In den Wochen der Brandkatastrophe zeigen Russlands Mächtige, was ihnen ihr Volk wert ist: fast nichts. Das gab es vor zehn Jahren schon einmal, beim Untergang der "Kursk".
Genau zehn Jahre bevor Russland am Dunst der Waldbrände erstickte, ließen 118 Seeleute am Grund der Barentssee ihr Leben. Vor zehn Jahren sank das Atom-U-Boot Kursk, der Stolz der russischen Flotte, nach einem Manöverunfall.
Bild vergrößern
Lange haben sich die Mächtigen in Russland nicht um die Brände gekümmert - und die Menschen allein gegen die Flammen kämpfen lassen. (© dpa)
Anzeige
Bis heute weiß niemand, warum Moskau damals so lange ausländische Hilfe ausschlug, warum nicht ein Matrose gerettet, warum nicht ein Marineoffizier zur Verantwortung gezogen wurde.
Heute ist das anders. Wenn Kleinfürsten wie der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow oder der Gouverneur des Gebietes Swerdlowsk sich weiter in der Ferne erholen, während ihre Heimat verbrennt, wenn sie ein fast obszönes Desinteresse an den Tag legen, dann weiß man genau, wieso dies nun geht.
Keine Angst vor dem Wähler
Anders als vor zehn Jahren, als der junge Präsident Wladimir Putin erst Tage nach der Explosion auf der Kursk seinen Urlaub abbrach und seine Kaltschnäuzigkeit mit einem bedrohlichen Popularitätsverlust bezahlte, haben Russlands lokale Zaren heute den Zorn der Wähler nicht zu fürchten. Sie werden ja nicht gewählt, sondern vom Kreml eingesetzt oder von der Kreml-Partei ins Amt gehievt.
Nur so ist zu erklären, dass ein Potentat aus Nischnij Nowgorod eine entspannte Situation nach Moskau meldete, als bereits Dorf um Dorf abbrannte. Sein einziger Wähler sitzt im Kreml.
Russland ist keine Demokratie. Und so sind alle Versuche, die politischen Folgen dieses "Armageddons", wie russische Kommentatoren es nennen, nach demokratischen Maßstäben zu deuten, von begrenzter Aussagekraft.
Wenn Putin in der Asche zerstörter Weiler einen blitzartigen Wiederaufbau verspricht oder vom Cockpit eines Löschflugzeuges aus die Rettung des Landes steuert, dann ist dies schon deshalb nicht der Beginn des Vorwahlkampfes, weil es keinen Wahlkampf gibt, schon gar keinen um das Amt des Präsidenten in zwei Jahren. Wer auch immer 2012 in den Kreml einzieht, Putin, Medwedjew oder eine neuerdings umraunte dritte Figur, er wird das Ergebnis komplexer Macht- und Geschäftserwägungen sein, aber nicht der Sieger in einem offenen politischen Wettbewerb.
Warnung an eine machtlose Opposition
Wenn Präsident Dmitrij Medwedjew warnt, dass niemand aus der Katastrophe politisches Kapital schlagen und diesen furchtbaren Sommer für Reklamezwecke in eigener Sache benutzen dürfe, dann zielt dies eben nicht gegen Putin, sondern vor allem gegen die machtlose Opposition.
Die wollte am Donnerstag in Moskau auf einer wieder einmal verbotenen Demonstration wieder einmal vergeblich die Absetzung des pflichtvergessenen Moskauer Bürgermeisters Luschkow fordern. In den Flammen von Rjasan, Wladimir und Nischnij Nowgorod ist nicht das liberale Projekt eines demokratiefreudigen Präsidenten aufgegangen, der seinem Land Föderalismus, politische Konkurrenz und echte Pressefreiheit schenken wollte, aber vom Tatmenschen Putin niedergetrampelt wurde. Es hat dieses Projekt nie gegeben.
Gewaltige Natur
So bringen die Feuer dieses Sommers - wie jedes Unglück - das Beste und das Schlechteste an Russland zum Vorschein: die politische Stagnation und die Inszenierung von Macht, die Vertuschungen und Enthüllungen, die überwältigende Staatsferne der Menschen, die aus Gewohnheit auf den Kreml hoffen, aber in Wahrheit nur sich selbst vertrauen.
So hört man von betrunkenen Feuerwehrleuten und sieht Bilder von barfüßigen Freiwilligen und Frauen mit Sandeimern im Kampf gegen ein Jahrhundertfeuer. Und man begreift das gespaltene Verhältnis dieses Landes zu seiner gewaltigen Natur. Putins Versuch, die Forstwirtschaft kommerziell zu organisieren, war ein Missverständnis: So lassen sich Russlands Weiten nicht bezwingen.
Aber die Sowjets scheiterten auf ähnliche Weise. Sie bekämpften die Sümpfe aus ideologischen Gründen als unkontrollierbare, unsowjetische, "reaktionäre" Biomasse. An dieser Angst der Herrscher vor ihrem Land hat sich wenig geändert.
Sinti und Roma als Nachbarn? Bloß nicht, sagen zwei von drei Deutschen. Über Menschen, die im eigenen Land Fremde sind. Seite Drei. Jetzt lesen ...
