Von Tomas Avenarius

Russland leidet unter der Abwanderung seiner Spitzenforscher: Wegen der miserablen Situation an den Universitäten wechseln die klügsten Köpfe ins Ausland oder in die Wirtschaft.

(SZ vom 14.08.2002)- Der akademische Olymp ist Tag und Nacht besetzt. Ob Schnee, Eis, Sonne oder Regen - die Herolde der russischen Wissenschaft schauen ungerührt in ihre Bücher, schwere Folianten in der Hand, Kopf und Schultern wissbegierig nach vorn gebeugt.

Steinerne Köpfe und verstaubte Bibliotheken - Russland droht der "Brain Drain", die Auswanderung der Intelligenz. (© )

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Doch die Helden der Forschung sind aus Marmor. Und statt weltentrückt den Blick in steinerne Schriften zu versenken, müssten die Statuen vor der Moskauer Lomonossow-Universität eigentlich die Hand aufhalten nach Bettlerart: Russlands Wissenschaft, neben Erdöl und Erdgas eine der wertvollsten Ressourcen des Landes, droht mangels Geld zu versiegen.

Unter einem Prozent

"Brain-drain" - die Abwanderung der Forscher-Intelligenz, heißt das neu-russische Schreckenswort. Nachdem die globale Militärmacht Geschichte ist und von der Sowjetwirtschaft außer Schulden nicht viel blieb, droht nun eine der letzten Säulen früheren Ruhms zu stürzen: die Wissenschaft.

30.000 Naturwissenschaftler haben Russland verlassen, seit die Sowjetunion 1991 zerfiel. Physiker, Chemiker, Informatiker und Mathematiker aus Moskau oder den geheimen Wissenschaftsstädten heuerten an in Instituten Englands, Frankreichs oder Deutschlands. Andere fanden den Weg in Forschungslabors der USA, Israels oder Südkoreas. Rund ein Drittel aller Microsoft-Computerprogramme etwa werden von russischsprachigen Wissenschaftlern geschrieben - Russlands eigener Anteil an erfolgreicher High-Tech-Forschung hingegen liegt im weltweiten Vergleich unter einem Prozent.

Während Forscher in Europa oder den USA mit Millionensubventionen aus dem Staatshaushalt oder Zuschüssen aus der Industrie rechnen können, arbeiten viele russische Unis und Institute mit Computern aus der Gorbatschowzeit.

Wenn die Mitarbeiter nicht gerade auf der Straße für eine Erhöhung der Wissenschaftsausgaben demonstrieren - von umgerechnet einer Milliarde Euro auf 1,5 Milliarden. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik schlägt im Bundesetat jährlich acht Milliarden Euro frei - Bund, Länder und Unternehmen wenden gemeinsam 50 Milliarden auf.

Wissenschaftler-Emigration

Besuch bei Wiktor Sadownitschij, dem Rektor der Moskauer Lomonossow-Universität. Neunter Stock im Stalin-Wolkenkratzer, einem riesigen Gebäude aus den fünfziger Jahren, errichtet als Symbol des Forscherdrangs.

Sadownitschij sitzt in einem Saal, der mehr vom Empfangszimmer eines Präsidenten hat als vom Refugium eines Hochschullehrers. Er sagt in die marmorgeschmückte Halle hinein: "Der Brain-drain ist eines der ernstesten russischen Probleme." Gut die Hälfte der graduierten Hochschulabgänger bekäme ein Jobangebot aus dem Westen - und gut die Hälfte sage dazu ja.

Dennoch gibt sich Sadownitschij optimistisch: "Der Höhepunkt der russischen Wissenschaftler-Emigration lag zwischen 1995 und 1996. Seitdem stabilisiert sich die Lage." Andere geben sich kritischer: "Die einen sagen, der Patient ist halb tot, die anderen, er sei immerhin am Leben", meint Wladimir Fortow, ein Präsidiumsmitglied der russischen Akademie der Wissenschaften.

1,6 Millionen Wissenschaftler

In einem Interview der Zeitschrift Nowoje Wremja sagt er weiter: "Unsere Wissenschaft ist seit zehn Jahren in einer tiefen Krise." Seit dem Zerfall der Sowjetunion seien die Ausgaben für Lehre und Forschung so gefallen, dass Russland sich "in Gesellschaft von Staaten wie Argentinien, der Türkei, Chile, Griechenland, Portugal oder Brasilien" wiedergefunden habe. Kein anderer Bereich sei so beschnitten worden wie die Wissenschaft.

Verwundern kann das nicht. Die UdSSR hatte am Ende 1,6 Millionen Wissenschaftler und damit weit mehr als die USA. Im nicht-kostenorientierten Staatsbetrieb der Sowjetunion hatte alles Militärische Vorrang: Auf der Suche nach neuen Waffen finanzierte das Militär drei Viertel aller Forschungsprojekte im Land.

Heute ist das Geld knapp. In einer OECD-Studie hatte es 1994 noch geheißen, Bildung sei einer der wichtigsten Ressourcen Russlands. Das stimmt nur noch in Teilen. Das Bildungssystem funktioniert zwar noch einigermaßen: Zu Sowjetzeiten kamen 220 Studenten auf 10.000 Einwohner, im heutigen Russland sind es sogar 340. Aber selbst die begabtesten Hochschulabgänger finden keinen vernünftig bezahlten Job in der Wissenschaft.

