Mit den entsprechenden Folgen: Man kann sich darüber wundern, wenn sich etwa die Kantone der Innerschweiz, heroische Landschaften also, in denen weit und breit kein Minarett und keine Burka zu sehen sind und vermutlich auch nicht zu sehen sein werden, so dezidiert für ein Verbot aussprechen. Tatsächlich aber reagiert hier auf die Sprachlosigkeit der Macht eine Sprachlosigkeit der Schwäche. Und aus allen Begründungen ist der Geist ausgefahren, weil man sich nur noch, gegen den Stand der Dinge, womöglich auch gegen besseres Wissen, mit allen Mitteln wehrt. Die Fassungslosigkeit, mit der man am Sonntagabend unter aufgeklärten Schweizern auf das Wahlverhalten der eigenen Landsleute reagierte, antwortet auf deren Entschlossenheit, die eigene Lage nicht zur Kenntnis zu nehmen.

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In vielen Schweizer Städten - wie hier in Lausanne - wurde gegen die Entscheidung protestiert. (© Foto: dpa)

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Vom Wesen des "Kleinstaats"

Es geschieht noch etwas Zweites in dieser Wahl: Im selben Maße, in dem man nicht mehr diskutiert, entsteht die Illusion eines wortlosen Zusammenschlusses - einer Eidgenossenschaft im ursprünglichen Sinne des Wortes, einer Landnahme und Volksstiftung durch einen schlichten Akt des Willens. Zwar war in den vergangenen Jahren in der Schweiz viel vom "Kleinstaat" als der alten, neuen Perspektive des Landes die Rede. Als die Neutralität in den Augen der Welt kein Privileg mehr darstellte, sollte der "Kleinstaat" zum nationalen Vorteil werden, als Vision von Beweglichkeit und Modernität, als gegenüber allen zukünftigen Zerstörungen resistenter Kernbestand der Schweiz.

Doch steckt im "Kleinstaat" eben auch etwas Reaktionäres: die Sehnsucht, sich (wieder?) ohne Umschweife, ohne Diskussionen auf etwas Festes berufen zu können. Der "Kleinstaat" ist der letzte Rest des Glaubens an das Gelobte Land, an die nationale Immobilie in Zeiten globaler Bodenlosigkeit. Und schon im "Kleinstaat", einer Ideologie, der bei weitem nicht nur Schweizer Rechtspopulisten anhängen, verbirgt sich eine Idee von Verschworenheit gegen den Rest der Welt, eine Idee, bei der es nicht viel braucht, damit sie sich, ein wenig verwässert, ein wenig vertieft, in ein dumpfes Ressentiment verwandelt. "Endlich einmal eine schlechte Zensur wagen" - mit diesem Satz endete das Klagelied des Ökonomen Radu Golban. Und er bedeutet hier: Die Schweiz soll das Land sein, auf das die Welt schaut, und sei es im Bösen.

Wenig spricht indessen dafür, dass der westliche Fundamentalismus, so wie er sich am vergangenen Sonntag in der Schweiz artikulierte, eine einzigartige Errungenschaft der Eidgenossen ist und bleibt. "Alles Ständische verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen", heißt es im "Kommunistischen Manifest" von Friedrich Engels und Karl Marx. Und wenn sie es nicht tun? Wenn sie darauf beharren, sich gegen ihre eigenen Zweifel durch Beschwörungen ihrer selbst, ihrer vermeintlichen Kultur, ihrer vermeintlichen Landschaft zu immunisieren?

Es hat seinen Grund, wenn sich in das Bedauern über das Verhalten der Schweizer Wähler immer wieder die Sorge mischt, dergleichen könnte, ob mit oder ohne direktes Wahlrecht, auch anderswo in Europa passieren. Dann wäre die Schweiz genau das, was sie als neutraler, demokratischer und reicher Staat immer sein wollte: ein Pionier für die Welt.

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(SZ vom 2.12.2009/mati)