Die Briten lassen dem französischen Präsidenten Sarkozy auf seinem Besuch seltene Ehrungen zuteilwerden. Denn ungeachtet ihrer konfliktreichen Geschichte schmieden beide Seiten an einer neuen europäischen Machtachse - ohne Deutschland.
Lange bevor sich die Deutschen in diese Rolle drängten, waren die Engländer für die Franzosen der Erbfeind. Sie hatten sich diesen haltbaren Ruf im Hundertjährigen Krieg erkämpft, als sie die Nationalheldin Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Sie nahmen Frankreich sein nordamerikanisches und indisches Imperium weg, während die Deutschen Schlesien für den wahren Zankapfel des Siebenjährigen Krieges hielten.
Die Queen soll verschnupft sein, weil Nicolas Sarkozy sich nur eineinhalb Tage Zeit genommen hat für den Besuch in Großbritannien. (© Foto: AFP)
Anzeige
Waterloo, wo Napoleon seine letzte entscheidende Niederlage erlitt, und Faschoda am Nil, wo ein französisches Expeditionskorps auf demütigende Weise gezwungen wurde, vor den Briten die Trikolore einzuholen, waren nur einige der schmerzhaften Endstationen, die das "Perfide Albion" gallischen Großmachtträumen bereitete.
Doch mit der Entente cordiale von 1904, vom frankophilen britischen König Eduard VII. in Pariser Lotterbetten von langer Hand emotional vorbereitet, war aller Streit in Afrika und Asien begraben. Es gab von nun an einen gemeinsamen Feind, der die Interessen der beiden westlichen Mächte bedrohte: das aufstrebende wilhelminische Deutschland.
Eine umständliche Formel
Für eine vergleichbare historische Wende fehlen beim Staatsbesuch des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in London alle, oder fast alle Voraussetzungen. Nach zwei Weltkriegen geht es nicht mehr um Vorherrschaft über Europa, sondern um das relative Gewicht der Großen innerhalb der Europäischen Union, sowie um deren künftige Strukturen.
Um die treffenden Worte zur Beschreibung von Sarkozys Visite in London wurde im Elysée offenbar lange gerungen. Heraus kam die umständliche Formel, "eine neue französisch-britische Brüderlichkeit für das 21. Jahrhundert erfinden". Sie wird unterfüttert von Erläuterungen, immer inoffiziell und ohne Quellen-Autorisierung, man wolle sich von der exklusiven deutsch-französischen Beziehung befreien, die nicht mehr genüge, um das Europa der 27 in Bewegung zu bringen. Auch von einer neuen Achse Paris-London ist die Rede.
Die Briten wiederum lassen dem Präsidenten seltene Ehrungen zuteilwerden, obwohl die Königin wegen des Tempos von Sarkozy, der den Besuch auf eineinhalb Tage beschränkt, verschnupft sein soll. Er darf vor beiden Häusern des Parlaments sprechen, was wenigen ausländischen Staatsoberhäuptern bislang gestattet wurde, er nächtigt mit seiner Frau im Schloss von Windsor wie einst US-Präsident Ronald Reagan.
Auf beiden Seiten des Kanals ist offenbar das Bewusstsein neu geweckt, dass ein uraltes Problem in Europa fortbesteht: Zwar ist Deutschland zu klein für Hegemonie, aber auch ohne weltpolitische Ambitionen ist es manchmal zu groß für ein gedeihliches Spiel zwischen Gleichen. Sarkozy macht kein Geheimnis daraus, dass Frankreich durch die Erweiterung der EU für seinen Geschmack zu sehr an die Peripherie gerückt ist, während Deutschland durch seine Geographie unverändert in der Mitte liegt.
Vorbild Tony Blair
Sarkozys Projekt einer Mittelmeerunion ist ein Versuch, die Gemeinschaft neu zu zentrieren. Die Idee wurde verwässert, vor allem weil sich der Präsident ein Zerwürfnis mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel nicht leisten mochte. Ein anderes Vorhaben des Präsidenten, die Europäische Zentralbank den Auflagen der Regierungen - und damit der Pariser Wirtschafts- und Ausgabenpolitik - zu unterwerfen, stieß gleichfalls auf den entschlossenen Widerstand Berlins.
Sarkozy sieht im früheren britischen Premierminister Tony Blair ein Vorbild. Aber auch dessen nüchternen Nachfolger Gordon Brown betrachtet er als passenden Partner, mit dem er Nägel mit Köpfen machen kann. So haben sich die Briten beispielsweise zur Erneuerung ihrer veralteten Atomkraftwerke entschlossen - die erfahrenen französischen Staatsfirmen Areva, EdF und Alstom stehen zur Zusammenarbeit bereit.
Sowohl Paris als auch London leiden unter Geldnot, die sich unmittelbar auf ihre Verteidigungsplanungen auswirkt. In der Rüstungspolitik bieten sich für die beiden wichtigsten Militärmächte Europas ebenfalls vielfache Möglichkeiten der Zusammenarbeit, wie sie schon 1998 in St. Malo in einer gemeinsamen Erklärung zu Europas Sicherheit anvisiert wurden.
