Landtagswahl im Saarland Der Hype kommt, der Hype geht

Die Begeisterung für die Martin-Schulz-SPD ist in den Umfragen brausender, als sie sich im Saarland zeigt.

(Foto: AFP)

Im Saarland hat sich der Schulz-Effekt nicht ausgewirkt, die beliebte CDU-Ministerpräsidentin hat gewonnen. Der Bundestagswahlkampf wird trotzdem aufregend.

Kommentar von Heribert Prantl

Hype kommt, Hype geht. In einer Demokratie zählt nicht der Hype, sondern das Wahlergebnis. Und das bleibt für die SPD im Saarland weit hinter dem Hype zurück.

Die Begeisterung für die Martin-Schulz-SPD ist in den Umfragen brausender, als sie sich im Saarland zeigt. Das Wahlergebnis dort ist für die euphorisierte SPD ernüchternd; es zeigt sich, dass der Auferstehung der Partei noch lange nicht ihre Himmelfahrt folgt. Es zeigt sich, dass der eigenen Begeisterung die Begeisterung der Wähler nicht automatisch folgt. Für die von der Schulzomania verstörte Union aber ist das Wahlergebnis Labsal. So überraschend der Schulz-Aufschwung (nicht nur) für die Union war, so unerwartet ist jetzt (nicht nur für die Union) der Erfolg der Annegret Kramp-Karrenbauer. Angela Merkel wird sich sagen: Man darf sich nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das mag schon sein; aber auf dem Ruhekissen wird die Kanzlerin den Wahlkampf nicht verbringen können.

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Die Zeiten, in denen die AfD von Sieg zu Sieg eilte, sind vorbei

Gewiss: Das Saarland ist nur ein Mikrokosmos, aber in aufgewühlten Zeiten nimmt man Ergebnisse im Mikrokosmos gern als Orakel. Und was sagt das Orakel? Es spricht nach Orakel-Art: Es macht die Hoffnungen der SPD auf einen Machtwechsel im Bund zwar nicht zunichte; aber es gibt diesen Hoffnungen einen Dämpfer. Augenhöhe zwischen SPD und CDU? Die Umfragen für das Saarland hatten das in Aussicht gestellt. Aber der Abstand zwischen SPD und CDU ist viel deutlicher ausgefallen als erwartet.

Das Saarland lehrt nicht nur, dass die Bäume der Sozialdemokratie nicht in den Himmel wachsen und die der Christdemokraten erstaunlich gut im Saft stehen. Noch ein weiteres lehrt das Saarland: In der spannend gewordenen Konkurrenz von Merkel-CDU und Schulz-SPD zerreibt es die kleineren Parteien. Der FDP blieb die Rückkehr ins Landesparlament versagt. Die Grünen sind noch glückloser als bisher. Und die AfD? Die Zeiten, in denen die Partei von Sieg zu Sieg eilte, sind vorbei. Bei der AfD hat das Wachstum nach unten begonnen. Schließlich die Linke? Alles hat ein Ende, Lafontaine hatte drei. Aber jetzt ist es Schluss. Oskar Lafontaines allerletzte Spitzenkandidatur bringt keine Spitzenwerte mehr.

Weder die SPD, noch die Linke erfüllt die Erwartungen

Die Prozente für die Linke sind abermals gesunken. Lafontaines finales Finale fällt also nicht so aus, wie er es gern gehabt hätte. Es funkelt nichts. Sein Finale spielt dort, wo er vor fünfzig Jahren seine abenteuerliche Karriere begonnen hat. Es spielt in Saarbrücken, im Saarland, in der Nussschale der Bundesrepublik, die er, das gehört zu seinen Fähigkeiten, in einen Whirlpool verwandeln kann. Lafontaine hätte den Pool jetzt gern überschäumen lassen, so gewaltig, dass Merkel befürchten muss, dass es sie im Herbst wegspült - weil dann Rot-Rot die Bundesregierung übernimmt. Nun: Es schäumt nicht richtig. Weder die SPD, noch die Linke erfüllen die Erwartungen, die beide an sich selbst stellten.

Was bleibt für Lafontaine? Was bleibt vom begehrten großen Finale? Rot-Rot ist im saarländischen Wahlkampf immerhin eine Option gewesen und auch für den Westen der Republik, auch für die Bundesebene eine geworden. In diesem Wahlkampf haben sich Rote und Dunkelrote angenähert; schon diese Annäherung hat bundesweite Bedeutung. So viel Nähe zwischen der SPD und der Linken gab es im Westen der Republik noch nie. Das Verhältnis zwischen den beiden roten Parteien bestand bisher im Westen und auf Bundesebene aus Gülle, Gift und Galle. Seit Neuestem besteht es aus Freundlichkeit und Wohlwollen. Wird das nun fortgesetzt werden?

Schulz, der neue Vorsitzende der SPD, und Lafontaine, ihr gewesener Vorsitzender und Gründer einer neuen linken Partei, sind nett zueinander. Sie inszenieren Versöhnung. Dieses Projekt Versöhnung steht am Ende des politischen Lebens des Mannes, der einst der Lichtträger der Sozialdemokratie war und dann zu ihrem Luzifer wurde. Jahrelang hätte ein führender Sozi von Lafontaine nicht einmal mehr ein Stück Brot genommen; jetzt, nach Jahren abgrundtiefen Zerwürfnisses, nimmt man sich von ihm gern die vagen Aussichten auf den Machtwechsel im Bund. SPD und Linke beginnen sich zu vertragen. Ob Schulz nun davon, nach den saarländischen Erfahrungen, wieder abrückt? Es wäre ein erstes Indiz für Sprunghaftigkeit. Die rot-rote Verträglichkeit hat jedenfalls dort begonnen, wo sie beginnen muss: in der Heimat des Mannes, der die Personifikation der Unverträglichkeit war. Der rote Kreis schließt sich?

Nein; schon deshalb nicht, weil er kein Kreis ist. Das politische Leben Lafontaines war kein Kreis; es war eine Achter- und eine Geisterbahn, so wie die Geschichte der SPD. Deren Achterbahnfahrt geht weiter. Der Wahlkampf wird aufregend.

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