Bei knapp 80 Euro liegt das monatliche Durchschnittsgehalt eines russischen Professors - in Moskau reicht das kaum zum Leben, auch in der Provinz ist es ein karges Auskommen. Die Ausstattung der Institute entschädigt nicht: Die meisten Forscher arbeiten mit veraltetem Gerät. Und die Besucher der Staatsbibliothek in Moskau müssen oft eigene Leselampen mitbringen: Die Lenin-Bibliothek ist zwar die zweitgrößte der Welt. Doch manchmal reicht das Geld nicht einmal für ausreichend Glühbirnen in den Lesesälen.

Mit einer Milliarde Euro gibt Russland im Jahr gerade so viel Geld aus für die Wissenschaft wie jede durchschnittliche US-Universität. Und während der Bildungsetat von Präsident Wladimir Putin derzeit gerade einmal 1,5 Prozent des Gesamthaushaltes ausmacht, lassen sich wissenschaftlich und technologisch führende Staate wie die USA, Frankreich oder Deutschland die Wissenschaft vier Prozent der Staatsgelder kosten.

Angesichts solcher Bedingungen ist der Abgang der Spitzenkräfte kaum zu stoppen. Zwar stimmt, was Rektor Sadownitschij mit zukunftsorientiertem Blick sagt: "Die Abwanderung ins Ausland hat an Reiz verloren, trotz besserer Arbeitsbedingungen und Gehälter für Atomphysiker und Informatiker."

Karrieren im Schatten der Macht

Doch der Brain-drain richtet sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: Immer mehr Wissenschaftler wechseln von der Universität in die freie Wirtschaft, fangen an bei Unternehmen und Banken oder machen sich selbstständig. Im Business sind die Gehälter weit höher als an den Instituten. Einstiegsgehälter von 1000 Euro pro Monat für qualifizierte Kräfte sind in Moskau normal.

Bekanntestes Beispiel für den Wechsel in die Wirtschaft ist der Oligarch Boris Beresowskij: Der dubiose Geschäftsmann war in den Jelzin-Jahren einer der einflussreichsten Männer Russlands - und ist von Haus aus Mathematiker. Im halbkriminellen Dickicht des russischen Frühkapitalismus kam Beresoswskij rasch zu Reichtum, während sein Institut daniederlag.

Wachsfigurenkabinett des Intellekts

Auch andere Wissenschaftler machten Karriere, Wladimir Kudinow etwa: Der Immobilienunternehmer hat eine mittelständische Firma in Moskau und das Gefühl, sein Leben zu bestimmen. Früher hatte der 41-Jährige im Moskauer Institut für angewandte Physik gearbeitet und auch einen Wechsel ins Ausland probiert: "Ich war in Japan, Europa und den USA. Dort geht es immer erst um die Finanzierung eines Projektes und erst dann um die Forschung selbst. Also forscht man oft über Dinge, die nicht wirklich wichtig sind."

Kudinow sagt, er sitze lieber in seinem Büro in einem Hinterhaus als in seinem früheren Institut: "Was soll ich mich für ein mittelmäßiges Gehalt mit Fragen beschäftigen, die mich nicht interessieren? Da baue ich lieber meine Firma auf." Was die russische Wissenschaft angeht, urteilt er: "Das ist ein heillos verkrustetes System."

Nachdem Generationen akademischer Spitzenkräften abgewandert sind, bleiben Mittelmäßige und Alte. Russlands Wissenschaft ist überaltert. Die Akademie der Wissenschaften etwa ist zwar immer noch Heiligtum der Forschung. Doch das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder liegt bei 72 Jahren - weniger ein Jungbrunnen des Fortschritts also als ein Wachsfigurenkabinett des Intellekts.

Auch die meisten Lehrer und Forscher an den 700 Universitäten und 4500 Forschungsinstituten des Landes arbeiten mit der Pensionsgrenze in Sichtweite: 57 Jahre sind sie im Durchschnitt alt.

Krisentreffen im Kreml

All das macht wenig Hoffnung auf eine rosige Zukunft. Jetzt hat Präsident Wladimir Putin die Notbremse gezogen: Im März rief er Wissenschaftler, Politiker und Geheimdienstleute im Kreml zusammen. Ergebnis der Runde: Um die Existenz der Nation langfristig zu sichern, müsse der Bildungs- und Forschungshaushalt von 1,5 auf vier Prozent des Staatsetats angehoben werden - bis zum Jahr 2010.

Und: Statt breitflächig nach Sowjetart in alle Richtungen hin Wissenschaft zu betreiben, sollen nun gezielt "für die Existenz des Staates strategische Felder" beackert werden: Informationstechnologie, Telekommunikation, Raumfahrttechnik, Bio-Engeneering, militärisch verwendbare Technologien, alternative Energien und Materialforschung. Akademiemitglied Fortow sagt: "Dieses Treffen wird den Niedergang der russischen Wissenschaft beenden. Dort ist festgelegt worden, dass die Wissenschaft vorrangig sein muss."

Einen Hoffnungsschimmer gibt es bereits. Einer der Nobelpreise, populärster Indikator des wissenschaftlichen Erfolg eines Landes, ging im Jahr 2000 nach Russland: an den Physiker Jores Alferow. Es war der erste Wissenschafts-Nobelpreis seit 20 Jahren für das Land.

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