Frankreichs Präsident Sarkozy zieht Bilanz seines ersten Amtsjahres, gesteht Fehler ein und gibt dennoch weiter den unbeugsamen Reformer.
Auf dem Pariser Wochenmarkt am Boulevard Richard-Lenoir, da wo die Frau des Kommissars Maigret einkauft, drängelten sich am Freitagmorgen Fernsehteams und Flugblattverteiler, um die Menschen vor die Kamera zu zerren oder ihnen Partei-Flugblätter (,,Reformen und erfüllte Versprechen'') aufzudrängen: Am Abend zuvor hatte Präsident Nicolas Sarkozy den wichtigsten TV-Stationen sein bisher ausführlichstes Interview gegeben. Zwölf Millionen Zuschauer haben sonst nur wichtige Fußballspiele. Fast zwei Stunden lang hatte Sarkozy versucht, die Sympathien zurückzugewinnen, die er in dem Jahr seit seiner Wahl eingebüßt hatte - durchaus aus eigenem Verschulden und nicht nur wegen seiner Politik.
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Der Präsident hat sich entschlossen, sein persönliches Auftreten, seinen Stil, der als "Bling-Bling" verschrien war, zu ändern. "Ich finde, man hat viel von meinem Privatleben gesprochen", räumte er ein, "ohne Zweifel bin ich dafür mitverantwortlich". Sarkozy bemühte sich um einen verbindlicheren Ton, als man von ihm gewohnt war. Sogar Fehler, wenn auch nicht grundsätzlicher Art, gestand er ein. Ja, es habe Missklänge gegeben, besonders von Seiten junger Regierungsmitglieder, und dass er sie nicht hinreichend zur Ordnung gerufen habe, "das war ein Irrtum meinerseits".
Was aber die große Linie angeht, bleibt Sarkozy unbeugsam. Er war angetreten, um die Kaufkraft der Franzosen zu heben, was ihm bisher nicht gelungen ist. Schuld daran sind natürlich die anderen: die USA mit ihrer Kreditkrise, der marode Dollar und der Ölpreis. Trotzdem sei es nicht normal, dass die Inflation in Frankreich steiler steige als in fast allen anderen EU-Ländern. Mitschuldig daran seien die Supermarktketten, die zu wenig Konkurrenz hätten und sogar die Franzosen selbst. Denn "Frankreichs Problem ist, dass wir immer noch zu wenig arbeiten". Sarkozy erinnerte an seinen Wahlkampfslogan: Wer mehr verdienen will, muss erst mal mehr arbeiten.
Gelegentlich war der Präsident an diesem Abend etwas abschweifend, aber politische Schnitzer hat er, anders als bei seiner Pressekonferenz im Januar, vermieden. Damals blaffte er: "Was erwarten Sie von mir? Soll ich leere Kassen plündern?" Vehement verteidigte er seine Reformen. 30 Jahre lang habe sich keine Regierung getraut, die Rentensonderregelung ("régimes spéciaux") der Eisenbahner und Métroarbeiter abzuschaffen.
Sarkozy aber hat den Konflikt mit den Gewerkschaften durchgestanden. Wenn man weder die Renten verringern noch die Beiträge erhöhen wolle, dann müsse man eben länger arbeiten und mehr einzahlen. Für den Anspruch auf die volle Rente werde es von 2012 an nötig sein, ein Jahr länger als bisher, nämlich 41 Jahre zu arbeiten. Sarkozy lobt gern sein eigenes Stehvermögen, "es ist eben so bei den Reformen, irgendjemand beklagt sich immer".
Bei der vorgesehenen Verfassungsreform wird das bislang automatische Referendum bei EU-Beitritten abgeschafft. Den Verdacht, dass dieser Schritt für die Aufnahme der Türkei unabdingbar sei, wies er zurück. Selbstverständlich werde es eine französische Volksabstimmung vor einem Türkei-Beitritt geben, "wenn die Entscheidung in meine Amtszeit fällt". Die Türkei sei eben kein europäisches Land. Sarkozy hat vier Jahre vor sich und könnte theoretisch noch einmal für fünf Jahre wiedergewählt werden.
Wer erwartet hatte, dass Sarkozy in der Olympia-Boykott-Frage Flagge zeigen würde, wurde enttäuscht. Frankreich werde versuchen, die Vorraussetzungen für einen Dialog der chinesischen Führung mit dem Dalai Lama zu verbessern. "Ich bin schockiert, was in Tibet passiert ist", sagte Sarkozy, "und das habe ich den chinesischen Präsidenten wissen lassen".
Andererseits müsse vermieden werden, China mit einem Bann zu belegen. Ob er zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nach Peking reisen werde? Auf eine klare Antwort warteten Journalisten und Zuschauer vergeblich.
Die Diskussion mit insgesamt fünf Journalisten fand im Festsaal des Elysée statt und war - von der Darbietung - ein Meisterstück. Der Regisseur Renaud Le Van Kim hatte schon die als "Krönung" gefeierte Inthronisation von Sarkozy zum Präsidentschaftskandidaten in Szene gesetzt, Bühnenbildner Philippe Désert wiederum hatte das TV-Duell Sarkozy gegen Ségolène Royal betreut.
Solcher Aufwand kommt nicht billig, die Inszenierung in der Salle des fêtes im Elysée soll 280.000 Euro gekostet haben. Die Regie des Lichts ließ den Präsidenten sanfter erscheinen, er wirkte fast abgeklärt, war nicht der verbohrte Rechthaber. Am Revers trug er wie stets die kleine Ausführung des Großkreuzes der Ehrenlegion. Für die tapferen Mühen, manche Fragen ein halbes Dutzend Mal zu wiederholen, hätte wenigstens einer der Journalisten selbst einen Orden verdient.
Fast so wie neulich in der Comédie française. Als das Licht ausging, schlüpfte noch schnell ein Paar in eine der vorderen Reihen. Nur wenige bemerkten, dass es sich um die Sarkozys handelte. Beim Schlussapplaus verschwanden sie ebenso unauffällig. Noch vor wenigen Monaten hätten die beiden eine große Szene hingelegt. Vielleicht ist es der Einfluss seiner Frau Carla, die sich als diskreter erweist, als man ihr zutraute. "Heute wollte ich über Frankreichs Probleme sprechen", sagte Sarkozy, "was mein Privatleben betrifft, ist alles in bester Ordnung".
(SZ vom 26./27.4.2008/mati)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev