Schmutzkampagne gegen Journalistin aus Aserbaidschan Der Staat in meinem Schlafzimmer

Mit intimen Fotos und einem Sex-Video wird in Aserbaidschan die Journalistin Khadija Ismayilova erpresst. Das Gastgeber-Land des Eurovision Song Contests ist berüchtigt dafür, regimekritische Medien einzuschüchtern. Bei der Reporterin klappt das nicht: Sie wehrt sich gegen die Schmutzkampagne.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Es gibt viele Möglichkeiten, Journalisten zum Schweigen zu bringen. Etwa durch Zensur, Strafverfahren, Gewalt. Oder aber man bricht in die Wohnungen der Journalisten ein, installiert Kameras und wartet auf den einen, kompromittierenden Moment. Und der kommt bestimmt - früher oder später.

Wie lange die Kameras ihr tägliches Leben schon dokumentieren, weiß Khadija Ismayilova nicht, als sie am 8. März 2012 einen anonymen Brief erhält. Die investigative Journalistin weiß nur, dass jemand in ihre Wohnung in Baku eingedrungen ist. Und dass nun der Moment gekommen ist, in dem sie endgültig mundtot gemacht werden soll. Der Brief enthält neben intimen Fotos der Mittdreißigerin die Drohung, sie "extrem bloßzustellen", sollte sie ihre journalistische Arbeit nicht einstellen.

Doch Ismayilova schweigt nicht. Anstatt ihre kritische Berichterstattung über Korruption, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen in ihrem Heimatland Aserbaidschan einzustellen, wendet sich die Reporterin von Radio Free Europe mit einem Brief an die Öffentlichkeit. "Ich werde diese Erpressungskampagne aushalten und meine Tätigkeit fortsetzen. Als Journalistin, die ihre Arbeit ernst nimmt, bleibt mir nichts anderes übrig", schreibt Ismayilova.

Diese Drohung stelle "keine Überraschung" für sie dar. Schließlich untersuche sie in ihren Berichten die geheimen Geschäfte der Präsidentenfamilie. Ismayilova berichtet, dass ihre journalistischen Aktivitäten schon seit langer Zeit Thema für die aserbaidschanische Regierung seien; in staatsgelenkten Zeitungen sei sie attackiert und beschimpft worden. "Absurderweise wurde ich beschuldigt, armenische Verwandte zu haben und für den ausländischen Geheimdienst zu arbeiten."

Kompromittierendes Video im Netz

Sechs Tage später kursiert ein kompromittierendes Video im Netz. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) soll es Ismayilova beim Geschlechtsverkehr zeigen. Das Sex-Video sei am 14. März 2012 auf einer Internetseite namens musavat.tv erschienen, einer Fälschung der Oppositionswebsite Musavat.com. Sowohl der Vorsitzende der Oppositionspartei Musavat als auch die Herausgeber der gleichnamigen Zeitung Musavat haben ROG zufolge jede Verbindung zu der gefälschten Website abgestritten. Die Schmutzkampagne gegen die Reporterin sei von der staatlich gelenkten Presse aufgegriffen und unterstützt worden, sagte ROG auf SZ-Anfrage. Mittlerweile ist die gefälschte Seite nicht mehr abrufbar.

Wer nach dem Video sucht, findet lediglich eine Solidaritätsbekundung auf der Videoplattform Youtube: "Suchen Sie Khadija Ismayils Sex-Video? Falsche Adresse! Sagen Sie 'Nein!' zu ihren Verfolgern und fordern sie die aserbaidschanische Regierung dazu auf, ihre Verfolger zu identifizieren und zu bestrafen!" Dann wird ein Bild der dunkelhaarigen, beleibten Frau eingeblendet. Es zeigt Ismayilova bei einem Vortrag. Sie erhebt den linken Zeigefinger, ihr Blick ist ruhig und bestimmt.

"Offenbar stecken Leute dahinter, die technisch sehr versiert sind und die natürlich auch über gute Verbindungen verfügen, um überhaupt in die Wohnung von Ismayilova einzudringen", sagt Ulrike Gruska, Pressereferentin von ROG in Berlin. Die Erpressung mit bloßstellenden Videoaufnahmen sei ein "sehr gängiges Muster" in Osteuropa, so auch in Aserbaidschan.

Scharfe Kritik am autoritären Regime

Die aserbaidschanische Regierung ist in den letzten Monaten wegen Menschenrechtsverletzungen verstärkt in die Kritik geraten. Ende Mai wird in der Hauptstadt Baku der Eurovision Song Contest ausgetragen, daher richtet sich das Medieninteresse derzeit besonders auf das rohstoffreiche Land und sein autoritäres Regime von Präsident Ilham Alijew.

Verletzungen der Pressefreiheit sind in dem muslimisch geprägten Land zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus keine Seltenheit. Auf der ROG-Rangliste der Pressefreiheit für das Jahr 2011 belegt Aserbaidschan den 162. Platz, insgesamt sind 179 Staaten aufgeführt. Zum Vergleich: Deutschland rangiert auf Platz 18, Nordkorea auf Platz 178. Auf den letzten Platz kommt Eritrea, ein Staat im nordöstlichen Afrika.

Journalisten wurden während der Demonstrationen gegen die aserbaidschanische Regierung im Frühjahr 2011 gewaltsam eingeschüchtert. Auch Überfälle und Entführungen kommen immer wieder vor, werden jedoch selten strafrechtlich verfolgt.

Eine offizielle Zensur gibt es in Aserbaidschan zwar nicht, politisch motivierte Strafverfahren und die verstärkte Überwachung des Internets führen jedoch dazu, dass sich immer mehr Journalisten selbst zensieren - und gar nicht erst kritisch berichten. Hinzu kommt, dass die Medienschaffenden in einem Land, in dem die gesamte Medienlandschaft vom Staat dominiert ist, kaum unabhängig berichten können. Von insgesamt 23 Fernsehsendern stehen nur zwei nicht unter dem direkten Einfluss der Regierung, 80 Prozent aller Zeitungen sind in staatlicher Hand.

In ihrem Brief fordert Ismayilova die Regierung dazu auf, den Erpressungsversuchen auf den Grund zu gehen und die Verantwortlichen ausfindig zu machen. Nach Informationen von ROG hat sich Ismayilova bereits an die Staatsanwaltschaft gewandt; letzte Woche seien die Untersuchungen wegen Verletzung der Privatsphäre eingeleitet worden.

Weitere Angriffe auf ihre Person schließt Ismayilova nicht aus: "Ich muss wohl mit noch mehr ekelhaften und gefährlichen Schritten gegen mich rechnen, " schreibt sie in ihrem Brief. Und doch wird sie weiter für freie Meinungsäußerung kämpfen: Am 18. März, kurz nach der Veröffentlichung des Sex-Videos, ließ sie ihre 1.200 Twitter-Follower wissen, dass sie an einem weiteren Bericht über die geheimen Geschäfte der Präsidententochter arbeite.