Sarrazin: Neues Buch Bekannte Botschaft in vielen Varianten

Dennoch schildert Sarrazin wie ein Besessener seine Botschaften in immer neuen Episoden: Im Jahr 2045, wo bereits 30 Prozent aller Wähler einen muslimischen Hintergrund haben, brennt in Weimar erneut die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek ab. Wie reagiert der Oberbürgermeister, immerhin "ein nachdenklicher, tiefreligiöser Mann mit arabischem Hintergrund"?

Er verkündet, das wenige Geld der Kommune gehöre den "Lebenden und nicht den Toten" und werde deswegen in den Vorplatz der neuen Moschee sowie die Sanierung der städtischen Koranschule investiert. Dieses Spiel mit den Ressentiments wird garniert mit der Aussicht, dass zeitgleich Kirchen, Schlösser und Museen verfallen. Um wenigstens die Bauwerke zu retten, werden etwa die Frauenkirche und der Kölner Dom in Moscheen umgewandelt.

Kein Deutsch-Pflichtunterricht in der Schule

Es sind provokative Schnell-Schlüsse, die Sarrazin liefert und die für mediales Aufsehen sorgen. Wenn es nicht in seine Argumentation passt, dann verzichtet Sarrazin gern darauf, wissenschaftliche Studien oder renommierte Forscher zu zitieren. Diese Strategie hatte er im März einem Reporter der Süddeutschen Zeitung so beschrieben: Wenn man keine Zahl habe, sagt er, dann müsse "man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch".

Im Albtraum-Szenario lässt er das Bundesverfassungsgericht 2037 entscheiden, dass jeder das Recht auf Schulunterricht in seiner Muttersprache habe. Es verstoße gegen die Menschenwürde, wenn Migrantenkinder "auf Deutsch radebrechen müssen, anstatt sich frei in der eigenen Muttersprache auszudrücken". Wie wurde das möglich? Kurz zuvor wurden zwei Richterkandidaten mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund nach Karlsruhe berufen - und für Sarrazin steht außer Frage, dass diese Juristen natürlich im Sinne ihrer ethnischen Gruppe entscheiden.

Dabei wissen gerade erfolgreiche Akademiker mit Migrationshintergrund wie Cem Özdemir und Lamya Kaddor um die Bedeutung der deutschen Sprache und guter Bildung für die Integration und bringen diesen Standpunkt in die öffentlich Debatte ein - Sarrazin will sie offenbar nicht hören.

Die Konsequenz des Urteils: Nachdem bereits das Gymnasium abgeschafft wurde, entfällt nun auch der Deutsch-Pflichtunterricht an den Schulen: Neben der Muttersprache muss Englisch genügen. Während im Bayerischen Wald noch jeder zweite Bewohner deutsch spricht, sind es in den Großstädten der verarmten Bundesrepublik höchstens zehn Prozent. Hier sitzen die "muslimischen Feuerköpfe", die für Sarrazins Schlusspointe herhalten müssen: Sie fordern eine neue Nationalflagge mit schwarzem Hintergrund, rotem Halbmond und goldenen Sternen.

Das Schlusskapitel ist deswegen so typisch für Sarrazin, weil es die gleichen Reaktionen auslöst wie seine Interviews und Vorträge. Wer im Bundesbank-Vorstand den Tabubrecher sehen will, der unbequeme Wahrheiten ausspricht und sich dem Achtundsechziger-Denken entgegenstellt, der wird die Gedankenspiele als mutig und konsequent ansehen. Möchte man sich über den Rassismus des streitbaren Schnurrbartträgers aufregen, findet man allein auf den wenigen Seiten genug grenzwertige Formulierungen. Wer sich aber mit Sarrazin inhaltlich auseinandersetzen will, der stößt auf viele Ungereimtheiten und bleibt ratlos zurück.