Leidende Kinder sind lästig: Missbrauchsopfern wurde lange nicht geglaubt, weil ihre Nöte Mut und Solidarität erfordert hätten.
Verschwiegen, verdrängt, verjährt - diese Trias ist ein Charakteristikum im Umgang mit jenen unerträglich vielen Missbrauchsfällen in Kirche, Schulen, Internaten, Vereinen, Familien, die derzeit in einer Woge immer neuen Offenbarungen an die Öffentlichkeit drängen. Jeden Tag ein neuer Fall, fast jeden Tag eine neue Institution: Eine traurige Ermüdung setzt ein, und der Schock über versagende Autoritäten sowie bröckelnde Gewissheiten paart sich mit der ratlosen Frage: Warum kamen - und kommen - viele Täter oft so lange, zu lange oder für immer davon?
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Das Schweigen hat ein Ende: Mit Bildern von Opfern demonstrierte das Netzwerk der Überlebenden von Missbrauch durch Priester vor dem Justizministerium in Berlin. (© Foto: dpa)
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Mütter schauen weg
Gelitten, geredet, nicht gehört - das ist die zweite Trias, die Missbrauch begleitet wie eine schwarze, hohe Mauer. Denn natürlich haben viele Opfer Signale der Not gesendet; Kinder, denen Gewalt angetan wird, tun das. Aber diese wurden nicht erkannt, ignoriert. Jugendliche werden depressiv, entwickeln Essstörungen, werden Bettnässer, ritzen sich die Haut auf, kämpfen mit Leistungsabfall - all das sind keine zwingenden, aber mögliche Indikatoren für Missbrauch, die verstanden sein wollen. Kinder haben gesprochen, haben sich ihren Eltern anvertraut; ihnen wurde nicht geglaubt, weil nicht sein darf, was Lebensgewissheiten in Frage stellt.
Psychologen, die Missbrauchsopfer behandeln, berichten immer wieder darüber, dass Väter sich an Mädchen vergehen - und Mütter wegschauen. Weil sie sonst ihre Ehemänner stellen, Konsequenzen ziehen, eigenen Traumata begegnen müssten. Jugendlichen, die Misshandlungen oder Missbrauch in scheinbar ehrbaren Einrichtungen andeuteten, wurde nicht geglaubt, weil weltliche und göttliche Hierarchien in Frage gestellt würden, hätte man die Klagerufe ernst genommen. Und weil Kinder als Opfer lästig sind, weil ihre Not Solidarität, Zeit und Entscheidungen erfordert.
Liebe gegen Angst
Geschämt, geschwiegen, gestorben - das ist die dritte Trias, die Missbrauch prägt. Der seelische Tod ist nicht selten die Folge von Gewalterfahrungen: Dass Vertrauen missbraucht, Gefühl manipuliert und Abhängigkeit ausgenutzt wurde, nimmt Opfern den Atem, manchmal ein Leben lang. Wenn der Vater von der Tochter, der Lehrer vom Schüler Sex erzwingt, steht Liebe oder Loyalität gegen Angst; es steht die Scham, Opfer zu sein, gegen die innere Autonomie, Verhasstes zu verneinen.
Missbrauch in der Familie bleibt oft unentdeckt, weil Kinder ihre Familie schützen, geliebte Menschen - und auch sich selbst - nicht bloßstellen wollen. Missbrauch von Männern an Jungen ruft doppelte Scham hervor: Homosexualität gilt bis heute, trotz aller Toleranz, als eine Art Makel; wer sich als Pädophilie-Opfer outet, fürchtet den Ekel in den Augen der anderen.
An der Scham erstickt
Geschwiegen, geschämt, Suizid begangen: Erwachsene, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, haben ein drei bis vier Mal höheres Selbstmordrisiko als andere Menschen. Die Berichte über Missbrauch an katholischen Einrichtungen und an der Odenwaldschule enthielten, in Nebensätzen, einige Mal den Hinweis darauf, dass Zeugen nicht mehr befragt werden könnten, weil sie in den Tod gegangen seien. Den Freitod wählt, wer an seiner Scham erstickt.
