Schweiz Jetzt bist du halt bei uns

In der Schweiz leben Tausende ehemalige "Verdingkinder". Viele von ihnen leiden bis heute an den Folgen von Versklavung und Missbrauch. Erst langsam stellt sich die Schweiz diesem Kapitel ihrer Geschichte.

Von Charlotte Theile

Es gibt diesen Tag, an den Anna Schnegg immer wieder zurückkehrt. Ein Datum, das ihr Leben in ein Davor und Danach teilt. April 1949, Anna Schnegg ist damals fünf Jahre alt. Sie hält die Hand ein Stück über den Boden, "so hoch war das Gras". Sie sieht ihren Vater vor sich, sehr "pressiert", wie man im Schweizerdeutschen sagt, eilig, gehetzt. Er nimmt sie an die Hand. Vor dem Haus stehen Autos, Motorräder. "So was hatte ich vorher noch nie gesehen." Ihre Familie lebt in einem Bergdorf im Berner Oberland, die Eltern sind arm, und sie sind geschieden.

Die nächste Erinnerung: Sie steht mit dem Vater vor einem Haus mit einer Laube, eine fremde Frau schaut heraus. Der Vater bringt sie hinein, auch jetzt muss es schnell gehen. "Von heute an bist du hier" sagt der Vater. Dann dreht er sich um und geht. Am Abend kommt ein fremder Mann von der Arbeit nach Hause, er schaut sie lange an, von oben nach unten. Er seufzt. "Jetzt bist du halt bei uns."

Anna Schnegg schaut an die Decke, als stünde da ein Riese in ihrem Wohnzimmer. Wenn sie von dem Tag spricht, an dem sie "platziert" wurde, ist es, als wäre sie wieder fünf Jahre alt. Ein unterernährtes Kind mit hartem Bauch und großen Augen, das in seinem Leben noch nie ein Butterbrot gegessen hat.

Der Betrag, den die Schweiz nun auszahlt, ist keine Entschädigung. Eher eine Geste, ein Symbol

Jetzt bist du halt bei uns. Dieser Satz wird zur Überschrift ihrer Kindheit. Dass er nicht zur Überschrift ihres Lebens geworden ist, hat sich Anna Schnegg selbst zu verdanken. Heute sitzt Schnegg, die in Wirklichkeit anders heißt, in einem kleinen Häuschen im Berner Mittelland. Sie ist gelernte Krankenschwester, hat Jahrzehnte gearbeitet. An der Wand ein Foto ihrer Familie, drei große Söhne mit blitzsauberen Hemden und lässig zurückgeworfenen Haaren, zwei kleine, müde Eltern.

Ihr Mann ist mit dem Hund und ein paar Freunden wandern gegangen, die Söhne rufen fast jeden Tag an.

"Das gibt es nur selten" sagt Guido Fluri. "Dass es jemand schafft, eine Familie zu gründen, ein normales Leben zu führen. Die meisten, mit denen wir zu tun haben, sind an ihrer Geschichte zerbrochen." Guido Fluri ist Urheber einer Bewegung, die sich Wiedergutmachungsinitiative nennt. Er vertritt die Belange von Tausenden Menschen, die als Kinder in landwirtschaftliche Betriebe gebracht wurden. Verdingkinder werden sie in der Schweiz genannt. Viele schufteten von klein auf wie Erwachsene. Fluri hat fast täglich hat mit schwer traumatisierten Menschen zu tun. Mit Menschen, die im Leben keinen Fuß auf den Boden bekamen, für immer geschädigt durch das, was sie erlebt haben.

Vor einigen Wochen konnte Fluri ihnen eine gute Nachricht überbringen: Der Schweizer Nationalrat hat beschlossen, einen Solidaritätsbetrag von 300 Millionen Franken bereitzustellen. Jeder der zwölf- bis fünfzehntausend Überlebenden soll Geld bekommen, umgerechnet etwa 20 000 Euro. "Schweiz entschädigt Kindersklaven" titelten die Zeitungen - obwohl der Betrag mit Entschädigung nichts zu tun hat. Er ist eine Geste, ein Symbol. Er besagt: Das, was in der Schweiz bis in die Achtzigerjahre mit Pflegekindern geschehen ist, war nicht in Ordnung.

Anna Schnegg knüllt ein Papiertaschentuch zusammen. Nicht in Ordnung. Sie zieht die Nase hoch. Das wusste sie irgendwie damals schon. Dass die anderen Kinder nicht den ganzen Tag im Stall schuften mussten. Dass sie zum Arzt gehen konnten, wenn ihnen etwas fehlte. Dass auch andere Kinder manchmal geschlagen wurden, aber eher mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Nicht in Unterwäsche, über einen Stuhl gebeugt. Nicht mit Lederriemen und Seilen.

Sie wusste auch, dass nicht in Ordnung war, was ihr Pflegebruder von ihr wollte, wenn er nachts durch ihr Fenster stieg oder beide allein im Stall waren. Es gab nur niemanden, dem sie davon berichten konnte. Kein Jugendamt, das sich nach ihrem Verbleib erkundigte. Keine Sozialarbeiterin, die vorbeigekommen und ihre Pflegeeltern zur Rede gestellt hätte. Und vor allem: Keinen Kontakt zu der Familie, in die sie hineingeboren worden war.

