Russland ist ein Riesenreich mit elf Zeitzonen. Einige davon will Präsident Medwedjew jetzt abschaffen. Bei seiner Idee geht es weniger um praktische Überlegungen denn um Machtfragen.
Wer kennt das nicht? Die Uhr wird umgestellt, von Sommer- auf Winterzeit, und man weiß nicht so recht, soll man die Zeiger nun eine Stunde vor- oder zurückdrehen? Ein lächerliches Problem. Wer im russischen Wladiwostok einen Zug besteigen will, muss ganz andere Rechenkunststücke vollführen, wenn er pünktlich am Bahnhof sein möchte. Auf dem Ticket ist nämlich die Moskauer Zeit aufgedruckt - in Wladiwostok aber ist es sieben Stunden später als in der Hauptstadt.
Ausschnitt einer Russland-Karte, auf der die verschiedenen Zeitzonen eingezeichnet sind. (© Foto: AP)
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"Wir sind gewöhnlich stolz darauf", meinte Präsident Dmitrij Medwedjew, stolz auf Russlands Größe, die sich eben auch darin zeige, dass das Riesenreich von Kaliningrad bis Kamtschatka mit elf Zeitzonen lebt. "Sehr unbequem" sei dies allerdings auch, räumte der Präsident ein und warb für die Abschaffung von ein paar Zonen. Schließlich kämen auch andere Länder wie beispielsweise die USA mit weniger Zeitunterschieden aus, "und das sind auch große Länder".
Die Uhrzeit ist eine Machtfrage
Kaum eine andere Idee aus Medwedjews "Ruckrede" hat ein solches Echo gefunden. "Was für ein revolutionärer Vorschlag", höhnt die bekannte Moskauer Politikprofessorin Lilia Schewzowa; als ob das Land keine anderen Probleme habe. Im Internet mokieren sich die Blogger, einer mit Namen "tushin69" empfiehlt, "die Verlegung des Verwaltungszentrums aus Moskau ins wirkliche Zentrum Russlands, jenseits des Ural, oder "die Schrumpfung Russlands".
Moskau ist in Russland natürlich Zentrum der Zeit, und wer die Uhren stellt, das ist nicht nur im größten Flächenland der Erde eine Machtfrage. So kommt China zum Beispiel mit einer einzigen Zeitzone aus, weil Peking es gern so hätte, dass überall im Reich der Mitte die Sonne zur gleichen Zeit aufgeht - auch wenn die Tibeter oder die Uiguren eigentlich eineinhalb bis zwei Stunden länger auf den Tag warten müssen. China hatte einst fünf Zeiten, bis die Kommunisten 1949 die Uhren umstellten.
So lange ist es noch gar nicht her, dass auch für Europa galt: Wer herrscht, regiert die Zeit. In Deutschland entstand erst 1893 durch ein Zeitgesetz Einheitlichkeit, zuvor gingen die Uhren in Bayern tatsächlich anders als in Preußen. Für den Zwang zur gemeinsamen Zeit sorgte die Eisenbahn. Bahn-Pionier Sir Sanford Fleming, ein gebürtiger Schotte, der in Kanada Karriere machte, schlug 1879 eine weltweite "Eisenbahnzeit" vor, weil keiner mehr wusste, wie man sonst mit grenzüberschreitenden Bahnlinien umgehen soll.
Lauter Eitelkeit
Auf der Internationalen Meridiankonferenz 1884 wurde die Welt in 24 Stundenzonen von jeweils 15 Längengraden geteilt, wobei die Nulllinie auf den zuvor bereits gebräuchlichen Greenwich-Meridian fiel. Damit hatte der Globus zwar sein Grobraster, aber am Zeiger wurde weiter gedreht.
Ende 2007 ließ Venezuelas Präsident Hugo Cháves die Uhren um eine halbe Stunde zurückstellen. Mit der geschenkten Zeit wolle er sein Volk glücklicher machen, sagte Chávez. Kritiker fanden, der Venezolaner wolle aus lauter Eitelkeit eine eigene Zone, damit in seinem Land nicht mehr dieselbe Zeit gelte wie in den USA. Auch in Asien gibt es Zeit-Eigenbrötler, etwa Nepal, wo der Unterschied zum großen Nachbarn Indien ebenfalls ein Zeitzeichen setzen soll - selbst wenn es nur 15 Minuten sind.
Der russische Präsidentenberater Arkadij Dworkowitsch versuchte, die muntere Debatte jetzt wieder zu dämpfen. Allenfalls wolle man vielleicht eine Zone abschaffen. Für weitere Überlegungen sei es "noch zu früh".
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(SZ vom 14.11.2009/aho)
Führungsstreit der Linken