Sarah Palin Religiöser als die Partei erlaubt

Ihr tiefer Glaube ist den Republikanern zu radikal, meint ein ehemaliger Pastor Sarah Palins. Aber auch religiöse Blogger sehen ihre Ansichten kritisch.

Von Pia Röder

Damals im Juni, als Sarah Palin in der Wassilla Assembly Church über ihren Glauben gesprochen hat, zeigte sie, für wie gewaltig und mächtig sie Gott hält - dank YouTube weiß das nun die politik-affine Internet-Community. Der "Grand Old-Party", den Republikanern, schmeckt das nicht.

Mehr als zwanzig Jahre gehörte die Gouverneurin von Alaska der Wassilla Assembly Church in ihrem Heimatort an. An die große Glocke habe sie das damals nicht gehängt. "Sie wusste einfach wie jeder Christ, dass Gott über alles herrscht und die Kontrolle hat", so ihr damaliger Pastor Tim McGraw zum Nachrichtensender CNN.

Die "Assemblies of God" bildete sich aus Pfingstgemeinden, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten. Ihre Ethik fußt auf ihrem Bibelverständnis: Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr und Abtreibung lehnen sie ab. Pfingstler definieren sich selbst als Bewegung, die das Werk Gottes in der Welt vorantreiben will. Heute gibt es über 12.000 solcher Kirchengemeinden in den USA. Palin gehörte zu einer Abspaltung der Pfingst-Gruppierung, die an die Macht des Schicksals und an die zweite Auferstehung Jesu glaubt, verursacht durch einen gewaltsamen Aufstand.

Wie extrem die Ansichten der Kirchengemeinde sind, zeigt die Äußerung von Ed Kalnins, einem anderer früherer Pastor Palins. 2004, während des Präsidentschaftswahlkampfes, warnte er die Wähler, dass sie nicht in den Himmel kämen, wenn sie für den Demokraten John Kerry stimmen würden. Die Wassilla Assembly Church wies das als "unbedachten Scherz" zurück und entschuldigte sich.

Radikale Ansichten, vielleicht zu radikal für die Republikaner, die laut McGraw Palins Religiösität herunterspielen wollen. "Ich vermute, es gibt Punkte ihres Glaubens, die von Menschen, die nichts darüber wissen, missverstanden und gegen sie ausgespielt werden könnten." Wenn der Geist über einem komme, äußere man Dinge, die nur Gott versteht, sagte er zu CNN.

Palins Partei scheint die Dinge, die sie sagt, nicht zu verstehen. Pressesprecher rund um die kandidierende Vizepräsidentin setzen auf Vorsicht. Seitens der Republikaner hieß es nur, dass Palin eine "tiefe religiöse Überzeugung" habe. Auch Palin selbst äußerte sich. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press sagte sie im Jahr 2006, dass sie ihre persönlichen Ansichten nicht anderen aufzwingen und dass ihr Glaube nie die Politik diktieren werde. Die Partei und ihre Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten tun viel, um diese fast schon fundamentalistischen Ansichten abzudämpfen. Doch so ganz will das nicht funktionieren.

Beten für Soldaten und Arbeitsplätze

Palin ist zwar 2002 aus der Wassilla Assembly Church ausgetreten, trotzdem nimmt sie immer noch an Tagungen und Vorträgen teil. Wie im Juni, als sie dort vor Theologiestudenten gesprochen hat und Einblicke in ihre tiefe Religiösität gewährte: "Wir können zusammenarbeiten, um dafür zu sorgen, dass Gottes Wille geschieht." Und Gott will Palins Interpretation zufolge einiges: zum Beispiel den Irakkrieg und auch den Bau einer Gaspipeline durch Alaska - ein 30-Milliarden-Dollar-Projekt der Gouverneurin. Sie fordert die Anwesenden auf, dafür zu beten - für die Soldaten im Irak und für die Arbeitsplätze, die dank der Pipeline in Alaska neu entstehen. Alles das sei Gottes Plan.

Palin gehört jetzt der Wassilla Bible Church an, einer nicht konfessionsgebundenen Gemeinde in ihrem Heimatort - angeblich mehr ein kultureller als ein religiöser Zusammenschluss. Dort nahm Palin am 17. August an einer Veranstaltung teil, nur wenige Tage bevor sie in das politische Rampenlicht rückte. Doch auch das schadete dem Image der Politikerin. Ein Redner war David Brickner, Gründer von "Jews for Jesus", eine religiöse Vereinigung, die alle jüdischen Menschen dazu auffordert, zum Christentum zu konvertieren.

Brickner sagte auf der Veranstaltung, dass die terroristischen Angriffe auf Israel "Gottes Urteil" für Juden war, die nicht den christlichen Glauben annehmen wollen. Aus dem Kontext sei das gerissen und missverständlich wiedergegeben, machen die "Jews for Jesus" auf ihrer Website nach dem entrüsteten Medienecho deutlich. Palin distanziert sich strikt von diesen Aussagen und ihre Pressesprecherin versichert, dass die Politikerin pro Israel eingestellt sei.

"Kein Kandidat steht über dem anderen"

Ein Teil der amerikanischen Bloggerszene, der sich Glaubensthemen widmet, sieht die religiösen Ansichten Sarah Palins skeptisch. Steven Waldmann, Buchautor und Blogger bei beliefnet.com hält Palins Aussagen an der Wassilla Assembly Church für sehr bedenklich. Palin glaube anscheinend, dass ihre Arbeit als Gouverneurin behindert werde, wenn "die Einwohner Alaskas nicht an Gott glauben". Das würde laut Waldmann heißen, dass nicht-religiöse Menschen die Arbeit des Staates behindern und ihren Mitbürgern und dem öffentlichen Interesse schaden.

Sogar auf dem Blog der Assembly Churches, assemblyofgodblogs.blogspot.com, distanziert man sich von Palin und ihrer Rede in Wassilla. Man sei durchaus stolz darauf, dass Sarah Palin als Vizepräsidentin nomiert wurde. Sie habe dort aber für sich selbst gesprochen, denn als Kirche sei es nicht angebracht, irgendeinen Kandidaten über einen anderen zu stellen.

Der Palin-kritische Blog sarapalinexposed.com warnt sogar vor einer möglichen Präsidentschaft Palins in ein paar Jahren. "Warum sollten wir vor einer Präsidentschaft unter Palin Angst haben? Was würden Sie von einem amerikanischen Präsident halten, der sich auf seinen Glauben beruft und seine Macht dafür nutzt, Religion in das Leben der Bürger einzuschleppen?"

Der Polit-Blogger statesmanjournal.com sieht die Thematik etwas nüchterner. Gläubig zu sein, sei zwar eine gute Sache, aber die Entscheidung in dieser Wahl hänge an dem Willen der Wähler und nicht an dem Willen von Gott.