Im Oktober 2006 war Gerhard Schröder bei Beckmann zu Gast und sagte, er habe den Namen Murat Kurnaz bis 2005 nie gehört. Ein Vertrauter Schröders nennt zwei mögliche Erklärungen.
Im Fall des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz seien "die Grenzen zwischen kafkaesker Fiktion und Realität" manchmal verschwommen gewesen, sagt Bernhard Docke, der Anwalt des in Bremen geborenen Kurnaz, der einen türkischen Pass hat.
Eigentlich wollte er nur über seine Memoiren sprechen - doch dann musste der Altkanzler bei "Beckmann" Fragen zum Fall Kurnaz beantworten (© Foto: AP)
Anzeige
Kafkaesk ist beispielsweise der Umstand, dass Altkanzler Gerhard Schröder nach eigenem Bekunden in seiner Amtszeit nichts über Hintergründe des Falles Kurnaz erfahren haben will.
Was auf den ersten Blick eher unglaubwürdig erscheint, wird von früheren Mitarbeitern in seinem Apparat bestätigt. Für "solche Details hat sich Schröder nicht interessiert", sagt ein Vertrauter des früheren Regierungschefs.
"Wenn wir ihm den Fall vorgetragen hätten, wären zwei Reaktionen möglich" gewesen: "Verschont mich mit solchen Geschichten", hätte der Altkanzler womöglich geantwortet.
Vielleicht hätte er auch ganz anders reagiert: "Ich kann mir bei Schröder auch vorstellen", sagt der Beamte, dass er "angerührt gewesen wäre und gesagt hätte, dass man da was machen müsse".
Dann aber wäre die "Linie der Behörden empfindlich gestört gewesen". Von 2002 bis 2005 hatte der Apparat versucht, mit allen Mitteln eine Heimkehr von Kurnaz nach Bremen zu verhindern.
In der Sendung Beckmann sprach Schröder am 30. Oktober über den Fall Kurnaz.
Der Wortlaut:
Reinhold Beckmann: In den vergangenen Wochen war ja der Fall Murat Kurnaz ein großes Thema, er war hier zu Gast bei uns ...
Gerhard Schröder: ...ich hab das gesehen, ja...
Beckmann: Er hat jetzt - so wie es sich darstellt - fünf Jahre umsonst im Gefängnis verbracht, sein Leben, seine Jugendzeit vom 19-Jährigen bis zum 24-Jährigen unter den härtesten Bedingungen überhaupt verbringen müssen. Wussten Sie von Murat Kurnaz?
Schröder: Nein, ich wusste nichts, ich kannte nicht einmal den Namen, bevor die Dinge öffentlich wurden, und öffentlich wurden sie nach meiner Regierungszeit und das ist einfach so. Natürlich, jeder wird mitfühlend sein, was das Schicksal dieses Mannes angeht, aber ich kann zur Aufklärung nichts beitragen.
Beckmann: Sie kannten den Namen nicht, Murat Kurnaz?
Schröder: Nein, ich kannte ihn nicht, denn ich wusste nichts über die Hintergründe und bin auch nie mit diesem Fall, so wie er sich jetzt darstellt, beschäftigt worden.
Beckmann: Das heißt, Sie wussten gar nicht, dass da ein Deutscher, ein Türke, der in Deutschland aufgewachsen ist, in Guantanamo sitzt?
Schröder: Nein, also kann sein, dass Presseberichterstattung stattgefunden hat, aber ich bin in meiner Regierungszeit mit den Hintergründen des Falles, niemals beschäftigt worden.
Beckmann: Herr Schröder, es gab ja eine Präsidentenrunde im Kanzleramt, also besetzt durch Kanzleramtsminister Steinmeier, heutiger Außenminister, BND-Chef Hanning, Geheimdienstkoordinator Uhrlau; und die hatten abgeraten, den Fall Kurnaz, beim Besuch in Washington, da waren Sie im Januar 2002, glaube ich, da anzusprechen. Das heißt, Sie haben auch mit Bush nie über den Fall...
Schröder: Nein, ich hatte überhaupt keinen Anlass, mit ihm zu diesem Zeitpunkt zu sprechen, weil, wie ich sagte, ich in meiner Regierungszeit mit dem Fall nicht beschäftigt worden bin. Ich weiß nicht was (...) in diesem Vermerk steht, ich weiß auch nicht, ob stimmt was Sie sagen, und deswegen kann ich Ihnen da weiter nichts sagen.
