Saudi-Arabien Dutzende Frauen fahren trotz Verbots Auto

Mehr als 60 dokumentierte Autofahrten von Frauen am Steuer - das kann für ein Land wie Saudi-Arabien eine Protestaktion historischen Ausmaßes bedeuten. Aber noch ist unklar, wie die Reaktion der Behörden zu bewerten ist.

Am Samstag wurde aus Selbstverständlichem etwas Historisches: In Saudi-Arabien, dem einzigen Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen, fuhren Frauen Auto. Mehrere Dutzend folgten dem Aufruf zu der Protestaktion "Women2Drive" gegen das diskriminierende Fahrverbot.

Das mag angesichts einer Einwohnerzahl von knapp 30 Millionen eine verschwindend geringe Zahl sein. Sie ist aber doch beachtlich, nicht nur vor dem Hintergrund des soziokulturellen Gefüges und der Beschränkungen, sondern im Besonderen nach einer Warnung der hinter der Protestaktion stehenden Organisation: Nach Drohungen des Innenministeriums hatten die Aktivistinnen zum Schutz der saudi-arabischen Frauen dazu aufgerufen, sich besser doch nicht an der Protestaktion zu beteiligen.

Sympathisantinnen waren vom Innenministerium angerufen worden und mussten versprechen, am Samstag nicht Auto zu fahren. Das Innenministerium hatte vorab angekündigt, gegen Unterstützerinnen des Protests hart durchzugreifen. "Die Behörden wollen auf gar keinen Fall Aktionen an einem bestimmten Tag", hatte eine Sprecherin der Kampagne gesagt. Der Protest soll nun über das Datum hinaus fortgeführt werden.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte die Drohungen gegen die an der Kampagne beteiligten Frauen. Sie berichtete zudem, dass Beteiligte mit willkürlichen Reiseverboten belegt worden seien. Ferner kritisierte Amnesty, dass die Initiatorinnen des Aktionstags von staatlichen Medien öffentlich schlechtgemacht worden seien.

Mehrere Dutzend fahren trotz Verbot

Trotzdem hätten sich den Aktivistinnen zufolge landesweit nachweislich mehr als 60 Frauen hinters Steuer gesetzt und seien - meist voll verschleiert - demonstrativ gefahren, berichtet Al Dschasira. Die Organisation habe 13 Videos und etwa 50 entsprechende Meldungen bekommen - damit wäre die diesjährige Aktion die erfolgreichste bislang.

"Ohne die Drohungen des Innenministeriums hätten mehr Frauen mitgemacht", sagte die Menschenrechtsaktivistin Naseema Assada der Nachrichtenagentur AFP. Womöglich haben sich faktisch sogar weit mehr Frauen beteiligt, ohne aber darüber Rechenschaft abzulegen. Hinzu kommt, dass sich der Protestaufruf vor allem an Inhaberinnen eines internationalen Fahrausweises richtete. Denn Frauen in Saudi-Arabien ist das Autofahren zwar nicht offiziell verboten, sie bekommen aber keinen Führerschein ausgestellt.

Großflächige Kontrollen der Behörden sollen zwar ausgeblieben sein, aber landesweit bekamen der Polizei zufolge 15 Fahrerinnen einen Strafzettel. In anderen Berichten ist sogar davon die Rede, dass sie festgenommen worden sein sollen. In der Hauptstadt Riad seien sechs Frauen angehalten worden, sie hätten 300 Rial (rund 58 Euro) Strafe zahlen müssen, sagte ein Polizeisprecher der AFP. Zudem hätten alle Frauen und ihre männlichen Begleiter eine Erklärung unterschreiben müssen, wonach sie "die im Königreich geltenden Regeln respektieren".

Härtere Strafen wie in der Vergangenheit blieben allerdings aus - nach Einschätzung von Beobachtern könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass das Fahrverbot womöglich gelockert wird. Al Dschasira berichtet unter Berufung auf einen anonymen Sicherheitsbeamten sogar, dass gar keine Strafen verhängt worden seien.

Andererseits sträubt sich der mächtige islamische Klerus gegen jeden Vorstoß in Richtung Moderne und sieht darin einen Verstoß gegen die gottgewollte Gesellschaftsordnung des Landes. Scheich Saleh bin Saad al-Luhaidan, Berater des Psychologen-Verbands der Golfstaaten, argumentierte gar, dass Autofahren schädlich für die Eierstöcke sei und vermehrt zu Geburten mit Missbildungen führen würde - deswegen bekämen die Frauen in westlichen Ländern auch weniger Kinder.

Amnesty kritisiert Drohungen der Behörden

Anhängerinnen der Kampagne machten sich darüber lustig."Ich fahre seit 6 Jahren Auto, habe seitdem 2 Kinder, und meinen Eierstöcken geht es bestens", twitterte die Sympathisantin Sabiha Mahmud.

Bereits in den vergangenen zwei Wochen hatten saudiarabische Frauen in sozialen Onlinenetzwerken Dutzende Videoaufnahmen und Fotos veröffentlicht, die sie beim Autofahren zeigten.

Die Protestaktion ist nicht die erste in Saudi-Arabien. Schon im Jahr 2011 waren mehrere Frauen wegen Autofahrens festgenommen worden. Sie mussten damals zusichern, sich nicht noch einmal hinters Steuer zu setzen.