Vier Wochen nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima ist aus dem schwarz-gelben "Ja" zum Atomausstieg ein "Aber" geworden - und aus einer kleinlauten Atomindustrie wieder eine laute. Doch wenn Politik und Wirtschaft auf die Vergesslichkeit der Menschen setzen, machen sie einen schweren Fehler. Der Atomausstieg ist keine Mode.
Der radioaktive Zerfall wird mit der Halbwertszeit gemessen und beschrieben. Es gibt physikalische, biologische und politische Halbwertszeiten; die politischen Halbwertszeiten sind die kürzesten.
Bild vergrößern
Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Kernkraftwerk in Biblis für den Ausstieg, die schwarz-gelbe Koalition drückt bei den Plänen zur Energiewende auf die Bremse. (© dpa)
Anzeige
Vier Wochen nach dem Beginn der nuklearen Katastrophe von Fukushima kann man den Eindruck haben, dass der Zerfall der politischen Schwüre, die in der deutschen Politik seit dem 11. März abgelegt worden sind, schon begonnen hat. Aus unbedingten Ausstiegsankündigungen werden bedingte, auf das "Ja" zum schnellen Atomausstieg folgen nun immer lautere und größere "Aber": so auf den Wochenendparteitagen der FDP, so in Interviews von Politikern der schwarz-gelben Koalition.
Und aus einer kleinlauten Atomindustrie wird wieder eine laute. Sie handelt schon wieder ungeniert nach der Mackie-Messer-Devise: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral - und hat dementsprechend ihre Zahlungen an den Ökofonds eingestellt. Nächste Woche wäre der nächste Zahltag. Fukushima verweht.
Mit der öffentlichen Aufmerksamkeit verhält es sich anders als mit Plutonium oder Uran, die unendlich lang brauchen, bis sie zerfallen. Öffentliche Aufmerksamkeit zerfällt, viele Skandale haben das gezeigt, meist innerhalb weniger Wochen; nur im Ausnahmefall hält sie länger. Es gibt eine bestimmte Mechanik des Skandals: Auf die ansteigende Empörung und Erregung, die Anlaufphase des Skandals, folgt üblicherweise eine Art Trommelwirbel, der die Kulmination der Ereignisse erwarten lässt; alle warten dann gespannt auf einen Höhepunkt, auf irgendein tatsächlich oder vermeintlich erlösendes Ereignis - das dann meist im Rücktritt eines tatsächlich oder angeblich Verantwortlichen besteht.
Dann flaut die Sache allmählich wieder ab, es beginnt eine Art Rehaphase, die Dinge beruhigen sich - und es geht alles mehr oder weniger so weiter wie zuvor.
Die Zeit der politischen Demut geht zu Ende
In Teilen der Union und der FDP, vor allem aber in der deutschen Energiewirtschaft, scheint man die atomare Katastrophe von Fukushima als ein Ereignis zu betrachten, das nach diesen Regeln abläuft. Man glaubt die Höhepunkte schon hinter sich: die Landtagswahl in Baden-Württemberg, den sensationellen Wahlsieg der Grünen, den Rücktritt von FDP-Chef Guido Westerwelle. Man wähnt sich wieder in der Abschwungphase der öffentlichen Aufmerksamkeit - und verhält sich entsprechend.
Die Zeit der politischen Demut, in der man Sätze formuliert wie "Wir haben verstanden" geht offenbar schon zu Ende: FDP-Generalsekretär Christian Lindner, der vor kurzem noch ein radikales Abschalten gefordert hat, hält nun einen raschen Atomausstieg für unmöglich. Volker Kauder, Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag, warnt vor einem Atomausstieg Hals über Kopf. Noch vor kurzem schien es so, als wolle die schwarz-gelbe Bundesregierung den Atomausstieg, den sie 2010 um zwanzig Jahre hinausgeschoben hatte, nun schneller als einst Rot-Grün.
Und noch vor zwei Wochen hätten es die Energiekonzerne nicht gewagt, ihre Zahlungen an den Energie- und Klimafonds, Ökofonds genannt, einzustellen - Eon, RWE, Vattenfall und EnBW wären von der öffentlichen Empörung aufgefressen worden. Die Zahlungen gehören zur Gegenleistung der Industrie für die von der schwarz-gelben Regierung beschlossenen Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke, die ihnen 50 Milliarden Euro Gewinn bringt. Der Fondsbeitrag ist erst von 2016 an voll zu zahlen; die Betreiber haben sich aber verpflichtet, schon jetzt jährlich 300 Millionen Euro einzuzahlen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Atompolitik RSS
- Interner Streit um Ausstiegspläne Revolte gegen Atomkonzerne 10.04.2011
- Atom-Moratorium AKW-Betreiber stoppen Zahlungen 09.04.2011
- Schwarz-gelbe Energiepläne Atomausstieg? Immer schön langsam 10.04.2011
- Union forciert Atomausstieg Ein neues Energiezeitalter muss her 02.04.2011
- Der Atomschwenk der FDP Das Volkspartei-Rezept 31.03.2011
- Nachbeben der Landtagswahlen Die CDU hat ihre Kernkompetenz verspielt 30.03.2011
- Nach den Landtagswahlen: Die Verlierer bleiben Regieren bis zum bitteren Ende 29.03.2011
Protest gegen dritte Startbahn
Die Union hat sich eine Kehrtwende in der Atomenergie auferlegt aufgrund der Katastrophen von Japan. Was ist daran eigentlich verwerflich? Politik ist die Kunst des Machbaren und nicht die Kunst von Illusionen.
