Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Die Briten lassen dem französischen Präsidenten Sarkozy auf seinem Besuch seltene Ehrungen zuteilwerden. Denn ungeachtet ihrer konfliktreichen Geschichte schmieden beide Seiten an einer neuen europäischen Machtachse - ohne Deutschland.

Lange bevor sich die Deutschen in diese Rolle drängten, waren die Engländer für die Franzosen der Erbfeind. Sie hatten sich diesen haltbaren Ruf im Hundertjährigen Krieg erkämpft, als sie die Nationalheldin Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Sie nahmen Frankreich sein nordamerikanisches und indisches Imperium weg, während die Deutschen Schlesien für den wahren Zankapfel des Siebenjährigen Krieges hielten.

Sarkozy Queen AFP

Die Queen soll verschnupft sein, weil Nicolas Sarkozy sich nur eineinhalb Tage Zeit genommen hat für den Besuch in Großbritannien. (© Foto: AFP)

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Waterloo, wo Napoleon seine letzte entscheidende Niederlage erlitt, und Faschoda am Nil, wo ein französisches Expeditionskorps auf demütigende Weise gezwungen wurde, vor den Briten die Trikolore einzuholen, waren nur einige der schmerzhaften Endstationen, die das "Perfide Albion" gallischen Großmachtträumen bereitete.

Doch mit der Entente cordiale von 1904, vom frankophilen britischen König Eduard VII. in Pariser Lotterbetten von langer Hand emotional vorbereitet, war aller Streit in Afrika und Asien begraben. Es gab von nun an einen gemeinsamen Feind, der die Interessen der beiden westlichen Mächte bedrohte: das aufstrebende wilhelminische Deutschland.

Eine umständliche Formel

Für eine vergleichbare historische Wende fehlen beim Staatsbesuch des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in London alle, oder fast alle Voraussetzungen. Nach zwei Weltkriegen geht es nicht mehr um Vorherrschaft über Europa, sondern um das relative Gewicht der Großen innerhalb der Europäischen Union, sowie um deren künftige Strukturen.

Um die treffenden Worte zur Beschreibung von Sarkozys Visite in London wurde im Elysée offenbar lange gerungen. Heraus kam die umständliche Formel, "eine neue französisch-britische Brüderlichkeit für das 21. Jahrhundert erfinden". Sie wird unterfüttert von Erläuterungen, immer inoffiziell und ohne Quellen-Autorisierung, man wolle sich von der exklusiven deutsch-französischen Beziehung befreien, die nicht mehr genüge, um das Europa der 27 in Bewegung zu bringen. Auch von einer neuen Achse Paris-London ist die Rede.

Die Briten wiederum lassen dem Präsidenten seltene Ehrungen zuteilwerden, obwohl die Königin wegen des Tempos von Sarkozy, der den Besuch auf eineinhalb Tage beschränkt, verschnupft sein soll. Er darf vor beiden Häusern des Parlaments sprechen, was wenigen ausländischen Staatsoberhäuptern bislang gestattet wurde, er nächtigt mit seiner Frau im Schloss von Windsor wie einst US-Präsident Ronald Reagan.

Auf beiden Seiten des Kanals ist offenbar das Bewusstsein neu geweckt, dass ein uraltes Problem in Europa fortbesteht: Zwar ist Deutschland zu klein für Hegemonie, aber auch ohne weltpolitische Ambitionen ist es manchmal zu groß für ein gedeihliches Spiel zwischen Gleichen. Sarkozy macht kein Geheimnis daraus, dass Frankreich durch die Erweiterung der EU für seinen Geschmack zu sehr an die Peripherie gerückt ist, während Deutschland durch seine Geographie unverändert in der Mitte liegt.

Vorbild Tony Blair

Sarkozys Projekt einer Mittelmeerunion ist ein Versuch, die Gemeinschaft neu zu zentrieren. Die Idee wurde verwässert, vor allem weil sich der Präsident ein Zerwürfnis mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel nicht leisten mochte. Ein anderes Vorhaben des Präsidenten, die Europäische Zentralbank den Auflagen der Regierungen - und damit der Pariser Wirtschafts- und Ausgabenpolitik - zu unterwerfen, stieß gleichfalls auf den entschlossenen Widerstand Berlins.

Sarkozy sieht im früheren britischen Premierminister Tony Blair ein Vorbild. Aber auch dessen nüchternen Nachfolger Gordon Brown betrachtet er als passenden Partner, mit dem er Nägel mit Köpfen machen kann. So haben sich die Briten beispielsweise zur Erneuerung ihrer veralteten Atomkraftwerke entschlossen - die erfahrenen französischen Staatsfirmen Areva, EdF und Alstom stehen zur Zusammenarbeit bereit.

Sowohl Paris als auch London leiden unter Geldnot, die sich unmittelbar auf ihre Verteidigungsplanungen auswirkt. In der Rüstungspolitik bieten sich für die beiden wichtigsten Militärmächte Europas ebenfalls vielfache Möglichkeiten der Zusammenarbeit, wie sie schon 1998 in St. Malo in einer gemeinsamen Erklärung zu Europas Sicherheit anvisiert wurden.

In einer Karosse mit der Monarchin

Brown verlangt von den Verbündeten energisch Kampftruppen für Afghanistan, um seine bedrängten britischen Soldaten dort zu entlasten - Sarkozy sagt die Entsendung von weiteren tausend Mann zu, ohne freilich dazu in Frankreich irgendjemand konsultiert zu haben. Auf dem langen Weg, sein Land näher an die Nato und an Amerika heranzuführen, ist Großbritannien für den Präsidenten eine Etappe und ein Helfer.

Bei Hofe zugelassen zu werden, in der Karosse neben der Monarchin zu sitzen, ist für den Aufsteiger Sarkozy die Krönung seiner Karriere. Gleichzeitig ist London für ihn eine Bewährungsprobe. Er muss staatsmännische Statur gewinnen, wenn er bei den Franzosen das Ansehen zurückholen will, das er als "Glitzerpräsident" so schnell verspielte. Vielleicht noch mehr als er selber wird seine Frau Carla im Lichte stehen. Schon in drei Monaten übernimmt Frankreich den EU-Vorsitz. Die Erwartungen an Sarkozy sind hoch, die Möglichkeiten des Scheiterns fast unbegrenzt.

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(SZ vom 27.03.2008/sekr)