Von Gunnar Herrmann, Stockholm

In Schweden wird die erste private Kinderklinik eröffnet. Kritiker sehen dies als Beleg dafür, dass der ganze Staat krankt.

Das bunte Haus wirkt, als hätte es jemand aus Bullerbü direkt in die Großstadt verpflanzt. Aber der malerische Anblick der "Gelben Villa", so heißt das Gebäude im Stockholmer Stadtteil Östermalm, täuscht.

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Das Gesundheitswesen in Schweden ist in der Krise. (© Foto: dpa)

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Denn hinter der historischen Holzfassade bereiten Ärzte und Kaufleute eine kleine Revolution vor. Kritiker meinen sogar, dass sie an den Grundfesten des nordischen Wohlfahrtsstaates rütteln. In der "Gelben Villa" eröffnet am nächsten Montag das erste private Kinderkrankenhaus Schwedens. Eltern sollen dort gegen Bargeld oder mit Abschluss einer privaten Versicherung medizinische Hilfe für ihre Sprösslinge kaufen können.

Viele Schweden halten dies für ein geradezu unanständiges Angebot in einer Gesellschaft, in der Gleichheit als zentraler Wert betrachtet wird. Eine Initiative sammelte im Internet etwa 2000 Unterschriften gegen das "Reichenkrankenhaus".

Politiker aus linken wie bürgerlichen Parteien kritisierten die Klinik. Der Sozialdemokrat Dag Larsson nannte die Eröffnung des Krankenhauses "unerhört beklemmend" und warnte in der Zeitung Dagens Nyheter: "Das zerstört die Solidarität zwischen den Bürgern." Auch Birgitta Rydberg von der liberalen Volkspartei, sonst eher wirtschaftsfreundlich, bezeichnete das Projekt als Beginn eines "gefährlichen Weges".

Die Schweden sind es nicht gewohnt, für medizinische Versorgung extra zu zahlen. Zwar gibt es private Kliniken für Erwachsene, doch die sind Teil des öffentlichen Gesundheitssystems, das fast vollständig aus Steuereinnahmen finanziert wird. Krankenkassen gibt es nicht.

Beim Arzt gibt der Patient einfach die Personennummer an, mit der er beim Finanzamt registriert ist. Erwachsene müssen - ähnlich wie in Deutschland - Praxis- und Rezeptgebühren sowie bei einigen Behandlungen eine kleinere Eigenbeteiligung zuzahlen. Für Kinderaber ist der Arztbesuch gratis.

Der kostenlose Service hat jedoch Mängel. In Stockholm stehen einige der besten Krankenhäuser der Welt, aber wirklich gut sind sie vor allem in Notfällen. Wer nach einem Autounfall oder einer Herzattacke in eine schwedische Klinik gebracht wird, bekommt die bestmögliche Pflege.

Marktlücke gefunden

Anders sieht es bei kleineren Erkrankungen aus: Erkältete Kinder fiebern oft stundenlang im Wartezimmer, bevor sie einen Allgemeinmediziner treffen. Und für einen Besuch beim Kinderarzt braucht man einen Überweisungsschein; Termine gibt es selten noch am selben Tag. "Wenn das Kind krank ist, will man aber sofort Hilfe", sagt Peter Wasmuth. Er glaubt, hier eine Marktlücke gefunden zu haben. Wasmuth ist Geschäftsführer des neuen Kinderkrankenhauses Martina, das von privaten Geldgebern finanziert wird.

Klappt es in Stockholm, sollen ähnliche Unternehmen in Malmö und Göteborg eröffnen. Stolz zeigt Wasmuth Besuchern die frisch renovierten Räume. Im Erdgeschoss gibt es ein Sprechzimmer und einen kleinen Operationssaal für einfache Eingriffe. Im ersten Stock sind mehrere Räume für Fachärzte vorgesehen. Wasmuth verspricht Eltern Wartezeiten von nur wenigen Minuten und direkten Zugang zu Kinderärzten, Orthopäden, Hautärzten und anderen Spezialisten. "Es haben bereits viele Familien Interesse gezeigt", sagt er.

Behandelt wird aber nur, wer zahlt. Umgerechnet etwa 150 Euro soll ein Arztbesuch kosten. Die Klinik arbeitet außerdem mit einem Versicherungsunternehmen zusammen. Für einen Monatsbeitrag von 15 bis 32 Euro können Eltern einen Zusatzversicherung für ihr Kind kaufen, die dann anfallende Behandlungskosten übernimmt. Kinder mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen werden allerdings nur mit Einschränkungen versichert.

Auch gibt es in der gelben Villa keine Notaufnahme, und bei schwierige Operationen verweisen die Ärzte an die etablierten Kliniken. Das Krankenhaus Martina sei eben nur Ergänzung zum öffentlichen System, sagt Wasmuth. Den Vorwurf einer "Oberklassenmedizin" weist er zurück. Schließlich trage sein Krankenhaus dazu bei, die Warteschlangen in den öffentlichen Praxen zu verkürzen - so hätten alle was davon.

"Vielleicht ist das ein Weckruf"

Lars Gustaffson sieht dagegen in der privaten Klinik einen "Trendbruch" im System. Gustafsson ist Autor, Kinderarzt und einer der schärfsten Kritiker des Projekts. "Wenn die private Finanzierung sich ausbreitet, werden die Leute irgendwann keine Steuern mehr für das öffentliche System zahlen wollen", warnt er. Das würde vor allem diejenigen treffen, die sich keine Privatversicherung leisten können. "Nach der UN-Kinderrechtskonvention sollen alle Kinder die gleichen Möglichkeiten haben: Hier bricht man mit diesem Prinzip", sagt Gustafsson.

Ein Verbot der privaten Kindermedizin fordert Gustafsson - anders als manch anderer Kritiker - jedoch nicht. "Die sollen ruhig öffnen", sagt er, "vielleicht wirkt das ja als Weckruf." Das eigentliche Problem sind laut dem Kinderarzt die vielen Mängel im öffentlichen Gesundheitssystem. Ohne die hätte das Kinderkrankenhaus Martina wohl gar keine Kunden.

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(SZ vom 19.09.2008/ssc)