Von Von Gerhard Fischer

Das Attentat auf ihre Außenministerin Lindh hat bei den Schweden eine Debatte über den Umgang mit psychisch Kranken ausgelöst.

(SZ vom 30.9.2003) Der 24 Jahre alte Hauptverdächtige im Mordfall Anna Lindh, Mijailo M., hat offenbar so große psychische Probleme, dass er für eine Behandlung sogar eine mögliche Enttarnung in Kauf genommen hatte. Fünf Tage nach dem Attentat auf die schwedische Außenministerin ließ er sich freiwillig in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses einliefern - von Polizisten, die nicht wussten, dass sie den mutmaßlichen Täter transportierten.

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Weder Polizei noch Pflegepersonal hielten ihn fest. Acht Tage danach wurde er allerdings wegen einer DNA-Übereinstimmung als "dringend Tatverdächtiger" in seiner Wohnung verhaftet. Derzeit wird Mijailo M. im Gefängnis auf seinen Geisteszustand untersucht. Hat ein psychisch Kranker Anna Lindh erstochen?

Spektakuläre Verbrechensserie

Psychisch Gestörte haben in diesem Jahr in Schweden bereits fünf Menschen getötet und 43 verletzt. Im Mai fuhr ein Mann mit 100 Kilometern pro Stunde in eine belebte Einkaufsstraße in der Stockholmer Altstadt und tötete zwei Passanten; das Auto sei ferngesteuert gewesen, sagte er. Ebenfalls im Mai lief ein Mann mit einem eisernen Spieß Amok, tötete einen Menschen und verletzte mehrere schwer; er glaubte, diese seien Geister. Im August nahm ein Mann ein Schwert und hieb auf zwei alte Frauen ein; eine der beiden sei ein Dämon, behauptete er.

Sechs bis sieben Prozent der Gewalttaten in Schweden werden von Menschen begangen, die ernste psychische Störungen haben. "Bei schweren Verbrechen wie Mord oder Totschlag steigt der Anteil auf 20 bis 25 Prozent", sagte der Arzt Niklas Langström der Zeitung Aftonbladet.

Pflegeplätze tausendfach eingespart

Kritiker werfen dem Staat nun Fehler in der Betreuung psychisch Kranker vor. Hilfesuchende würden heimgeschickt, Gefährliche würden frei herum laufen. Im Zentrum der Kritik steht die Psychiatrie-Reform von 1995. Sie hatte zum Ziel, psychisch Kranke "mit dem Beistand der Behörden" in die Gesellschaft einzugliedern und nicht weiter in Heimen unterzubringen. Tausende von Pflegeplätzen wurden abgebaut und durch Wohngruppen oder private Unterkünfte ersetzt, allerdings nicht im ausreichenden Maße.

Außerdem werden die psychisch Kranken, von denen die wenigsten gefährlich sind, zwischen den Sozialdiensten hin- und her geschoben oder von Krankenhäusern mit dem Hinweis auf Platzmangel abgewiesen, vor allem in Stockholm. Dabei ist die Zahl der Hilfesuchenden in der Hauptstadt von 40.000 im Jahre 1997 auf mittlerweile 65.000 gestiegen. "Darunter sind viele 18- bis 25-Jährige", sagte Kjell Broström vom Reichsbund für soziale und mentale Gesundheit.

Missstände, die zu Katastrophen führen, gibt es indes im ganzen Land. Am Tag, als Anna Lindh starb, informierte das Pflegepersonal in Arvika in Nordschweden die Patienten von der Tat. Wenig später ging ein Mann, der im "offenen Vollzug" war, zu einem nahe gelegenen Kindergarten und erstach ein fünf Jahre altes Mädchen. Ein halbes Jahr zuvor hatte ein Arzt dafür plädiert, ihn in Zwangsverwahrung zu nehmen. Die Behörden lehnten ab.

(sueddeutsche.de)

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