In einer Karosse mit der Monarchin
Brown verlangt von den Verbündeten energisch Kampftruppen für Afghanistan, um seine bedrängten britischen Soldaten dort zu entlasten - Sarkozy sagt die Entsendung von weiteren tausend Mann zu, ohne freilich dazu in Frankreich irgendjemand konsultiert zu haben. Auf dem langen Weg, sein Land näher an die Nato und an Amerika heranzuführen, ist Großbritannien für den Präsidenten eine Etappe und ein Helfer.
Bei Hofe zugelassen zu werden, in der Karosse neben der Monarchin zu sitzen, ist für den Aufsteiger Sarkozy die Krönung seiner Karriere. Gleichzeitig ist London für ihn eine Bewährungsprobe. Er muss staatsmännische Statur gewinnen, wenn er bei den Franzosen das Ansehen zurückholen will, das er als "Glitzerpräsident" so schnell verspielte. Vielleicht noch mehr als er selber wird seine Frau Carla im Lichte stehen. Schon in drei Monaten übernimmt Frankreich den EU-Vorsitz. Die Erwartungen an Sarkozy sind hoch, die Möglichkeiten des Scheiterns fast unbegrenzt.
- Staatsbesuch in Großbritannien Sarkozy beschwört "neue Bruderschaft" 26.03.2008
- Vor Staatsbesuch in Großbritannien "Willkommen in Großbritannien, Madame Sarkozy" 26.03.2008
- Olympia-Reaktionen Franzosen wollen Sarkozy nicht bei der Eröffnungsfeier sehen 24.03.2008
- Bau neuer Kraftwerke London und Paris planen Atom-Allianz 22.03.2008
(SZ vom 27.03.2008/sekr)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Ich danke Ihnen für Ihren Hinweis, der mir die Möglichkeit gibt, mich ausdrücklich für den undifferenzierten Vorwurf
"...den Juden, die von der EU nie etwas hielten",
in meinem Beitrag vom27.03. - 11:25:41bei DEN Menschen jüdischen Glaubens
zu ENTSCHULDIGEN,
auf die dieser Vorwurf NICHT zutrifft!
In Deutschland zähle ich dazu besonders den Innitiator von "Shalom 5767", Prof. Rolf Verleger, und die 60 jüdischen Erstunterzeichner dieser Inniative, sowie selbstverständlich den derzeit, jedenfalls für mich grössten lebenden Friedensaktivisten jüdischen Glaubens, den Israeli URI AVNERY!
Wer sich die Mühe macht, meine diverser Beiträge hier, d.h. in SZ-Foren sowie in SPIEGEL Foren zu lesen, wird viele finden, die meine positive Haltung und Einschätzung dieser, leider viel zu kleinen Gruppe von Juden gegenüber ausweisen.
"Sollte auch mir einmal kein anderes Kurz-Urteil in den Sinn kommen, dann würde ich diese israelische Politik der völkerrechtswidrigen ethnischen Säuberung vielleicht auch einmal mit einem untertreibenden "Pfui" kommentieren!"
Soweit SIe mit Ihrer Aussage darauf abzielten, mag Ihnen durchaus zuzustimmen sein. Dann war allerdings die Formulierung
"...den Juden, die von der EU nie etwas hielten"
zumindest sehr "unglücklich gewählt", da sie so, wie sie in Ihrem Beitrag stand, zum einen unkorrekt verallgemeinert hat (Angehörige des jüdischen Glaubens finden Sie auch in sehr vielen Mitgliedsstaaten der EU, eine Reihe davon arbeitet sogar bei den entsprechenden Institutionen mit) und darüber jegliche Differenzierung vermissen ließ: Sie finden selbst unter den Angehörigen jüdischen Glaubens in Israel eine ganze Reihe, die mit dieser, von Ihnen zu Recht kritisierten politischen Ausrichtung durchaus nicht übereinstimmen, bzw, sich auch aktiv dagegen engagieren.. . Ich muß sagen, daß auch ich vor Ihren ausführenden Erläuterungen von diesem Teil Ihres ersten Beitrags durchaus "irritiert" war..
mit dem überschwänglichen Temperament außenpolitisch noch nicht deuten. Innenpolitisch wird ihm sein Temperament viele Stimmen kosten. Irgendwie erinnert er mich ein wenig an Napoleon weibsdoll und überheblich.
Eine Reise durch Fernost ist jedem dringend zu raten, der die wahren Zusammenhänge sehen will. Hier hängt inzwischen der Hammer und nicht in Paris oder London.
Die Analyse ist perfekt.
In usa noch in der eu werden die Würfel gemischt. Der Westen will auf einmal den ausgebeuteten und verlorenen Kontinent Afrika beglücken, die Chinesen sind aber schon da. In Nah-und Fernost sitzt China schon in den Startlöchern während der Westen meint Krieg zu führen, gegen die Völker. Und wenn der Chinese den Russen auch noch mehr für Oel und Gas bezahlt sitzt die EU mit kaltem Hintern da. Konfuzius lässt grüßen.
... dieser Besuch macht doch nun wirklich keinen beängstigenden Eindruck.
Einerseits diese versnobten, abgetakelten Royals. Und als Gegenpart dieser Zappelphilipp, Monsieur Quecksilber samt seiner Première Madame, deren Vorzüge an jedem Kiosk des Landes bewundert werden können.
Paging