Scheinehen in der EU Die goldene Karte der Einwanderung

Immer mehr Männer aus Indien und Pakistan schließen in Irland Scheinehen mit Frauen aus Lettland, um in der EU leben zu können. Sie nutzen ein Schlupfloch im EU-Recht - und die irischen Behörden handeln kaum.

Von Matthias Kolb, Riga

Es war ein Angebot, das in Annas Ohren unwiderstehlich klang. Ihre Freundin Kristina hatte die Schülerin angesprochen, ob sie in den Herbstferien der Langeweile in der lettischen Kleinstadt Cesis entfliehen wollte. "Kristina fragte mich, ob ich nach Irland fliegen wolle, um mit einem Pakistaner über eine Scheinehe zu reden. Sie sei selbst dort gewesen, habe tolle Sachen gekauft und dann die Heirat einfach abgesagt", erinnert sich Anna. Sie habe Kristina vertraut und zugestimmt - kurz darauf schickte ihr ein Pakistaner ein Ticket nach Dublin.

Yasir organisiert der Journalistin Aleksandra Jolkina zufolge Scheinehen in Irland. Zusammen mit einer 50-jährigen Lettin soll der 29-Jährige mindestens 15 lettische "Bräute" mit Pakistanis verkuppelt haben.

(Foto: Aleksandra Jolkina)

Ein Jahr später sitzt die 19-Jährige in einem Café in Riga. Mit dem rosa T-Shirt unter dem grauen Pulli, den perfekt lackierten Fingernägeln und den sorgfältig frisierten Haaren wirkt sie wie jedes andere lebenslustige Mädchen. Was sie durchgemacht hat, ist ihr nicht anzusehen.

Am Flughafen in Dublin wurde die Schülerin von zwei Pakistanern abgeholt. Schnell musste Anna erkennen, dass Kristina gelogen hatte, denn sie durfte keineswegs jeden Tag zum Shoppen gehen, sondern musste im Haus der Familie bleiben. Ihr potenzieller Ehemann sei sehr offen gewesen: "Er sagte mir, dass er eine osteuropäische Frau bestellt habe, um in Irland bleiben zu können. Mit seinem Studentenvisum dürfe er nur zwanzig Stunden pro Woche arbeiten."

Während Anna ihre Geschichte erzählt, blickt sie immer wieder zu Aleksandra Jolkina hinüber. Die Journalistin hat seit 2007 sowohl in Lettland als auch in Irland über das Phänomen der Scheinehen recherchiert und den Kontakt zu Anna vermittelt, die anders heißt und nicht fotografiert werden will. "Viele Studenten aus Indien, Pakistan oder Bangladesch suchen nach einer Möglichkeit, um in der EU leben und arbeiten zu können", erläutert Jolkina.

EU-Recht ermöglicht den Schwindel

Seit 2006 sei in der asiatischen Gemeinschaft bekannt, dass eine Heirat mit einer Ausländerin aus einem anderen EU-Land der beste Weg sei, denn der Tatbestand der Scheinehe ist auf der grünen Insel nicht definiert. In Irlands Standesämtern würde kaum überprüft, ob sich die Partner überhaupt kennen, berichtet die 25-Jährige - anders als in Deutschland oder den USA finden keine getrennten Befragungen statt. Ein Grund für die irische Haltung ist die dominante Position der katholischen Kirche: Eine Ehe, die nicht vor einem Pfarrer geschlossen ist, ist wenig wert und die Heiratsurkunde wird von zivilen Stellen akzeptiert.

Bizarrerweise ermöglicht gerade das EU-Recht den Scheinehen-Schwindel: Die Richtlinie über die Freizügigkeit für Arbeitnehmer gewährt einem EU-Bürger und dessen Ehepartner aus einem Nicht-EU-Land ein fünfjähriges Aufenthaltsrecht, wenn beide in einem Drittstaat leben. Aus diesem Grund seien Irinnen für Asiaten nicht interessant. Jolkina erläutert: "Wenn ein Inder eine Irin heiratet, darf er ein Jahr bleiben. Doch wer in Dublin eine Lettin heiratet, darf nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen. Es ist die goldene Karte für die Einwanderung." Für die Irin gilt das strengere irische Recht, für die Lettin das EU-Recht.