Nun plötzlich wird viel geredet, gestanden, gebeichtet - manchmal befreit, oft gequält. Warum erst jetzt? Natürlich auch, weil Lehrer, Vorgesetzte und Behörden sich nicht mehr entziehen können und die Hoffnung der Opfer auf Gehör wächst. Aber vor allem, weil in der Menge die Sicherheit zunimmt, mit dem eigenen Schicksal zwar gesichtslos zu sein - aber doch mitgetragen zu werden. Nach wie vor wollen die meisten Erwachsenen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Missbrauch erlebt haben, anonym bleiben; sie wollen vermeiden, dass sie in der Öffentlichkeit mit Schuldgefühlen, Unverständnis, vor allem aber mit Ablehnung konfrontiert werden, weil sie geschwiegen haben. Dabei hat oft nur das Schweigen die Würde gerettet.
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(SZ vom 27.03.2010/holz)
Wahlkampffinanzierung in den USA
Ich frage mich auch, ob es in den Institutionen ein Problem der Männer ist oder ob Frauen in bestimmten Institutionen (z.b. Nonnen) auch übergriffig sind. Es sieht jedoch danach aus, als ob es wohl fast ausschließlich Männer als sexuelle Gewalttäter gibt.
Es bleibt ein Gefühl der Trauer, des Vertrauensverlustes anderen Menschen gegenüber. Ich denke, man hat nicht ursächlich Angst vor dem Ekel in den Augen der anderen, den Ekel und die Scham trägt man in sich. Ich bin mir sicher, wenn von außen Hilfe gekommen wäre, hätte ich heute ein besseres Lebensgefühl.
Wenn ich manchmal Kinder sehe, wie sie voller Vertrauen Erwachsenen und der Welt gegenüber sind, wie sehr sie lieben können und was ihnen durch diesen Machtmissbrauch und den Taten angetan wird dann tut dies verdammt weh.
Was ich verstanden habe ist: Ihr Gefangensein und ihre Hilflosigkeit in der finanziellen und emotionalen Abhängigkeit (Hausfrauenehe, repressives gesellschaftliches Klima, geringerer Status der Frau und von Kindern in einem patriachalen System ). Ihre Übernahme der Aufgabe, um jeden Preis die Familie zusammen zu halten und eine Art von Scheinharmonie aufrecht zu erhalten. Ihr tiefes katholisches Loyalitätsgefühl dem Dogma der Ehe gegenüber, was eine Scheidung verunmöglicht hat.
Sie hat sich mit dem Mut der Verzweiflung an ihre Schwiegermutter gewandt. Diese hat nur mit der Schulter gezuckt und geschwiegen. Heute weiß ich, dass in der unmittelbaren Verwandtschaft es fast alle gewusst haben sie haben alle weggeschaut. Die Betroffenen müssen zwar die Folgen tragen, aber in einem Klima, das diese Form der Gewalt überhaupt erst ermöglicht, sind alle Menschen in der Umgebung betroffen.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich nehme meine Mutter damit nicht aus ihrer Verantwortung, sie trägt Mitschuld wie auch meine anderen Verwandten. Jedoch mochte ich darauf hinweisen, die eigentlichen Taten nicht den Müttern anzulasten in ihrer bis heute gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle als DIE Beschützerin ihrer Kinder. Zumal es kaum Studien darüber gibt, warum Frauen als Mütter sich bei sexuellem Missbrauch nicht beschützend ihren Kindern gegenüber verhalten, wie wir dies gern alle hätten. Es gibt viele Mutmaßungen und Unterstellungen. Über die psychischen Strukturen der Täter weiß man viel mehr.
Dass Machtstrukturen in der Gesellschaft, in den Institutionen und Familien den Missbrauch erleichtern, ermöglichen oder möglicherweise erst mitentstehen lassen, ist für mich eine wesentliche Erkenntnis gewesen. Und da haben wir alle eine große Mitverantwortung.
Seit Beginn der Frauenbewegung und meiner Politiserung beschäftigt mich die sexuelle Gewalt. Ich denke, dass ich auch ganz gut informiert bin. Mir fiel z.B. auf, dass viele Medien sich auf Pädophile als Täter beschränken. Dies ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Viele Täter sind nicht pädophil, auch nicht all die Kirchenmänner, Lehrer, Trainer. Mir kommt es so vor, als ob auch über die Motive der meisten Täter ein Schleier gelegt wird, weil sie nicht erwähnt werden. Wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir, dass es in erster Linie ein Machtmissbrauch ist. Und Machtmissbraucher suchen sich Personen aus, die besonders angreifbar sind und sich schwerer Hilfe holen können. Mit wenig Macht und geringem Status ausgestattet sind Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderungen. Diese Dominanzkultur des Patriachats räumte den Tätern eine Vormachtstellung ein und schützt sie mehr als die Opfer. Besonders gut zu studieren bei den Geschehnissen in der Katholischen Kirche.