Es gibt Sätze in Anna Schneggs Leben, die sind so unabänderlich wahr, dass sie sie in jedem Gespräch wiederholt. "Wenn du eine Tasse herunterfallen lässt, kannst du sie zwar leimen, aber den Sprung, den sieht man immer noch." Dann ein ganz kurzer, abgehackter Satz, der auch heute noch so weh tut, dass man ihn kaum aussprechen kann. "Ich bin ja Zwilling."

Es gab Verdingmärkte, wo Waisen- und uneheliche Kinder wie Vieh versteigert wurden

Das Band zwischen ihr und ihrem Bruder wurde im April 1949 durchschnitten. Den Zwilling sah sie nie wieder. Er starb mit 34 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt, Anna Schnegg konnte nicht zu seiner Beerdigung gehen. Sie lag im Spital. Ihr Mann ging zur Beerdigung ihres Zwillings. "Dort waren nur vier Menschen" sagt Schnegg. Dann sagt sie lange nichts mehr. Bis heute fragt sie sich, was ihr Zwilling in seinem kurzen Leben durchlitten hat. Ob er die gleichen Krankheiten hatte, unter denen sie heute leidet. Und: Woran er überhaupt gestorben ist.

Anna Schnegg hat noch drei weitere Geschwister. Bis auf den Ältesten wurden alle "fremd platziert". Kontakt zwischen den Geschwistern war verboten, über ihre Familie zu sprechen sowieso. Ihr Vater schickte gelegentlich eine Karte aus dem Tessin. Von der Mutter hörte sie nie mehr.

Als 2011 der Film "Der Verdingbub" herauskam, ging Schnegg mit einem ihrer Söhne ins Kino. Die Geschichte von etwa 10 000 Kindern, die jedes Jahr untergebracht wurden, kam mit jahrzehntelanger Verzögerung im Bewusstsein der Schweiz an. Heute liest man von Verdingmärkten, wo Waisen, uneheliche Kinder, Scheidungskinder wie Vieh versteigert wurden. Man fühlt sich Hunderte Jahre zurückversetzt. "Die Schweiz war bis ins 20. Jahrhundert ein armes Land" sagt Guido Fluri. Die Kinder wurden von ihren Pflegeeltern möglichst billig untergebracht. Natürlich hätten die staatlichen Stellen versagt, sagt Fluri. "Aber eigentlich ist die ganze Gesellschaft verantwortlich: Kirchen, Schulen, Nachbarn. Viele wussten, dass diese Kinder misshandelt werden. Niemand schritt ein." Als vor einigen Jahren die Aufarbeitung begann, hat er einigen Widerstand gespürt. "Damals hörten wir, die Geschichten seien längst verjährt, wir sollten sie ruhen lassen."

Anna Schnegg streichelt das Fell ihres Katers. Die alten Geschichten ruhen lassen. Vergessen, was sie erlebt hat, bevor sie den Bauernhof ihrer Pflegefamilie mit 16 Jahren für immer verließ. Im Badezimmer stapeln sich Medikamente gegen Depressionen, Schmerzmittel. Rücken und Wirbelsäule sind von der schweren Arbeit im Stall für immer in Mitleidenschaft gezogen, gerade erst hatte sie eine Operation.

"Meine verlorene Kindheit" sagt sie ein ums andere Mal. Sie hat gelernt, sie in wenigen Geschichten zusammenzufassen.

Ihre Handgelenke, die in Werbeplakate aus Pappe gesteckt und ans Kinderbettchen gebunden wurden. Kommen Sie ins schöne Berner Oberland. Der Tag, an dem die neue Küche eingebaut wurde und die Pflegeeltern entdeckten, dass sie die Scherben einer Porzellankanne hinter der alten Küchenzeile versteckt hatte, um ihr Missgeschick zu verbergen. Die Ziegen im Stall, die sie liebte wie sonst nichts auf der Welt. Der Tag, an dem sie die Tiere zum Schlachter bringen musste.

Dass sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, liegt daran, dass einer ihrer beiden Pflegebrüder noch lebt. Der "böse Bruder" wie sie sagt. Der, der sie am Tag umherscheuchte und schikanierte. Und der nachts in ihr Zimmer kam "und auf einmal ein Lieber sein wollte".

Schnegg hat Kontakt mit ihm und seiner Familie. Hin und wieder macht sie Höflichkeitsbesuche - bei dem Mann, der sie als Mädchen jahrelang missbraucht hat.

Einer dieser Besuche ist vierzehn Jahre her. Anna Schnegg wird fast laut, als sie davon erzählt. Die Frau des bösen Bruders überreichte ihr an diesem Tag ein Geschenk. Etwas, das sie beim Aufräumen gefunden hatte. Es war der Lederriemen, genannt Joggi, mit dem sie als Kind unzählige Male geschlagen worden war. "Sie hat mir den Joggi gegeben und gesagt: Hier, der gehört noch dir." Anna Schnegg schnaubt. "Dann hat sie gesagt: Der hat dir manchmal gutgetan."

Es wird still. Aber diesmal ist kein Schluchzen zu hören. Anna Schnegg klingt jetzt fest und klar, nicht mehr wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene Frau. "Den Joggi habe ich weggeschmissen."