Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege Nothilfe mit Nebenwirkungen

"Ich arbeite legal, davon bin ich überzeugt", sagt Irmgard Schmalbach. Kooperationspartnerin der Agentur promedica24 nennt sie sich, für die Agentur sucht sie in und um München Kunden, schließt Verträge, kontrolliert die Pflege, dafür bekommt sie Provisionen.

"Ich bin nicht der Vertragspartner, das ist die Agentur", die Leute seien in Polen angestellt, "es sind Pflegekräfte und keine Haushaltshilfen." Wie viel die Frauen verdienen, weiß sie nicht. "Ich bin nur verantwortlich dafür, dass alles läuft, für die Kunden und die Pflegerinnen."

Seit Oktober hat die Sozialpädagogin den Job, und noch ist ihr Einkommen nicht üppig, weil sie erst fünf bis sechs Kunden hat. Sie hat investiert, 10.000 Flyer drucken lassen und Anzeigen geschaltet. Pflege in zwei Preisklassen bietet die Agentur an: Standard mit 49 Euro am Tag für leichtere Fälle, die Polinnen, die dann kommen, sind Laien und können kaum Deutsch.

Ungewaschen und unrasiert

Gut ausgebildete Frauen werden zu schwer Pflegebedürftigen geschickt, für 72 bis 81 Euro. Das sei nicht billig, meint Irmgard Schmalbach, doch es müssten ja alle verdienen, die Agentur, die Frauen und sie selbst.

Die Altenpflegerin Karin Baunacher weiß, dass sie weder gegen den grauen noch gegen den schwarzen Markt eine Chance hat, jedenfalls finanziell. 15 ausgebildete Angestellte arbeiten in ihrem privaten Pflegedienst in München, 40 Euro kostet die Stunde, 24-Stunden-Dienste bietet sie nicht an.

"Unsere Situation interessiert niemanden", sagt sie. "Ich möchte Schwarzarbeit nicht verurteilen, ich werde auch nie jemanden denunzieren, aber sie ist ein Zeichen der Gesellschaft, selbst Ärzte empfehlen sie." Und sie erzählt, wie die Familien erschrecken, wenn sie ihnen vorrechnet, was allein die Versorgung in der Pflegestufe II kostet: Anfahrt, Grundgebühr, waschen, mobilisieren, eine kleine Mahlzeit zubereiten, nur dies summiert sich im Monat auf 1089,34 Euro.

Schwarzarbeit sei zu verstehen, aber sie dürfe nicht zu Lasten der solidarischen Versicherung gehen, die Qualität sichern solle. "Wenn man die Schwarzarbeit duldet, dann ist die Versicherung gescheitert."

Von Qualität sprechen auch die Frauen der Münchner Caritas, sie erzählen von Illegalen in den Wohnungen und wie oft es vorkomme, dass Patienten ungewaschen und unrasiert im Bett lägen und die Betreuerin fernsehe.

Im Februar kam niemand - eine Katastrophe

Sie machen die Billig-Konkurrenz aus Osteuropa nicht nur schlecht, manche arbeiteten aufopferungsvoll, sagen sie. Probleme aber blieben, das fehlende Deutsch zum Beispiel oder die offene Frage, wer was getan hat und wer für Fehler verantwortlich ist.

Das Haus der Familie Peter ist ein Haus der Kinder. In der Diele sind Anoraks in allen Größen aufgetürmt, im Wohnzimmer liegt Spielzeug herum, dazwischen ein Hund, zwei Vögel, drei Kaninchen und 40 Fische.

Abends sitzt die um zwei Pflegerinnen erweiterte Großfamilie um den Tisch, sie duzen sich, essen zusammen und reden, ein friedliches Bild. "Das Leben hat sich sehr verändert", sagt Elisabeth Peter, "schon allein, weil alle drei Monate jemand Fremdes kommt."

Im Februar kam niemand, entgegen aller Versprechen, auch das war eine Katastrophe. Manche Frauen sind ein Glücksfall wie Anna, andere haben wenig Ahnung, wie man pflegt, eine war krank und brauchte selbst Pflege.

