Manchmal wünscht sich Anita Sauckel, ihre Vorfahren wären im Dritten Reich ganz normale Mitläufer gewesen. Aber das waren sie nicht: Fritz Sauckel, Anitas Urgroßvater ließ das KZ Buchenwald errichten und war als "Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz" verantwortlich für die Deportation von mehr als fünf Millionen Zwangsarbeitern.
1946 wurde Fritz Sauckel als einer der Hauptkriegsverbrecher gehängt. Seine Urenkelin Anita Sauckel studiert Nordistik, Archäologie und mittelalterliche Geschichte in München. Die 22-Jährige lebt im Haus ihrer Eltern bei Dachau.
"Meine Mutter sagt dann immer: Kein Wort darüber!" Anita Sauckel über das Verhältnis ihrer Familie zum Urgroßvater. (© Foto: SZ)
Anzeige
SZ: Wie hast du erfahren, dass dein Uropa einer der treuesten Anhänger Hitlers war?
Sauckel: In der Grundschule. Wir mussten einen Stammbaum basteln. Meine Mutter hat mir dabei geholfen und dann gesagt: Dein Urgroßvater war ein Verbrecher im Dritten Reich. Als Kind konnte ich nicht viel damit anfangen. Als ich älter wurde, habe ich dann erstmal versucht, mich davon zu distanzieren.
SZ: Wenn man in Dachau zur Schule geht, kommt man wahrscheinlich viel mit der NS-Zeit in Berührung.
Sauckel: Auf jeden Fall. Wir haben mit der Klasse oft die Gedenkstätte in Dachau besucht. Dort habe ich das alles trotz der Bilder von den Leichenbergen nicht mit meinem Urgroßvater verbunden. Das kam erst später, beim Besuch in Buchenwald während der Kollegstufe. Da war ich richtig schockiert.
SZ: Hattest du dich vorher nicht mit der Vergangenheit deiner Familie beschäftigt?
Sauckel: Doch, ich hatte immer wieder bei meinen Eltern gebohrt und meinen Opa gefragt. Ich wusste schon einiges über meinen Urgroßvater. In der Gedenkstätte Buchenwald aber gab es dieses Foto von Hitler und ihm. Ich hatte vorher nur ein verschwommenes Bild von ihm gesehen von den Nürnberger Prozessen. Und dann stand er da plötzlich mit Hitler. Ich konnte mich nicht mehr rühren, als ich das sah.
SZ: Was war in Buchenwald am schlimmsten für dich?
Sauckel: Es gab dort einen Brief von ihm über die Deportation von Zwangsarbeitern aus dem Ausland. Er sprach von "minderwertigen Rassen" und "unwertem Leben". Mit seiner Unterschrift unter dem Brief. Erst da ist mir alles bewusst geworden. Da stand mein Name!
SZ: Wie haben deine Klassenkameraden reagiert?
Sauckel: Sie sagten, ich solle mehr Distanz aufbauen. Ich war ziemlich fertig damals in Buchenwald. Ein Klassenkamerad meinte: "Ach, jetzt verstehe ich, warum du so totalitär bist". Er meinte, dass ich manchmal ein bisschen bestimmerisch sei. Das hat mich damals sehr verletzt. Jetzt sage ich mir oft: Mein Uropa ist es nicht wert, dass ich mich so schlecht fühle. Es waren seine Verbrechen, nicht meine.
SZ: Wie gehst du heute mit deinem schwierigen Erbe um?
Sauckel: Na, ich passe ziemlich auf, was ich sage. Vor allem versuche ich, keine Vorurteile und Verallgemeinerungen gegenüber anderen Nationen von mir zu geben. Ich habe Angst, dass mir Leute dann mit meinem Namen kommen.
SZ: Wie wird in deiner Familie mit dem Thema umgegangen?
Sauckel: Mit meinem Vater kann ich relativ schlecht darüber sprechen. Mein Opa hat Stillschweigen darüber gewahrt bei der Erziehung meines Vaters. Eigentlich hat erst meine Mutter angefangen nachzubohren. Später ich und mein Bruder.
SZ: Dein Opa war 15, als sein Vater Fritz Sauckel gehängt wurde.
Sauckel: Ja. Aber mit ihm kann man eigentlich nicht darüber reden. Als sein Vater starb, musste er die Familie versorgen, immerhin neun Kinder! Er ist mit dieser Ideologie aufgewachsen. Er konnte nie verstehen, dass das jetzt einfach vorbei sein sollte.
SZ: Wie ist euer Verhältnis?
Sauckel: Früher haben wir dauernd gestritten. Ich habe immer versucht, ihm alle Verbrechen der Nazis vorzuwerfen. Und er hat immer alles abgestritten. Bei dem Thema wird er aufbrausend und wütend. Er will einfach die Wahrheit nicht erkennen. Inzwischen lasse ich es. Es bringt nichts.
SZ: Ist dein Urgroßvater ein Thema auf Familienfeiern?
Sauckel: Nein, das Thema wird nicht angeschnitten. Meine Familie ist da sensibilisiert. Mit so einer Vergangenheit kann man nicht gerade prahlen. Meine Mutter sagt dann immer: Kein Wort darüber, Anita!
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
UN-Tourismusorganisation