Die eidgenössische Armee löst ihre Fahrrad-Regimenter auf.
Zürich, im Januar — Sie passten nicht in unsere Zeit. Auch weil sie so still waren. Das Militärische ist ja ein lärmendes Geschäft. Wenn nicht gerade Bomben explodieren oder Gewehre knattern, rütteln Panzerketten und dröhnen Dieselmotoren.
Anzeige
Die Rad-Soldaten hingegen huschten fast lautlos übers Land. Sah man sie auf einem Feldweg oder einer Bergstraße in den Alpen, ordentlich einer hinter dem anderen, wie ein graugrüner großer Wurm, dann waren nur surrende Reifen zu hören und rasselnde Lungen.
Ältere Schweizer Wanderer erfreuten sich am Anblick der schwitzenden Buben und riefen ihnen ein "Grüezi wohl" hinterher. Zuletzt schwang Wehmut mit. Denn zum Jahreswechsel wurden alle Velo-Regimenter aufgelöst, die 3000 Radler zu Panzergrenadieren umgeschult. Eine einzigartige, 112 Jahre alte Schweizer Institution ist verschwunden.
Erst die Tauben, dann der Train
Es stimmt nicht ganz, dass die Schweizer Armee "seit Hannibals Zeiten keinen Schuss mehr abgegeben hat", wie der englische Star schrieb. Doch weil sie stets im Windschatten der Geschichte blieb, hat sich das neutrale Land nie beeilen müssen mit der Modernisierung seiner militärischen Strukturen.
Die Kavallerie hielt sich bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, die 23.000 Brieftauben der Spezies "Columba militaris helvetica" wurden erst 1995 aus dem Kriegsdienst entlassen. Vor kurzem hat es den "Train" erwischt, die Lastpferde-Einheiten.
Und nun also die Radfahrer, die in der reformierten "Armee XXI" keinen Platz mehr haben. Sie seien ungeschützt gegen Splittergeschosse, so die Begründung, und mit Sensoren könne sie der Feind zu leicht entdecken.
Leistungen, die keiner mehr braucht
"Ihre Leistungen sind auf dem heutigen Gefechtsfeld nicht mehr gefragt", sagt Divisionär Christian Schlapbach, ehemaliger Kommandeur eines Radfahrer-Regiments und einer der höchsten Schweizer Offiziere.
Ihre Leistungen: neben der geräuscharmen, umweltfreundlichen "Verschiebung" die Beweglichkeit. "Es hieß: Los. Man saß auf und fuhr", schwärmt Schlapbach. Auf Distanzen bis zu 20 Kilometer waren die Radler schneller unterwegs als motorisierte Einheiten und rollten durch Wälder und Felder, in denen Panzer stecken blieben.
Notfalls sprangen die Soldaten vom fahrenden Rad mit einer Hechtrolle über den Lenker über den Lenker ins rettende Gebüsch, Maschinengewehr im Anschlag.
Auf dem Schlachtfeld selbst hatten sie wenig zu suchen, ihre eigentliche Aufgabe war es, das Gelände zu sichern, Brücken zu bewachen. Oder Flughäfen, wie 1971 in Genf, als Anschläge arabischer Terroristen drohten.
In der Schweizer Armee galten die Radfahrer als Elite-Einheit mit einem besonderen Korpsgeist, der wohl aus den Anstrengungen während des Diensts im Sattel erwuchs.
Heftiges Murren
Bis zu 200 Kilometer lang konnte ein "Radmarsch" sein, allein das Gepäck - Kleidung, Proviant, Waffe, Werkzeug - wog mehr als 40 Kilogramm. Als Fahrzeug stand ihnen bis 1993 jener legendäre schwarze "Einspur-Panzer" zur Verfügung, den die Schweizer Firma Condor seit 1905 in nahezu unveränderter Form gebaut hatte: mit nur einem Gang, Rücktritt und Stempelbremse, 28 Kilo schwer, dafür äußerst robust.
Die Truppe murrte heftig, als er schließlich durch eine Art Mountainbike mit japanischer Siebengang-Schaltung ersetzt wurde.
Die Regiments-Kommandeure, die im Jeep nebenher fuhren, verstanden sich auf Drill. Manchmal, erzählen Insider, ließen sie ihre Leute bergrunter einfach absteigen, damit das Vergnügen nicht zu groß wurde. Nur Männer mit Sportabzeichen oder Radprofis wie Alex Zülle und Tony Rominger standen die Torturen durch, "für die Damen war das Metier zu hart", betont Schlapbach.
Wie die Sturmgewehre durften die Wehrmänner auch ihre Zweiräder nach Dienstschluss mit nach Hause nehmen. Sie standen im Keller, für den Ernstfall geölt und aufgepumpt.
Ein Veteran erzählt, er streichle seinen "Göppel" noch heute einmal pro Woche. Ausgemusterte Räder erhielt man früher für ein paar Franken im Zeughaus. Ende der Achtzigerjahre galten sie dann plötzlich als schick und alternativ; gut erhaltene Exemplare kosteten bis zu 1000 Franken.
Die Velo-Soldaten waren Kult geworden, Teil der populären Mythologie. Noch lange wird man sich die angeblich wahre Geschichte jenes Wehrpflichtigen erzählen, der zu den Radlern eingeteilt wurde, weil er den Musterungs-Offizier um einen Gefallen gebeten hatte: "Ich möchte einen Job, wo man viel sitzen kann."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 22.1.2004)
Stockender Kita-Ausbau