Beckmann: Ja, es gibt da eine klare Aussage da drin, in diesem Vermerk, in diesem Protokoll, da steht ganz klar drin, dass die Vorentscheidung letztendlich schon 2002 gefallen sei, Kurnaz nach Deutschland zurückzubringen und dann hat also diese Runde beschlossen, von der ich gerade sprach, der Präsidentenrunde im Kanzleramt, zu sagen, nee, wir machen das nicht.
Schröder: Also, ich kann Ihnen weder zu der Runde im Einzelnen was sagen, noch bin ich wie gesagt, mit den Fragen beschäftigt worden. Ich kann das nur wiederholen, diese Präsidentenrunden, die haben ziemlich regelmäßig stattgefunden. Dass heißt, der Chef des Kanzleramtes, der auch Koordinator der Geheimdienste ist, der hat sich natürlich, ich glaube wöchentlich, getroffen mit den Präsidenten der Dienste, und die Diskussionen, die die dort geführt haben, sind Diskussionen zwischen denen gewesen, und welche Folgen daraus gezogen worden sind, bei den Sicherheitsdiensten selber, das ist nicht Sache des Bundeskanzlers, das zu entscheiden. Das ist auch heute nicht so.
Beckmann: Was haben Sie denn gesagt, oder gedacht, besser gesagt, als Sie von dieser Geschichte von Murat Kurnat gehört haben?
Schröder: Eigentlich wollten wir ja über mein Buch sprechen, aber gut.
Beckmann: ... aber das gehört doch dazu, zu Ihrer Geschichte...
Schröder: Natürlich gehört das dazu, aber ich kann Ihnen noch einmal sagen, was soll ich gedacht haben?
Beckmann: ...aber Sie persönlich, als Sie jetzt davon erfahren haben, das ist in meiner Amtszeit passiert...
Schröder: Das bedauere ich natürlich, aber wie gesagt, wenn Sie keine Kenntnis von einem Fall haben, dann bleibt Ihnen ja nur, das zu bedauern.
Beckmann: Sie haben damals in Washington gegenüber der Presse gesagt: ,,Ich hatte keine Zweifel, dass die Guantanamo-Gefangenen durch (...) den Grundsätzen der US-Verfassung und des Völkerrechtes behandelt würden.'' Sie sind ein selbstkritischer Mensch, Herr Schröder, sind Sie damals einfach zu weit gegangen?
Schröder: Ich bin nicht zu weit gegangen, sondern es war schon meine Vorstellung, dass das, was später amerikanische Gerichte ja auch festgestellt haben, nämlich, dass da Fehler vorgekommen sind, das die nicht vorkommen würden.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de)
Stockender Kita-Ausbau
war kein Deutscher nach dem Gesetz, da er einen türkischen und nicht einen deutschen Pass hatte. Aus diesem Grunde ist die Befassung der deutschen Regierung mit der Freilassung des Herrn K. korrekt verlaufen. Wenn Kurnaz allerdinsg Deutscher mit deutschem Pass gewesen wäre, dann wäre alle hier geäußerte Kritik gegen Rot/Grün durchaus berechtigt. Wäre aber dieser Fall unter Kohl/Kinkel also Schwarz/Gelb oder auch Schwarz/Schwarz geschehen, würden sich die hier zu Worte kommenden Antirotgrünisten nicht so aufregen und sagen: Kurnaz war kein Deutscher und die deutsche Regierung hat sich nicht um die Freilassung von Ausländern im Ausland zu kümmern. So aber wird nur gegen Rot/Grün geschimpft und der Fall Kurnaz an sich tut nichts zur Sache.
Im Übrigen macht die SZ immer noch eine herausragend gute Journalistenarbeit, zu der kritisches Hinterfragen, auch provokatives Nachfragen zum Handwerk gehört. Man kann hier immer noch Meinung und Berichtderstattung voneinander unterscheiden.
Schröder will also vom Fall Kurnaz nichts gewusst haben - das glaube ihm, wer will. In der Tat geht Schröder jedem Gespräch über dieses Thema unwirsch aus dem Weg, auch heftigstes Insistieren zeitigt keine Ergebnisse. Natürlich war der Beamtenapparat Steinmeiers mit dem Namen Kurnaz vertraut. Wenn heute alle damaligen Verantwortungsträger Ahnungslosigkeit vorgeben, bleibt dem neutralen Beobachter angesichts des heutigen Wissensstandes nur der Schluss übrig, dass Kurnaz der deutschen Regierung lästig war und nicht das geringste Interesse an einer überstellung bestand, aus welchem Grunde auch immer. Steinmeier klammert sich verständlicherweise mit aller Kraft an sein Amt und versucht der erdrückenden Beweisladt mit moralischen Beschwörungen entgegenzutreten.