Je mehr Öffentlichkeit hergestellt wird, umso weniger werden sich die Täter trauen bzw. vielleicht auch Hilfe suchen. Deswegen ist auch so wichtig, nicht nur von Pädophilen zu sprechen.
Und eins ist doch auch klar: Der Missbrauch fand nicht nur in der Vergangenheit statt (ich denke da auch an die Heimkinder) am besten weit weg in den 50, 60,70,80er Jahren sondern es gibt ihn heute hier und jetzt.
In Ihrem Kommentar schreiben Sie auch über die Mütter, die wegsehen. (Sie schreiben sogar im Untertitel - Mütter schauen weg). Da ich selbst von meinem Vater missbraucht wurde, habe ich mich auch mit der Rolle meiner Mutter intensiver beschäftigt und vieles nicht verstanden.
Liebe Frau Kahlweit,
vielen Dank, dass Sie sich dieser Thematik von einer Seite genähert haben, die ich bisher in den Medien vermisst habe. Seit Beginn der Berichterstattung in diesem Jahr verfolge ich täglich die deutsche überregionale Presse (dank des Internets). Ab einem bestimmten Zeitpunkt dachte ich, wann kommen die Berichte über die sexuellen Übergriffe im Sport, in den Familien und was ist mit der Kinderpornografie und dem Kinder-Sextourismus. Ich sehe die sexuelle Gewalt an Kindern durchaus nicht beschränkt auf Institutionen und Familien. Und dann kam der erste Bericht in der FAZ über den Missbrauch in einem Sportverein. Wird da jetzt auch eine Lawine losgehen?
In der Sendung Scobel wurde schon vor längerer Zeit über Kinderpornografie und
sextourismus mit erschreckenden Zahlen berichtet. Dort wurde deutlich dass die meisten pädophilen Täter aus der Mitte der Gesellschaft kommen, Anwälte, Ärzte, Richter usw. Dies sind gut organisierte und durchaus auch wirtschaftlich potente Kreise. Ich weiß z.B., dass es (60/70er Jahre) von Düsseldorf aus direkt Flüge nach einer Provinzregion im Kamerun gab. Vollbesetzt mit Männer, die dort ihre Taten an Jungen und jungen Mädchen begingen, bis die Behörden in Kamerun dies unterbunden haben.
Die Opfer aus der Vergangenheit sprechen jetzt, weil sie älter sind (viele können erst ab 50 Jahre sprechen), weil ein anderes gesellschaftliches Klima herrscht und weil sie sich im Schutz der vielen trauen und sich möglicherweise auch solidarisch und/oder politisch verhalten wollen. Und jetzt wird auch deutlich, wie wichtig es ist, auch gesellschaftlich Gehör zu finden und anerkannt zu werden. Denn sie wurden zweimal verraten, einmal von den unmittelbaren Tätern und zum anderen von deren Institutionen bzw. von der Gesellschaft, wenn die Taten in den Familien stattfanden bzw. finden.
Das Image dieser Kirche ist inzwischen wie löcheriger Käse und die ehrlichen Gläubigen schämen sich für andere, die es nötig hätten und nur ihre Positionen wirklich ernst nehmen.
Die Opfer sind jetzt zum Spielball der proletenden Ankläger geworden, so wie sie es gegenüber ihren Peinigern waren.
Ihre Scham hat bisher dazu beigetragen, dass dieses Unrecht erst so spät ans Licht gekommen ist.
Wenn sie sich dessen bewusst werden, dass sie in Wirklichkeit Helden sind, nicht zuletzt weil sie diesen Dreck überstanden haben, können ihre Reaktionen auch anders ausfallen.
Wer solche Demütigungen übersteht, hat eine Kraft bewiesen, um die man jeden nur beneiden kann.
Wer sich von dem Schmutz dieser schweren Prüfung befreit, kann besser erkennen, wie er daraus hervorgegangen ist.
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