Schlepper und Schleuser Die meisten Schleuser sind keine Kriminellen

Heute stehen Schleuser auf der Skala der Verachtung ungefähr auf einem Platz mit Organhändlern und Kinderpornoproduzenten. Übertrieben? Keineswegs. Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich nannte Schleuser 2013 in einem Atemzug mit "organisiertem Menschenhandel und Zwangsprostitution". Und als im Herbst 2013 vor Lampedusa zwei Boote untergingen und Hunderte Flüchtlinge ertranken, riefen die europäischen Innenminister zum Kampf gegen kriminelle Bootsschleuser auf, womit sie diesen die alleinige Schuld an der Katastrophe zuschoben.

Dass zwischen 2007 und 2013 zwei Milliarden Euro in den Bau von Nato-Stacheldrahtzäunen und anderer Abwehrsysteme geflossen sind; dass die Grenzschutzbehörde Frontex den Auftrag hat, Schiffe in Länder wie Libyen zurückzuschicken; dass in den beiden Katastrophenfällen unterlassene Hilfeleistung durch italienische Schiffe nachgewiesen werden konnte - all das wird mit solchen Sätzen aus der Diskussion ausgeklammert.

Soll damit das Geschäft krimineller Schleuser gutgeheißen werden? Bestimmt nicht. Die meisten Schleuser sind aber keine Kriminellen. Schon eine Arbeit des Forums für Migrationsstudien der Universität Bamberg aus dem Jahr 2004 folgerte nach Befragungen von Bundes- und Landespolizisten, dass "die verbreitete These, dass pyramidal-hierarchisch strukturierte mafiöse Organisationen das Geschäft dominieren und diese auch im Drogenhandel wie im Prostitutionsgeschäft tätig seien", nicht zutreffe. "Schlechtes Image können sich die meisten Schleuser gar nicht leisten", sagt Fred. "Die erbringen ja eine Dienstleistung. Und wenn sie Tote produzieren, bleibt die Kundschaft aus."

"Es gibt für Flüchtlinge keinen Weg, legal zu kommen"

Noch einmal: Ja, es gibt auf diesem rabenschwarzen Wachstumsmarkt skrupellose Verbrecher, die aus der Zwangslage der Flüchtlinge so viel Kapital wie möglich schlagen. Aber es gibt eben auch das Dilemma genau dieser Zwangslage. Fred drückt es so aus: "Es gibt für Flüchtlinge keinen Weg, legal nach Deutschland zu kommen. Aber Hannah Arendts Credo, jeder Mensch habe das Recht auf Rechte, gilt in meinen Augen auch heute." Also bleibt den meisten Flüchtlingen keine andere Wahl, als sich Schleusern anzuvertrauen.

Apropos Hannah Arendt: Ihre Forderung nach "einem einzigen Menschenrecht", dem "Recht, Rechte zu haben", entwickelte sie in Anbetracht all der Menschen, die auf der Flucht vor den Nazis ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten und damit zu Gesetzlosen geworden waren, Leute wie Walter Benjamin, Max Ernst oder Hannah Arendt selber, die auf ihrem Weg in die Freiheit auf Gedeih und Verderb auf Fluchthelfer, pardon: Schlepper- und Schleuserbanden angewiesen waren. Die damaligen Helfer, die Pässe fälschten, Schleichwege suchten, Beamte bestachen, wurden oft in undifferenzierter Weise kriminalisiert. Ohne diese damals kriminellen Aktionen wäre die Zahl der NS-Opfer aber noch weit höher als ohnedies.

Nur weil sich Menschen schuldig machten, konnten Zehntausende gerettet werden. Alfred Polgar drückte es 1938 auf der Flucht vor den Nazis so aus: "Ein Mensch wird hinterrücks gepackt und in den Strom geworfen. Er droht zu ertrinken. Die Leute auf beiden Seiten des Stroms sehen mit wachsender Beunruhigung den verzweifelten Schwimmversuchen des Ertrinkenden zu, denkend: Wenn er sich nur nicht an unser Ufer rettet."