Saudi-Arabien und Amerika Fiese Freundschaft

Seite an Seite: US-Präsident Barack Obama und der saudische König Abdullah 2009 bei einer Zeremonie in Riad.

(Foto: AFP)

Es gibt, gemessen an demokratischen Maßstäben, keinen übleren Verbündeten der USA als Saudi-Arabien. Und doch klammern sich beide Länder fester aneinander denn je. Solange Riad für Ordnung sorgt, schaut Washington über alles Unrecht hinweg.

Kommentar von Nicolas Richter, Washington

Kürzlich beendete Barack Obama den Kalten Krieg mit Kuba, und die Konservativen empörten sich: Warum belohnt der Präsident ein solch autoritäres Regime? Jetzt hingegen erregt sich in Washington niemand darüber, dass Obama an diesem Dienstag in Riad landet, um einen neuen Monarchen zu begrüßen, dessen Staat nach demokratischen Maßstäben mehr Nordkorea ähnelt als Kuba. Aber Saudi-Arabien spielt seit Jahrzehnten den zuverlässigen Tankwart für Amerika, weswegen die USA ein bisschen nachsichtiger sind: Auf den kubanischen Zigarrenladen können sie zur Not verzichten, auf die Tankstelle nicht.

Möchte man den Zynismus der globalen Ordnung an einem besonders drastischen Beispiel erklären, findet sich kein besseres als das saudisch-amerikanische. Washington hat den Verbündeten am Golf nicht nur ausgewählt, sondern mitgeformt - eine Diktatur, die ihre Legitimität mit monarchischer Folklore und wahhabitischem Radikal-Islam begründet, und die ihre Öleinnahmen grotesk ungerecht verteilt. Eigentlich sollten sich die USA mehrere Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings fragen, ob sie weiter auf dieses Regime setzen sollen, das trotz mancher Reform im Winter der alten Ordnung verharrt. Stattdessen klammern sich die beiden Partner jetzt fester aneinander denn je. Sie können sich schlicht nicht trennen.

Die Monarchie braucht die USA aus demselben Grund wie immer: als Waffenlieferanten und Beschützer, vor allem gegen den aufstrebenden schiitischen Iran. Saudi-Arabien ist von Chaos umgeben: Im Irak hat sich der "Islamische Staat" festgesetzt, in Jemen führen jetzt schiitische Aufständische die Geschäfte. Auch die Motive der USA sind die alten: Zwar sind sie heute weniger abhängig vom arabischen Öl, aber es kommt ihnen doch gelegen, wenn Riad den Ölpreis niedrig hält und zu Hause für Ruhe sorgt. Ironischerweise hat der Arabische Frühling das saudische Königshaus noch gestärkt. Während Chaos und Zerfall viele Nachbarn erfassen, steht Riad für Berechenbarkeit. Dem Westen ist das natürlich lieber, als er zugeben möchte.

Warnung vor demokratischen Experimenten

Trotz aller Differenzen über Iran, Syrien oder die Palästinenser sind sich Washington und Riad zuletzt in zentralen Fragen nähergekommen. Saudi-Arabien bekämpft nun ansatzweise den Radikalismus, den es mit seiner extremen Staatsreligion lange selbst genährt hat. Es hilft den USA dabei, Terrorgruppen finanziell auszutrocknen und setzt gegen den Islamischen Staat sogar Kampfflugzeuge ein. Die USA wiederum haben still und leise die Warnung des verstorbenen Königs vor demokratischen Experimenten verinnerlicht. Abdullah hatte George W. Bush vor dem Einmarsch in den Irak gewarnt und Obama davor, Ägyptens Diktator Mubarak fallen zu lassen. Inzwischen sieht sich das Königshaus bestätigt. Anders als viele Herrscher hat es die Revolutionsjahre vorerst überlebt.

Obama dürfte den neuen König schonen. Der US-Präsident stand mal mehr, mal weniger an der Seite der Revolutionäre; an einer Schwächung der Saudis hat er aber definitiv kein Interesse. Er braucht sie im Kampf gegen den Terror, als Geldgeber für schwächelnde Staaten wie Ägypten, als Regionalmacht. Gleichwohl sollte Obama mehr Reformen verlangen. Die USA müssen sich eingestehen, dass ein Verbündeter, bei dem Frauen gegängelt, Dealer geköpft, Blogger gepeitscht werden, eine Zumutung ist. Reformen wären auch im Interesse des Königs - dessen Regime verkörpert vieles von dem, was der Arabische Frühling überwinden wollte. Noch hat dieser Frühling die Straßen von Riad nicht erreicht, aber er könnte noch kommen.

Einstweilen aber bleibt die fiese Freundschaft, wie sie ist. Solange die Saudis für Unrecht und Ordnung sorgen, blicken die USA über das Unrecht hinweg.