Schwarz-Rot-Melonengelb Unter falscher Flagge

Zeitgenössischer Stich vom Zug der Demonstranten im Mai 1832 zum Hambacher Schloß. Die Teilnehmer schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen.

(Foto: dpa)

Es ist nicht alles Gold, was auf der deutschen Fahne an Schwarz und Rot grenzt: Meist ist es Melonengelb. Ein Karlsruher Verleger will das nicht hinnehmen und beklagt sich bei Bundespräsident Gauck. Doch Fahnen mit goldenem Streifen sind mindestens doppelt so teuer wie die mit Gelb.

Von Heribert Prantl

Die Böller krachen, die Glocken läuten, die Drehorgeln spielen. Der ganze Berg wimmelt von Menschen, aus allen deutschen Staaten sind sie gekommen. Sie formieren sich zu Gruppen, sie singen; sie singen ein Freiheitslied nach dem anderen - die Marseillaise natürlich und die Hymne, die der Journalist Philipp Jakob Siebenpfeiffer gedichtet hat: "Hinauf, Patrioten! Zum Schloss, zum Schloss!".

Dreißigtausend Patrioten, Demokraten, Revoluzzer und Phantasten, Bauernburschen, Bürstenbinder und Professoren begeistern sich an sich selbst, an ihren hochfliegenden Ideen und an dem Wunder, dass die Soldaten des Königs nur zuschauen und nicht eingreifen. Spitzel wuseln herum und hören zu, wie von der "Abschüttelung innerer und äußerer Gewalt" geredet, wie die sozialen Missstände beklagt, wie ein Ende des "Fürstenjochs" beschworen wird. Es ist dies die Heerschau der deutschen Opposition, die vom Fürsten Metternich gefürchtete "verruchte Verbrüderung". Es ist die erste Großdemonstration der deutschen Geschichte.

Bis Mittag dauert es, bis alle oben sind am Hambacher Schloss. Jeder Festordner hat eine Schärpe in den Sehnsuchtsfarben Schwarz, Rot und Gold umgebunden; an der Spitze des Zuges trägt Johann Philipp Abresch, Landwirt, Kaufmann und Stadtrat von Neustadt an der Weinstraße, die deutsche Trikolore, die er hat nähen lassen; er pflanzt sie dann auf dem Turm des Hambacher Schlosses auf. Abresch hat die Farben erstmals in Reihung Schwarz-Rot-Gold angeordnet: Und in der Mitte, im roten Streifen, wurde sie mit einer Aufschrift bestickt: "Deutschlands Wiedergeburt".

Seit diesem Festtag, seit 180 Jahren, seit diesem 27. Mai 1832, sind Schwarz, Rot und Gold die Farben der deutschen Demokraten.

Schwarz-Rot-Gold? Nur im Grundgesetz

Man kann die alte Hauptfahne des Hambacher Festes, die Fahne, die der Bürger Johann Philipp Abresch stolz getragen hat, noch heute bewundern in der Dauerausstellung des Hambacher Schlosses. Der goldene Streifen ist der zerschlissenste. Aber die Farbe ist wirklich golden, nicht gelb; in den Stoff sind Goldfäden eingewebt. Bei der Fahne aus der demokratischen Revolution von 1848, die im Stadtmuseum von Rastatt hängt, ist es auch so. Und eine Nachbildung der Hambacher Ur-Fahne hängt seit 1949 im Deutschen Bundestag, auch mit Gold: Schwarz-Rot-Gold. So steht es auch im Grundgesetz, Artikel 22, Absatz 2: "Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold".

Aber das ist nur im Grundgesetz, im Bundestag und im Museum so - ansonsten sieht man in Deutschland allenthalben nur Schwarz-Rot-Gelb. Die Fahnen, die an öffentlichen Gebäuden aufgezogen werden, die Fähnchen, die bei Fußballspielen geschwenkt werden - sie alle sind schwarz-rot-gelb.

Gelb? Das sei, so meint der alte Karlsruher Verleger Christof Müller-Wirth, geschichtsvergessen und verfassungswidrig. Der 82-Jährige hat eine ganz persönliche Beziehung zu diesen demokratischen Farben: Er ist der Ururenkel des Publizisten, Historikers, Juristen und Politikers Johann Georg August Wirth, der 1832 zusammen mit Philipp Jakob Siebenpfeiffer das Hambacher Fest organisiert hat. Christoph Müller-Wirth, der sein Leben lang für das Andenken an die demokratischen deutschen Freiheitsbewegungen arbeitete, hat soeben dem Bundespräsidenten Joachim Gauck einen Brief geschrieben, in dem er über einen Farbenskandal klagt: "Für die Farben Schwarz-Rot-Gold ist in unserer schwierigen Geschichte lange gekämpft worden. Es ist ein trauriges, grundgesetzwidriges Verhalten, diese Vorgaben unserer Geschichte zu missachten, so wie es zuvor die Nationalsozialisten taten."