Von Hans Leyendecker

Im Sauerland-Prozess gibt sich auch der dritte Angeklagte reumütig und gesteht, verheerende Anschläge geplant zu haben.

In seinem Werk "Aphorismen zur Lebensweisheit" beschreibt Arthur Schopenhauer den Weg zum persönlichen Glück in einer feindlich empfundenen Lebenswelt.

Bild vergrößern

Schopenhauer hat er nie verstanden: Daniel Schneider fand Halt im Islam. (© Foto: ddp)

Anzeige

Es handelt sich zwar um die populärste Schrift des düsteren Philosophen, aber für einen 13-Jährigen ist die Lektüre harte Kost: "Das war ein erwartungsvolles Geburtstagsgeschenk Ihres Vaters", stellt der Düsseldorfer Richter Ottmar Breidling fest. Der jüngste Angeklagte im "Sauerland-Prozess", der Saarländer Daniel Schneider, heute 23 Jahre alt, nickt. Er habe das Buch nie richtig verstanden.

Vor dem 6. Senat des Oberlandesgerichts Düsseldorf wurde am Mittwoch die Spurensuche nach den Ursachen einer gewaltigen Verirrung fortgesetzt. Wenn es bei der Wahrheitssuche hilft, muss auch Schopenhauer, für den die Welt oft nur ein "Jammertal" voller Leiden war, für allerlei Deutungen und Fragen herhalten.

Er ist froh, dass er vor den Anschlägen festgenommen wurde

Etwa für die Frage: Ist Daniel Martin Schneider, der sich später unter anderem Abd Allah ("Diener Gottes") nannte, früh trübsinnig gewesen? Vier junge Männer sitzen auf der Anklagebank, weil sie "Anschläge von unvorstellbarem Ausmaß" geplant haben, wie die Bundesanwaltschaft ihnen vorwirft. Es ist der bislang größte Prozess gegen islamistische Fanatiker in Deutschland. Eine Geständnisorgie läuft ab und als Dritter der unheimlichen Vier steht Schneider Rede und Antwort.

Er sei froh, dass er festgenommen wurde, bevor es zu den Anschlägen kommen konnte, sagt der Angeklagte. Er könne nun ein "wesentlich leichteres Leben" führen, auch wenn es mit "Belastungen" verbunden sei. Schneider ist zudem wegen eines Mordversuchs an einem Polizeibeamten angeklagt. Beim Zugriff der Polizei am 4.September 2007 in Oberschledorn hatte er fliehen wollen und dabei einem Polizisten die Waffe entrissen und geschossen, aber nicht getroffen.

Je länger seine Befragung dauert, desto mehr drängt sich eine Frage auf: Ist der Schneider, der im Großen Sitzungssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts freimütig gesteht, wirklich jener langhaarige Terrorist, den die Republik fürchten lernte, als er im September 2007 gefesselt, mit einer Schramme unter dem rechten Auge, zum Bundesgerichtshof gebracht wurde und trotzig das Kinn hochreckte?

Jetzt trägt er die Haare sehr kurz und erklärt, es sei eine seiner größten Schwächen, manchmal dicke zu tun. "Ich würde heute die Entscheidung so nicht mehr treffen, in den Dschihad zu gehen", betont er.

Sein Lebenslauf entspricht in ein paar Punkten den Vorstellungen der vielen Küchenpsychologen des deutschen islamistischen Terrorismus: Der junge Mann aus der Provinz ist ein echter Konvertit, denn bis zum 13. Lebensjahr war er gläubiger Katholik. Er ist ein Scheidungskind, das unter der Trennung der Eltern wohl wirklich gelitten hat. Einer, der nach dem Sinn des Lebens suchte, und dem in der Erziehung offenbar wenig Grenzen gesetzt wurden.

"Subtil" hätte der Vater erzogen, sagt er. "Meinen Sie indirekt?", fragt Richter Breidling. Heute versteht Schneider offensichtlich Schneider nicht mehr. Er habe "keine rationale Begründung, warum er vor sechs Jahren in der Saarbrücker Innenstadt gemeinsam mit zwei Freunden voller Wut einen jungen Mann überfiel und zu Boden trat. Er bekam zwei Wochen "Jugendarrest", aber zu Hause wurde darüber offenbar nicht geredet.

Als Tarnung zur Bundeswehr

Er brach die Schule ab, träumte vom Aussteigen, reiste nach Brasilien, kiffte und fand dann Halt im Islam. 2004 konvertierte er. Ein junger Libanese, Hussain al-Malla, dessen Konterfei heute auf vielen Fahndungsplakaten zu sehen ist, erzählte ihm Geschichten über unterdrückte Muslime, die sich wehren müssten. Schneider fühlte nicht mehr nur gewöhnlichen Weltschmerz, sondern Wut.

Er ging zur Bundeswehr, was eine gute Tarnung war, lernte Arabisch, wollte in den Heiligen Krieg ziehen und landete schließlich im Jahr 2006 in einem der kleinen terroristischen Ausbildungslager im pakistanischen Nord-Waziristan. Dort lernte er zwei Mitangeklagten, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz, kennen. Beide haben in den vergangenen Tagen umfangreiche Geständnisse abgelegt. Am Mittwochmorgen noch hat Yilmaz lange über den Dschihad geredet und aus den Suren des Koran die Pflicht zum bewaffneten Kampf gegen jene Ungläubigen abgeleitet, die Muslime angreifen würden.

Nach seinem Übertritt zum Islam nannte sich Schneider zunächst "Dschihad", was "Anstrengung im Glauben" heißt. Nun antwortet er eher ausweichend auf die Frage, ob er beim Kampf gegen Nato-Soldaten in Afghanistan auch Deutsche töten würde. Früher wollte er Anwalt werden, aber der "Wunsch ging mit meiner Kritik am System verloren", sagt er. "Sind Anwälte Vertreter des falschen Systems?", fragt Richter Breidling. "Diese Aussage hat mir mein Anwalt verboten", scherzt Schneider und schaut seinen Anwalt an. Endlich darf im Saal auch mal gelacht werden.

Leser empfehlen 

(SZ vom 20.08.2009/liv)