Von Matthias Kolb

In zwei Wochen übernimmt Dmitrij Medwedjew die Macht in Russland. Die erste deutschsprachige Biographie über den im Westen noch weitgehend unbekannten neuen Präsidenten will zeigen, wer er wirklich ist - und wie die Arbeitsteilung mit Putin aussehen könnte.

Moskau hält den Atem an. Die politischen Eliten, die Journalisten und Beamten, die Putin-Fans und seine Gegner, sie alle warten auf den 7. Mai.

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Bilder aus dem Vorwahlkampf: Dmitrij Medwedjew besucht eine Atomforschungsanlage in Dubna. (© Foto: dpa)

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Dann wird Dmitrij Medwedjew als neuer Präsident vereidigt und übernimmt die Macht im Kreml - zumindest offiziell. Denn noch ist keineswegs klar, ob der 42-jährige Jurist wirklich das Sagen haben wird oder ob nicht doch Wladimir Putin weiterhin den größten Einfluss hat.

Das Verhältnis von Medwedjew und Putin erinnert an eine Fahrschulstunde: Der neue Präsident Medwedjew sitzt am Steuer, darf lenken und auch mal Gas geben, doch sein Vorgänger auf dem Beifahrersitz kann jederzeit ins Lenkrad greifen und hat Gaspedal und Bremse zur Verfügung. Auf dem Rücksitz wacht ein "Prüfer" und entscheidet, ob der Prüfling weitermachen darf oder aussteigen muss.

Diesen Vergleich zieht Boris Reitschuster in seiner soeben erschienen Biographie über Dmitrij Medwedjew "Der neue Herr im Kreml?". Der Journalist, der seit vielen Jahren in Moskau lebt, hält das Szenario für wahrscheinlich, dass Putin weiterhin die wichtigen Entscheidungen trifft, während Medwedjew nach außen als Prinzregent agiert und das russische Image im Westen verbessern soll. In der Rolle des Prüfers sieht er die mächtigen Interessengruppen im Kreml wie die ehemaligen KGB-Agenten, die Liberalen sowie die Wirtschaftsgrößen. Putin werde als Garant und Schiedsrichter gebraucht.

"Er blickt auf alle herab"

Reitschuster skizziert noch ein zweites Szenario: Medwedjew emanzipiert sich von seinem Übervater. Dafür sprechen die enorme Machtfülle, die Russlands Präsident laut Verfassung besitzt, sowie Medwedjews Ehrgeiz: Er wird beweisen wollen, dass er mehr ist als Putins Hampelmann. Zuletzt hat der Jurist an Selbstbewusstsein gewonnen: Die Stimme ist tiefer und der Blick fester geworden. "Er blickt auf alle herab, ist arrogant und im direkten Gespräch gar nicht so nett wie im Fernsehen", berichtet ein Insider.

Zudem stünden nicht alle treu zu Putin: Die Beamten der Präsidialadministration fürchten um ihren Einfluss und um lukrative Einnahmequellen und könnten alles dafür tun, dass ihr neuer Chef mächtig wird. "Ich gehe davon aus, dass Putin die Kontrolle behält", sagt Reitschuster zu sueddeutsche.de. Er ist aber überzeugt: Einer wird sich durchsetzen, eine gleichberechtigte "Doppelherrschaft" kann sich in Moskau niemand vorstellen. So erklärt sich der Titel des zweiten Szenarios: Es bleibt für Putin und die Clans im Hintergrund ein "Restrisiko".

Streber aus Leningrad

Obwohl Medwedjew seit mehr als vier Monaten als neues Staatsoberhaupt feststeht - eine Mehrheit der Russen hatte stets angegeben, den von Putin vorgeschlagenen Mann zu unterstützen -, ist wenig über ihn bekannt. Reitschusters Buch füllt diese Lücke und skizziert den Aufstieg des heute 42-Jährigen.

Dieser wächst in behüteten Verhältnissen als Einzelkind auf, seine Eltern sind Akademiker und leben in einer eigenen Wohnung - eine Besonderheit in der UdSSR. Während Putin gerne damit kokettiert, sich durch den "Dschungel" der Leningrader Vorstädte geprügelt zu haben, ist Medwedjew friedlich: Seine Lehrerin beschreibt den kleinen Dima (so sein Kosename) als gewissenhaftes, wissbegieriges Kind, das stets ordentlich gekleidet war.

Dima ist ein Bücherwurm und ein Einzelgänger. Seit der Ernennung zum Kronprinzen ist nur Gutes von seinen früheren Mitschülern zu hören ("allseits beliebt und umgänglich"), doch Reitschuster fasst zusammen: "Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass er ein bisschen an das erinnert, was man einen Streber nennt - und in Russland noch weniger angesehen ist als in Deutschland."

Während Putin sich für Judo begeistert, zieht es Medwedjew ins Wasser - Kanufahren wird sein Sport. Seine ehemalige Lehrerin lobte sein Talent: "Das Wichtigste aber war, dass er die hohe Kunst des Balancierens lernte. Egal, in welcher Richtung der Wind wehte, er blieb immer über Wasser" - eine exakte Beschreibung der bisherigen Karriere Medwedjews, der klare Festlegungen stets vermied. Als Jugendlicher schwärmt er für Rockmusik, vor allem für Pink Floyd, doch die Platten sind in der Sowjetunion unbezahlbar.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso Dmitrij Medwedjew sich für ein Jurastudium entschied und wie er Wladimir Putin kennenlernte.

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