Als die Grünen 1998 in den Wahlkampf zogen hatten sie versprochen, direkt nach einem Wahlsieg die Atomkarftmeiler sofort abzuschalten. Es wurden Laufzeiten bis zu 30 Jahren. Mich hat damals schon gewundert, dass keiner von einem Wahlbetrug gesprochen und geschrieben hat. Anscheinend war damals die Kunst des Möglichen trotz Wahlversprechens nicht anders möglich. Möglich war schon, dass die Grünen mit dem Kanzler der Bosse den Machteinfluss der Energieriesen gefördert hatte, sodass bis heute wir alle viel mehr für Strom zahlen müssen; es gibt nämlich keinen Wettbewerb. Auch dazu gab es kein Aufschrei im Land.
Wenn jetzt im ersten Moment wieder alles abgeschaltet werden soll, und zwar sofort, dann darf ich die Roten und die Grünen daran erinnern, was sie schon einmal versprochen hatten. Politik ist die Kunst des Möglichen. Demut ist allemal angebracht.
Wenn sie der Meinung sind, dass ein schneller Ausstieg aus der Kernenergie bis 2015 nicht sinnvoll möglich ist, gebe ich ihnen recht. Möglich ja, aber zu holprig, zu sehr Hopp-Hopp. Sinnvoller wäre in Meinen Augen die Rücknahme der Laufzeitverlängerung, der alte Konsens und der schrittweise Ausstieg bis etwa 2022. Auf den waren die Versorger vorbereitet, für den gibt's einen Plan. Was ich zu den Erneuerbaren vielleicht noch sagen sollte ist, dass aus Sicht der Netzführung ihre dezentrale Lage ein ernsteres Problem ist, als die flukturierende Leistung. Wir bemerken jetzt schon bestimmte Vergleichmäßigungseffekte in einigen Regionen und mit einem schrittweisen Umstieg in den nächsten Jahrzehnten kommen wir klar. Was ich schade finde, ist, dass die meisten Menschen immer noch Vorstellungen davon haben, die nicht dem Stand der Technik und Forschung entsprechen.
@mdb895: Wäre zusätzliche Brauchwassererwärmung eine zu große Mehrinvestition geworden?
Wenn meine Annahme falsch ist, dann kann ich mir die Forschungsabteilungen bei meinem ehemaligen Arbeitgeber, bei Intel oder Sony, bei den Autobauern, usw. nicht vorstellen. So ist auch die ganze Elektrotechnik mit einer Reihe Firmen verknüpft - Edison, Whestinghouse, Siemens&Halske, AEG, BBC,... Unternehmen leben davon, dass sie einen Daumensprung besser sind, als ihre Konkurenz - dafür müssen sie forschen.
WM2000 schreibt mvb75053 Wenn Sie sich an einem Satz "aufhängen" sollten Sie versuchen die Sachlichkeit der Kommentare zu schätzen. Nur so werden Sie wenigstens nicht „übernaiv“ alt werden.
wie ein Kommentar daraus.
im übrigen war der angesprochene Kommentar so sachlich wie eine Parteizeitung der Linken
Wenn Sie sich an einem Satz "aufhängen" sollten Sie versuchen die Sachlichkeit der Kommentare zu schätzen. Nur so werden Sie wenigstens nicht „übernaiv“ alt werden.
"Na ja, die schlauesten Köpfe. Selbstverständlich gehören Sie dazu. Können Sie ein Kernkraftwerk bauen? Können Sie ein Kernkraftwerk betreiben? Können Sie Strom in fast völliger Liefersicherheit in die Haushalte bringen? Na ja, das kann jeder Dummkopf. "
Können Sie es denn selber, wenn Sie hier so einen große Klappe haben? Naja, wahrscheinlich auch nicht. Liefersicherheit kann es übrigens auch bei Erneuerbaren geben.
"Ihnen hingegen empfehle ich eine Reise zum Mittelpunkt der Welt. Damit Sie eine Ahnung bekommen, was für grossartige Menschen die Kernkraft (fast) gebändigt und für die anderen Menschen nutzbar gemacht haben. Die die gar nicht wollen. Wie die ersten Menschen ja auch das Feuer nicht wollten. "Da verbrennt man sich ja die Finger dran. Und außerdem habe ich Aaaangst. Maaammmmiii."
Naja, "fast" getroffen ist auch vorbei, gelle? Sie glauben aber nicht, das im Mittelpunkt unserer Erde Kernspaltungsprozesse stattfinden, oder? Es gibt übrigens auch die ganz dummen Kinder: Denen können Sie tausendmal sagen, dass der Herd heiss ist, die langen immer wieder dran ;-))
"Sie bezahlen das nur mit Papiergeld. Nicht mit eigener Leistung. Sie sind gegen alles, weil sie selbst nichts können. Leichtester Weg, sich wichtig zu tun. Ohne wirkliches Wissen. Nur dagegen sein reicht. "
Ich bin dann mal auf Ihr "wirkliches" Wissen gespannt, denn Sie tun hier ja auch ziemlich wichtig, nur weil Sie GEGEN den Ausstieg sind.
"Die Atomkraft wird dann eben in anderen Gesellschaften den Menschen dort Zivilisation ermöglichen, wenn hier die Lichter ausgehen. Ich schätze so um 2040 ist fini mit Deutschland. Falls die Strukturen überhaupt noch so lange halten. Die Lemminge wollen den Untergang. Wieder einmal."
Niemand will hier den Untergang und die Lichter gehen hier auch nicht aus, nur weil Sie so phantasielos sind und sich ein Leben ohne Atomkraft gar nicht vorstellen können. Naja, die Einfältigen brauchen immer etwas länger... :o))
Paging