- Putin als Krisenmanager Feuerwehrmann in eigener Sache 11.08.2010
- Naturkatastrophen Die Welt als Werkstatt 12.08.2010
- Waldbrände in Russland Notstand in drei Regionen aufgehoben 12.08.2010
- Wirtschaft kompakt "Mister Opel" geht 19.08.2010
- Nächtliches Wodka-Verbot Ernüchterung in Moskau 18.08.2010
- Untergang des Atom-U-Boots "Kursk" Tod unter Wasser 12.08.2010
- Ukraine: Weizen-Export Angst vor dem Dominoeffekt 12.08.2010
(SZ vom 09.08.2010/sukl)
Lafontaine verzichtet auf Kandidatur
Sie haben geschrieben:
"Und die Firmen tun, als wäre alles ganz normal - und die Angestellten fahren in diese Höllenstimmung und tun so also könnten sie arbeiten. ".
Nach meinen Informationen haben viele Firmen ihre Mitarbeiter in den Urlaub geschickt.
....und genau das ist es was die Autorin hier zu Recht anprangert.
Wer unter Einsatz eigener Lungenbläschen die letzten Tage in Moskau verbracht hat, weiss wovon ich schreibe: die Medien berichten über Festivals und Klatsch und Tratsch: über die Feuer wird nur lapidar in zwei Sätzen pro Stunde berichtet - dass es sie gibt...als ob das irgendwer übersehen hätte? Und die Firmen tun, als wäre alles ganz normal - und die Angestellten fahren in diese Höllenstimmung und tun so also könnten sie arbeiten.
Wer all das in Frage stellt: wird beschimpft, und es heisst: ja, wenn wir die Leute über irgendwas informieren würden, das würde doch nur eine Panik auslösen......wie bitte?
Nein - das Schlimmste ist hier nicht der Brand. Das Schlimmste ist die Erkenntnis, daß da zwei Dinge zusammenkommen: völlige Respektlosigkeit von oben gegenüber dem Bürger - und letztlich beim Bürger fehlender Selbstrespekt. Wer das Resignation nennt - ich nenne das mit dem gleichen Recht Bequemlichkeit.
Also die Kommentatorin Sonja Zekri war mir schon durch ihre früheren Berichte etwas suspekt geworden, ihre Kommentare klingen voreingenommen und etwas stammtischmäßig.
Jeder weiß daß die Kursk eine Säule der russischen Verteidigung war, den ehemaligen Feind gleich an die geheimste Stelle zu lassen ist für alle Militärs etwas suspekt... auch ich hättemir gewünscht daß diese Soldaten gerettet worden wären, aber das ist nun mal immer so gewesen, schlimmstenfalls werden Menschenleben für militärische Geheimnisse geopfert, das ist nicht Neues....
Aber so simple wie das mal wieder die Frau Sekri hier dokumentiert.....
Es ist nicht Aufgabe irgendwelcher Staaten, den Zerfall von anderen Staaten mit irgendwelchen Mitteln aufzuhalten. Wenn Völker austreten wollen, dann werden sie es tun und auch alle bekämpfen, die das verhindern wollen. Und auch die USA und EU werden eines Tages zerfallen, die Frage ist nur wann.
Zum Baltikum: für die dortigen Länder sind die Russen Besatzer. Dass solche nicht gerade hoch angesehen sind, ist verständlich. Abgesehen davon bieten die Länder an, auch ihre russische Minderheit einzubürgen. Voraussetzung ist der Wille zur Intergration, der dadurch bekundet wird, dass man die jeweilige Landessprache lernt und durch Test nachweist. Dass die von vielen Russen abgelehnt wird, ist ihr Problem.
Nebenbei geschieht dort nichts anderes, als das, was mit den Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg geschehen ist, und in Deutschland von den Weltverbesserern auch heute noch als gerecht angesehen wird. Russland hat Gebiete besetzt und sein System aufgezwungen, Leute angesiedelt. Nachdem man endlich die Besatzer los war, will man auch die angesiedelten Verbündeten mit loswerden. Die betroffenen können da leider nichts dafür, aber wenn sie sich absolut nicht integrieren wollen, dann kann ich die Länder auch verstehen.
Es ist nicht Aufgabe irgendwelcher Staaten, den Zerfall von anderen Staaten mit irgendwelchen Mitteln aufzuhalten. Wenn Völker austreten wollen, dann werden sie es tun und auch alle bekämpfen, die das verhindern wollen. Und auch die USA und EU werden eines Tages zerfallen, die Frage ist nur wann.
Zum Baltikum: für die dortigen Länder sind die Russen Besatzer. Dass solche nicht gerade hoch angesehen sind, ist verständlich. Abgesehen davon bieten die Länder an, auch ihre russische Minderheit einzubürgen. Voraussetzung ist der Wille zur Intergration, der dadurch bekundet wird, dass man die jeweilige Landessprache lernt und durch Test nachweist. Dass die von vielen Russen abgelehnt wird, ist ihr Problem.
Nebenbei geschieht dort nichts anderes, als das, was mit den Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg geschehen ist, und in Deutschland von den Weltbesserern auch heute noch als gerecht angesehen wird. Rußland hat Gebiete besetzt und sein System aufgezwungen, Leute angesiedelt. Nachdem man endlich die Besatzer los war, will man auch die angesiedelten Verbündeten mit loswerden. Die betroffenen können da leider nichts dafür, aber wenn sie sich absolut nicht integrieren wollen, dann kann ich die Länder auch verstehen.
Paging