, sei erniedrigend. Die Verantwortlichen in der Stadt sagen, man sei sich der prekären Situation bewusst - nur sei eben über der Erde alles belegt.

Flüchtlingsvertreter wehren sich seit einiger Zeit gegen die Unterbringung in Bunkern. "Wir Menschen sind keine Maulwürfe", sagte Beat Meiner, früherer Präsident der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. "Wir brauchen frische Luft und Tageslicht." Auch die Aktivisten in Genf finden: Längere Zeit unter der Erde schlafen zu müssen mache depressiv und krank. Es sei menschenunwürdig.

Von der zentralen Bundesstelle heißt es, von den insgesamt 3000 Plätzen stünden etwa 490 in sieben unterirdischen Zivilschutzanlagen zur Verfügung. Die meisten Asylbewerber seien also über der Erde untergebracht. Zudem werde darauf geachtet, dass "den Asylsuchenden oberirdische Tagesstrukturen und Beschäftigungsprogramme geboten werden."

"Mehr Privatsphäre" möglich

Auch die Vorstellung, dass die Unterbringung im Bunker eine besondere Härte darstelle, will man beim Justiz- und Polizeidepartement so nicht teilen: Einige Empfangszentren würden bevorzugt Familien und Frauen in Zivilschutzanlagen unterbringen, weil es in den unterirdischen Anlagen "mehr Privatsphäre" gebe.

Die Unterbringung der Flüchtlinge und die Bedingungen, unter denen sie bleiben dürfen, sind in der Schweiz in den vergangenen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert worden. Gerade mit Blick auf die Parlamentswahlen im Oktober versuchen sich viele Parteien als besonders konsequent im Umgang mit Asylbewerbern zu profilieren. Wer um Leib und Leben fürchten müsse, habe sicher kein Problem damit, unterirdisch in Sicherheit gebracht zu werden, erklären gerade rechtsbürgerliche Parteien immer wieder. Und überhaupt: Was für von Bombenangriffen bedrohte Schweizer gebaut worden sei, könne für Asylbewerber doch nicht zu schlecht sein.

Fest steht: Da die Zahlen der Asylgesuche weiter steigen, werden wohl bald noch mehr Menschen unter der Erde schlafen müssen.

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