Berücksichtigt man die intensive Berichterstattung über die schamlose Vorgangsweise des Bremer Senats Kurnaz mit allerlei Verfahrenstricks an der Rückkehr nach Deutschland zu hindern, ist die vorgebliche Unwissenheit Schröders schon fast eine Beleidigung des menschlichen Intellekts. Tatsächlich geistert der Name des jungen Türken schon seit 2005 durch die Gazetten, ohne dass sich eine Regierungsstelle sichbar um Aufklärung bemüht hatte.
Beim vielgepriesenen Einvernehmen des Kanzlers mit seinem Alter Ego Steinmeier ist es geradezu absurd anzunehmen, jener hätte so weitreichende Entscheidungen abseits aller Kungelrunden in Eigenregie getroffen. Am Ende reicht jeder die Verantwortung an den nächstbesten Sündenbock weiter: Schröder an Steinmeier, Steinmeier an die intransparent agierenden "Dienste". Auch wenn ihm kaum noch jemand glaubt und Beweise über den tatsächlichen Wissensstand des Altkanzlers nur schwer zu erbringen sind - Schröder ist Geschichte. Aber Steinmeier stehen mit Sicherheit schwere Zeiten bevor.
Herr Steinmeier war bisher ein sehr guter Außenminister und es täte mir leid, wenn er gehen müsste. Wenn er allerdings tatsächlich maßgeblich - und das wäre es ja, wenn in einer Dreier- oder Vierer-Runde diskutiert wurde - an dieser Freilassungs-Behinderung beteiligt ist, so kann ich das nicht verzeihen. Dann wäre es aus meiner Sicht noch eine milde Strafe, ihm lediglich sein Amt zu entziehen. Ethisch ist das unter aller Sau. Ich könnte den Menschen einfach nicht mehr ernst nehmen, wenn er irgendetwas über Menschenrechte erzählt - und würde auch nicht mehr von ihm repräsentiert werden wollen. Es ist ja sicher nicht so, als gäbe es nicht andere fähige Mitarbeiter in diesem Regierungs-Apparat.
PS: Also Schröder und Fischer als Eintagsfliegen zu bezeichnen, ist ja schon sehr tendenziös. Schröder war ein starker Kanzler, in den ersten Jahren seiner Regierungszeit - sicherlich stärker als etwa Merkel. Vielmehr hat aber wohl noch Fischer als politischer Mensch die Bundesrepublik intensiv in einer langjährigen Entwicklung begleitet und durchaus auch geprägt.
Wer rot-grün so verteidigt wie Frau/Herr Wrtlpmft ist hoffentlich so jung, dass ihm spätestens in ca. 30 Jahren durch die Historiker seine Meinung über rot-grün um die Ohren geschlagen wird. Das die SZ eine konservative Zeitung ist, ist mir neu. Wenn ich die Kommentare von Herrn Prandl lese, habe ich eher den Eindruck, sie ist auf der linken Seite des Spektrums. Einer der wenigen Journalisten, die ich wirklich erstn nehme, ist Herr Leyendecker, alleine schon wegen seiner Verdienst um die schwarzen Kassen der CDU. Ich hoffe nur, dass er am Ball bleibt, damit in diesem Fall auch die Wahrheit ans Licht kommt und wenn Herr Steinmeier damit zu tun hat, dann hat er zu gehen. Und was Schröder und Fischer angelangt, über die redet in 10 Jahren sowieso keiner mehr, sie waren eben nur politische Eintagsfliegen.
Was da geschehen ist - in Guantanamo insgesamt - ist schon skandalös. Das hat mit tendeziöser Berichterstattung wenig zu tun. Außerdem würden Sie dieser weniger in der SZ finden.
Wenn es ein Angebot zur Rückführung gab, oder die Regierung mit aktiver Handlung eine Chance gehabt hätte Kurnaz nach Deutschland zu holen - und warum sollte jemand, der nie rechtsstaatlich verurteilt wurde, ständig observiert werden? - dann muss es Konsequenzen geben.
Der Einzige, der jetzt ranghoch und befasst ist, ist Steinmeier.
Es wird sehr eng.
Auch Uhrlau und Hannig sollte man allerdings nicht vergessen...
Paging