In jeder Beziehung hat sich das Leben verändert, "es ist ein Haus, in dem die Intimsphäre verletzt ist", sagt Elisabeth Peter. Niemand kann sich gehen lassen. Die Kinder vermissen die Gespräche mit den Eltern, vor Anna und Otilia wollen sie nicht reden. "Wir gehen dann woanders hin, raus aus dem Haus."

Nicht nur die Kinder brauchen Gespräche, auch Anna, "man kann sich nicht abschotten, man muss Nähe zulassen." Und manchmal fragt sich Elisabeth Peter nach einem Tag mit Arbeit, Kindern, Pflege und Pflegerinnen: "Warum tue ich mir das an?"

Rache per Todesanzeige

"Der Bürger muss selber schauen, wie er klar kommt", sagt Claus Fussek. Jeder Regierung fehle der Mut, sich mit der Pflegelobby anzulegen und etwas zu ändern. Der Münchner Pflegeexperte hat sich oft mit der Lobby angelegt, er hat gesagt, dass man auf die Illegalen nicht verzichten könne, solange es keine bezahlbare Tagesbetreuung gebe.

"Eine Chance wäre, wenn Pflegedienste und Illegale zusammenarbeiten." So manche in der Pflegeszene haben ihm solche Sätze übelgenommen, vor einem halben Jahr bekam er seine eigene Todesanzeige zugeschickt. "Ein großer Menschenhändler und Wichtigtuer, die Welt ist reicher ohne ihn" stand darauf, und Fussek war doch sehr erschrocken.

So viel Aggressivität kann er nicht verstehen, und auch nicht, dass alten Menschen und ihren Familien die Zollfahndung ins Haus geschickt wird. Viele sagen zwar, man dürfe Familien in diesem moralischen Dilemma nicht kriminalisieren.

Doch es geschieht. Fussek hat Briefe von verzweifelten Menschen, bei denen die Zollfahndung vor der Türe stand. Ein Sohn konnte nicht begreifen, dass die alte Mutter verhört und in ein Heim gebracht werden sollte und die Polin abgeschoben wurde.

Anna erwähnt das Thema Abschiebung nie. Sie erzählt anderes, zum Beispiel, dass Familie Peter sehr viel Verständnis habe, und dass sie zweimal von einer Stelle weggelaufen ist. "Man hat mich als Sklaven behandelt." Mann und Kinder durfte sie nicht anrufen, das Essen wurde zugeteilt, ein Spiegelei zu braten war verboten.

Suche nach Auswegen

Es habe aber auch andere gegeben, eine Patientin habe sie so aufgenommen, dass sie sich wie zu Hause gefühlt hat. Als sie starb, "ging etwas aus meiner Seele fort von mir". Doch das sei Glück, "wir haben keinen Schutz".

Einige Verbände suchen nach Auswegen aus dieser unerträglichen Situation, auch Norbert Huber von der Münchner Caritas. Die Arbeit einer Kinderdorf-Mutter ließe sich vergleichen mit der Arbeit einer Frau, die 24 Stunden lang für einen alten Menschen da sei, sagt er, denn Fachpflege sei nicht rund um die Uhr notwendig.

Man könnte also für rumänische Frauen Tarife schaffen wie für Kinderdorf-Mütter. "Zwischen legaler und illegaler Pflege stünden dann nur 500 Euro, und viele wollen es legal." Mit der Caritas in Rumänien wurde geredet, ein 400 Seiten langes Dossier liegt vor. "Theoretisch steht der Plan."

Huber ist trotzdem nicht froh, man sei noch nicht über die Hürde. "Moralisch ist der Plan sehr bedenklich. Darf man Frauen aus Rumänien holen, wo es doch hier genügend Arbeitslose gibt?"

Elisabeth Peter glaubt nicht, dass jemand sie anzeigen würde. "Doch wenn es passiert, passiert es eben." Dann will sie verlangen, dass der alte Mann eine Pflege erhält, die ebenso gut, ebenso finanzierbar und ebenso menschlich ist. "Etwas anderes werde ich nicht hinnehmen. Alle wissen, in welcher Lage wir sind."