Schweiz Mär vom Paradies der Sprachen

Zu den oft gerühmten Vorzügen der Schweiz gehört ihre Mehrsprachigkeit - in der Theorie. Die Praxis dagegen sieht trübe aus, und wenn sich Schulreformer im deutschen Teil der Alpenrepublik durchsetzen, wird es in Zukunft um die Mehrsprachigkeit noch schlechter bestellt sein.

Von Wolfgang Koydl, Zürich

Zu den oft gerühmten Vorzügen der Schweiz gehört ihre Mehrsprachigkeit: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch koexistieren friedlich und gleichberechtigt. Auf Schulbänken in Lausanne, Luzern oder Lugano büffelt man das Idiom des jeweils anderen Eidgenossen - ein Volk polyglotter Brüder und natürlich auch Schwestern.

So weit die Theorie. Die Praxis freilich sah stets viel trüber aus, und wenn sich Schulreformer im deutschen Teil der Alpenrepublik durchsetzen, wird es in Zukunft um die Mehrsprachigkeit noch schlechter bestellt sein. Vor Kurzem hat das Parlament des Kantons Schaffhausen beschlossen, in Grundschulen nur noch eine Fremdsprache zu unterrichten. Heute sind es zwei, Englisch und Französisch, doch nach dem Stand der Dinge wird Französisch wegfallen, da Englisch als wichtiger für den internationalen Diskurs erachtet wird.

Dies ruft den Unmut und den Ärger der Westschweizer hervor. Denn vom Schaffhauser Votum wird wohl ein Signal ausgehen an andere Kantone, in denen das Zweisprachenprinzip ebenfalls umstritten ist. In Basel-Land, Nidwalden, Zug, Graubünden, Luzern und im Thurgau stehen demnächst Volksinitiativen oder Parlamentsentscheide zum Thema an. Oft unterstützen Lehrer oder ganze kantonale Lehrerverbände die Beschränkung auf eine Sprache, was eine Annahme solcher Vorschläge wahrscheinlicher macht. Sie argumentieren, dass viele Kinder mit zwei Sprachen überfordert seien. Es reiche, wenn die zweite Fremdsprache erst in der Oberstufe unterrichtet werde.

Regierung will "abwarten und beobachten"

Erst vor sechs Jahren hatten sich die Schweizer Kantone und das Fürstentum Liechtenstein auf eine Harmonisierung des Unterrichts verständigt. Das sogenannte Harmos-Konkordat sah unter anderem zwei Fremdsprachen in der Grundschule vor. Bis heute haben 19 der 26 Kantone diesen Vorschlag umgesetzt. Die Übereinkunft galt als bahnbrechend, da die Kantone im Bildungsbereich noch sehr viel eifersüchtiger über ihre Vorrechte wachen als Bayern über sein Abitur.

Das Thema der Mehrsprachigkeit ist in der Schweiz politisch und emotional stark aufgeladen, schließlich definiert sich die Eidgenossenschaft nicht unwesentlich über das Zusammenleben ihrer verschiedenen Kulturen. Die Bundesregierung hat sich in die Debatte daher auch noch nicht eingeschaltet und will vorerst "abwarten und beobachten". Sollten aber immer mehr Kantone zum Einsprachenmodell zurückkehren, müsste Bern intervenieren - wenn auch nicht im Sinne der Reformer. Aus Gründen der Staatsräson müsste Französisch erste und einzige Fremdsprache an deutschschweizer Schulen sein.

Im italienischsprachigen Tessin und in der Romandie zwischen Genf und Fribourg hat man kaum Probleme mit dem obligatorischen Deutschunterricht. Praktischen Nutzen ziehen die Westschweizer freilich kaum aus ihm, wenn sie nach Bern oder Basel reisen. Sie haben Hochdeutsch gelernt und kommen mit Schwyzerdütsch ebenso wenig klar wie Brandenburger, Bayern oder Bremer. In speziellen Schweizerdeutsch-Kursen, die das Landesidiom vermitteln, trifft man daher nicht nur beflissene Deutsche an, sondern auch Tessiner oder Romands.

Nüchterne Stimmen warnen ohnehin vor allzu viel Aufregung. Ein, zwei Französischlektionen pro Woche, meinte etwa ein Abgeordneter, machten aus einem Züricher Schuljungen noch keinen Frankofonen. Im Alltag haben sich West-, Deutsch- und Italoschweizer ohnehin pragmatisch auf die inoffizielle fünfte Landessprache geeinigt: Englisch.