Krim-Krise Putin, Mann fürs Böse

Demonstration der ukrainischen Gemeinschaft gegen Putin in Prag

Der Westen sollte Wladimir Putin nicht verteufeln, sondern sein Verhalten in der Ukraine-Krise zu verstehen versuchen. Kein russischer Präsident würde geduldig dabei zusehen, wie eine eindeutig antirussische Regierung in Kiew versucht, die Ukraine in Richtung Nato zu führen.

Ein Gastbeitrag von Erhard Eppler

Erhard Eppler, 87, war von 1968 bis 1974 Entwicklungshilfeminister und bis 1992 Mitglied der Grundwertekommission der SPD.

Als die Deutschen in der DDR die Einheit erzwangen und Helmut Kohl darüber mit Michael Gorbatschow verhandelte, stellte der sowjetische Staatschef, den wir Deutschen bis heute lieben, eine Bedingung: Die Nato darf nicht weiter vorrücken als bisher.

Auf dem Gebiet der verschwindenden DDR sollten keine Stützpunkte und Einrichtungen des westlichen Verteidigungspakts entstehen. Der deutsche Bundeskanzler Kohl versprach dies. Als dann später Polen und die Tschechische Republik der Nato beitraten, hatten diese Zugeständnisse keinen Sinn mehr.

Die Ostgrenze Polens wurde die Ostgrenze der Nato. Wer das noch im Kopf hat, wundert sich nicht über das, was wir jetzt erleben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals ein russischer Präsident, ganz gleich, wie er heißt, geduldig zusehen würde, wie eine eindeutig antirussische Regierung die Ukraine in Richtung Nato zu führen versucht, zumal wenn diese Regierung nicht gewählt ist.

Immerhin war der Kern der Ukraine seit mehr als 300 Jahren Teil des russischen Zarenreiches. Und die Nato würde diesmal nicht, wie 1990, um 200, sondern um weitere knapp tausend Kilometer nach Osten vorstoßen, ins Herz Russlands. Die Nato ist ein Militärbündnis. Solange es Militärbündnisse gibt, zumal wenn sie unter Führung einer Weltmacht stehen, sind sie auch Einflusszonen.

Ein Beispiel an Bismarck nehmen

Man wende nicht ein, die Nato sei keine antirussische Veranstaltung mehr. Für die Leute, die jetzt in Kiew regieren, ist sie der Schutzschild gegen das Land, zu dem die Ukraine seit Menschengedenken gehört hat, ein Schutzschild der amerikanischen Einflusszone, in der die US-Geheimdienste die Regierung ausspähen können, mögen die Gazetten noch so schäumen. Die Einkreisungsängste in Moskau mögen übertrieben sein - besser begründet als einst die deutschen um 1900 sind sie allemal.

"Haut doch die Polen"

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Es war Otto von Bismarck, der von Außenpolitikern vor allem die Fähigkeit verlangte, sich in die Schuhe des anderen, des Kontrahenten zu versetzen, zu verstehen, warum er so denkt und handelt, vielleicht so handeln muss. Man muss schon sehr mächtig sein, wenn man ohne diese Tugend auskommen will. Die USA sind es, vielleicht. Wir in Europa sind es sicher nicht.

Wir müssen auf einem Kontinent mit Russland leben und können uns die russischen Präsidenten auch künftig nicht backen. Wer versucht, Bismarcks Forderung gerecht zu werden, kommt nicht auf die Idee, die jetzige Krise allein aus dem Charakter des Wladimir Putin zu erklären. Wahrscheinlich werden Historiker einmal urteilen, es sei eben unmöglich gewesen, eine Ukraine von Lemberg bis Charkow mit Millionen russischen Bürgern unversehrt in eine westliche Allianz zu führen.

Auch ich möchte nicht so regiert werden, wie Putin Russland regiert. Aber dieser Putin will und muss Russland, nicht Deutschland regieren. Und dieses Russland besteht nicht nur aus St. Petersburg und Moskau, sondern aus einer fast unendlichen Fläche mit Tausenden Dörfern und Kleinstädten. Die Bauern und Kleinbürger dort - sie bilden die Mehrheit im Land - wollen nach allem, was wir Deutschen in Russland angerichtet und was die Kommunisten an Chaos hinterlassen haben, vor allem Ordnung.