Sachsen: Geheimprotokolle online Hektische Suche nach einem amtlichen Leck

Geheimakten des Verfassungsschutzes im Internet - das gibt es nur in der sächsischen Daueraffäre. Ein Berliner Filmkaufmann will mit der heißen Ware auf seinem Online-Dienst provozieren.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Sie sind "geheim" und sie sind der Kern der Leipziger Korruptionsaffäre - Akten des sächsischen Verfassungsschutzes zu einem angeblichen Immobilien-Skandal, in dem es auch um Geheimnisverrat und Kinderpornographie geht. Wochenlang wurde gerätselt, was da wohl drin steht in dem Papierkonvolut - und nun kann sich der geneigte Leser seit vorvergangenem Montag einen kleinen Teil davon im Internet besorgen, einfach so.

Sachsen, Interpool

Dieses Bild zeigt Interpool-tv auf seiner Website neben dem Hinweis auf die geheimen Akten

(Foto: Foto: Interpool-tv)

Täglich publiziert der Onlinedienst Interpool-tv ein weiteres Stück der Akten, eine Fortsetzungsstory des realen Leipziger Politikkrimis sozusagen, bei dem zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Fiktion und Information kaum zu unterscheiden ist. Ein Sprecher des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestätigt gegenüber sueddeutsche.de die Echtheit der zitierten Dokumente: "Wir fahnden mit Hochdruck, wo sich das Leck befindet." Auch habe die Behörde die Staatsanwaltschaft Dresden informiert. Stehen die Ermittler bald vor der Tür von Interpool-tv?

Der Buchautor Jürgen Roth ("Anklage unerwünscht") geht davon aus, dass es sich um Dokumente handelt, die er der Linkspartei vertraulich zur Verfügung gestellt hat. Der Sprecher des Verfassungsschützer will dazu nichts sagen.

Am Ende jedenfalls waren die Geheimakten dann bei Interpool-tv, einer Veranstaltung des Berliner Filmkaufmanns Fred Kowasch. Der Mann, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Leipzig ansässig, war damals für das Westberliner Radio Glasnost aktiv geworden. Oft recherchiert er im Team für ARD- und ZDF-Produktionen mit Enthüllungsanspruch, also etwa zum Thema Doping bei Radfahrern. Immer scheint es ihm um Glasnost zu gehen.

Nun werden Kowaschs Korruptionsprotokolle zum Hit im Netz. Blogger diskutieren über den Scoop, und der Eigentümer kann sich über Aufmerksamkeit freuen. Vornehm formuliert der Filmkaufmann von der "Sachsen-Affaire". Seinen Stoff will er von einem "Informanten" bekommen haben. Und auf der Homepage erklärt Interpool-tv: "Um es klar zu sagen: Unsere Quellen schützen wir! Egal wo sie sitzen."

Autor Roth wiederum hält die Veröffentlichung der sächsischen Korruptionsakten durch Interpool.tv für schädlich, "weil dadurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Informanten bekannt werden", wie er Heise Online gegenüber erklärte. Derzeit werde mit viel Aufwand versucht, das "Leck" im Verfassungsschutz bzw. im Innenministerium zu finden. Journalistische Sensationsgier verstehe er zwar, doch werde der Quellenschutz vernachlässigt.

Kowasch, 39, begreift seinen Dienst als "eigenständig und unabhängig". Der Inhalt solle sich "von den Webseiten der etablierten Medien unterscheiden". Zu den Leitlinien von Interpool-tv gehört, dass es "bewusst nicht um ein ausgewogenes Online-Angebot im Sinne der Staatsräson" gehe".

Ziel sei vielmehr: "Wir wollen mit unseren Themen provozieren." Ein großer Teil der veröffentlichten Berichte sei "ein journalistisches Produkt der Arbeit für Öffentlich-Rechtliche". Vor drei Jahren war Interpool-tv für den Grimme-Online-.Award nominiert worden.

Immer wieder mal haben Kowasch & Co. Exklusivdokumente zum Downloaden ins Netz gestellt, zum Beispiel im Dezember 2003 zur umstrittenen PR-Kampagne "Sachsen für Sachsen". Und auch, was jetzt Sachsen zu Sachsen erklären, hat einen gewissen Unterhaltungswert.